Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

„Hab´ ich gemusst leb´n weiter…“

Der Holocaust-Überlebende Moshe Bender (1932-2011) wohnte zeitweise als „Displaced Person“ in Ulm und Heidenheim

Von Dr. Wolfgang Proske


Moshe BenderMoshe Bender

Der 78-jährige Moshe Bender hatte Glück. Er überlebte als Jude den Holocaust. Geboren 1932 in der Nähe von Lodz in Polen (als Sohn von Juden aus der Gegend von Hamburg), wurde er als Kind nach dem deutschen Überfall auf Polen zusammen mit seinen Verwandten ins nächstgelegene Ghetto gezwungen. Nachdem seine Eltern am 5. Mai 1943 von deutschen Soldaten erschossen wurden, gelang dem Elfjährigen die Flucht. Er überlebte knapp eineinhalb Jahre im Freien, wanderte dabei ohne Ziel durch dichte Wälder.
Gelegentlich bekam er Nahrung von Bauern, die ihn zeitweise als „cowboy“ bei sich aufnahmen. Glücklich war er, wenn er sich nachts Rücken an Rücken von einer Kuh wärmen lassen konnte: Kühe, das wusste er bis zu seinem Tod, stehen nicht auf, wenn ein Mensch neben ihnen liegt und schläft. Dann fingen ihn Widerstandskämpfer ein und bildeten ihn militärisch aus. Nach Kriegsende 1945 verschlug es ihn unter anderem in die beiden „Displaced Persons“-Lager in Ulm und in Heidenheim. 1948 schließlich wanderte er als 16-jähriger nach Israel aus, holte die Ausbildung nach, wurde Techniker und lebte als Ruheständler in Ashkelon an der Küste des Mittelmeers, nur 15 Kilometer entfernt vom Gazastreifen. Moshe Bender starb im Kreise seiner Familie im Februar 2011.

Als „Displaced Person“, abgekürzt DP, wurden nach 1945 von den Alliierten Streitkräften Zivilpersonen bezeichnet, die „nicht an diesem Ort beheimatet“ waren. Gemeint waren damit insbesondere frühere Zwangsarbeiter, die von deutschen Soldaten und Polizisten ins Reich verschleppt worden waren oder ehemalige Insassen von Konzentrationslagern. Während sich aber ein großer Teil von ihnen nach 1945 trotz allem und auf eigene Faust wieder in die alte Heimat absetzen konnte, blieben andere in Deutschland zurück, nach all dem Geschehenen oft orientierungslos, niedergeschlagen und melancholisch. Einer von ihnen sagte: „Wir haben das Leben verlernt; wir können nicht mehr weinen; wir verstehen unsere Freiheit nicht … Wir leben nicht, wir sind noch tot.“ Sich selbst bezeichneten sie als „Rest, der entkommen ist“.

Wohin auch hätten sie gehen sollen: Oft handelte es sich um letzte Überlebende ihrer Familie. Für Osteuropäer galt, dass die alte Heimat keine mehr war. Die neuen politischen Verhältnisse waren vielen fremd. Und in ihren ehemaligen Häusern, so sie noch standen, lebten längst andere, die gegebenenfalls bereit waren, ihren neuen Wohnort gegen alte Ansprüche gewaltsam zu verteidigen. Auch musste man fürchten, bei einer Rückkehr der Kollaboration mit den Deutschen bezichtigt zu werden. So blieben etwa eine Million Menschen, oft Kranke oder Alte, ausgerechnet im Land ihrer ärgsten Widersacher zurück.

Deshalb richteten die amerikanischen Militärbehörden in Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen auch in Baden-Württemberg Wohnlager ein. In Ulm befand sich eins davon von Oktober 1945 bis zum 3. September 1949 in der Sedanstraße, ein weiteres existierte seit Oktober 1945 bis zum 5. August 1949 in Heidenheim in der Voithsiedlung. Das Lager Ulm wurde ab Mai 1946, das Lager Heidenheim ab August 1946 als jüdisches Lager fortgeführt, nachdem die Amerikaner jüdische DPs als eigene Gruppe anerkannt hatten. Zuvor waren sie manchmal sogar gemeinsam mit ehemaligen Peinigern untergebracht gewesen. Die Häuser der Ulmer Sedanstraße waren von den US-Streitkräften beschlagnahmt und ihre Bewohner zum Auszug gezwungen worden. Ähnlich lief das auch in Heidenheim. Wer in den DP-Lagern blieb, erhielt im April 1951 schließlich die Rechtsstellung „heimatloser Ausländer“. Die letzten von ihnen sind bis heute staatenlos.

Moshe Bender blieb wenigstens dieses Schicksal erspart. Bis dahin hatte er auch schon genug hinter sich gebracht. Von Kielce in Polen aus verschlug es ihn 1946 über Bratislava und Wien zuerst nach Bad Reichenhall. Er war einer von insgesamt 167.722 Juden, die in diesem Jahr in die amerikanische Zone des besetzten Deutschland strömten. Der Grund hierfür war ein erneut anschwellender Antisemitismus in den Ländern des Ostens.

Auch Bender erreichte Ulm 1946, doch zu einer Zeit, als er und seine Leidensgenossen in Ulm alles andere als willkommen waren. Dort glaubte man, sie würden von den Amerikanern protegiert und seien daher besser versorgt als die übrigen Stadtbewohner. Dazu kam die Kommunikationsunwilligkeit. Die Flüchtlinge hätten wohl viel zu erzählen gehabt, aber niemand fragte sie, und auch sie selbst wollten noch nicht über ihre Erlebnisse reden. Die meisten Ulmer weigerten sich, den historischen Tatsachen ins Auge zu blicken. Heute wissen wir: Zwölf bis vierzehn Millionen Menschen, darunter 6,3 Millionen Juden, waren zwischen 1933 und 1945 von vielleicht einer halben, vielleicht auch einer Million nationalsozialistischer Täter ermordet worden. Darüber hinaus waren unzählige zu Helfershelfern und Trittbrettfahrern der NS-Herrschaft geworden, immer zur Stelle, wenn es darauf ankam. Andererseits schrieb aber auch der damalige Ulmer Rabbiner Benzion Führer: „Für unsere Generation ist die Vernichtung unseres Volkes noch zu nahe, als dass wir das Unglück in seiner ganzen Universalität begreifen können. Eine gewisse Zeitdistanz ist notwendig, dass man sich mit unserer Volkstragödie in ihrer abgründigen Tiefe auseinandersetzen kann.“

Das sah Moshe Bender ähnlich. Erst in den letzten fünfzehn Jahren seines Lebens sprach er öffentlich über seine Erlebnisse, zum Beispiel vor deutschen Besuchern in der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Dabei nannte er seine Erfahrungen im Ghetto von Rawa Mazowiecka „eine Episode nicht von dieser Welt“ und sprach von einer „Hölle…, das lasst mich nicht ab das ganze Leb´n.“ Geradezu absurd: Obwohl in Ulm und in Heidenheim überlebende Zeugen des Holocaust Haus an Haus inmitten des Landes der Mörder wohnten, scheint niemand den schuldhaften Zusammenhang zwischen der europaweiten Judenverfolgung im NS-Staat und der jetzigen Ankunft jüdischer DPs aus ganz Europa auch nur erkannt zu haben. Im Gegenteil sahen die meisten Ulmer in den DPs bald nur noch arbeitsscheue Müßiggänger, deren einziges Interesse in Schwarzmarktgewinnen bestehe. In tragischer Kontinuität wollte man alle DPs so schnell wie möglich wieder loswerden, wohin auch immer. Dass sich beispielsweise zwei Familien ein Zimmer zu teilen hatten, wurde nicht zum Gegenstand von öffentlicher Erregung. Man lebte zwar in einer Stadt, dabei aber geistig und räumlich getrennt wie in Parallelwelten. Und auch den DPs fehlte es an Selbstbewusstsein, ihre Erlebnisse lautstark herauszuschreien, wie das aus heutiger Sicht nur allzu verständlich gewesen wäre. Zwischen den beiden Welten regierte das große Schweigen, oft gepaart mit wechselseitiger Verachtung.

Heidenheim pendelte er, weil hier eine Schwester Zuflucht gefunden hatte. Gemeldet war er in Ulm, aber er wohnte mal hier, mal dort. Inzwischen hielt er Kontakt zu einer zionistischen Organisation namens „Ha Schomer HaZair“. Das war ein sozialistisch-laizistischer Jugendverband, der für die Auswanderung nach Israel warb und Emigranten auf ein Leben im Kibbuz vorbereitete. Kontakte zu deutschen politischen Parteien bestanden nicht, ebenso wenig wie Kontakte zur Ulmer Bevölkerung. Über Schwarzhandel mit Konserven, Zigaretten usw. weiß er nur soviel, dass dieser Handel von solchen betrieben wurde, die Zugang zu den Lagerstätten der Hilfsorganisationen hatten. Sie hätten auf eigene Verantwortung Waren gestohlen und weiterverkauft. Wer diesen Zugang nicht hatte, der sei auch nicht in den Schwarzhandel verwickelt gewesen.

Für sich sah er ein ganz anderes Ziel: Er wollte baldmöglichst seine Ausreise nach Israel erreichen. In der Zeitung „Lager 627“, die von Bewohnern des DP-Lagers Heidenheim herausgegeben wurde, wird die Stimmung dieser Zeit sehr plastisch geschildert: „Man sehnt sich nach einem besseren Leben, nach Freiheit, nach Ruhe, nach menschlicher Wärme, nach Familienleben und menschlichen Lebensbedingungen… Es sorgt keiner für unsere Zukunft. Wir sind ohne Boden, ohne ein Heute und ohne ein Morgen. Wer hätte das vor einem Jahr glauben wollen, dass wir uns ein Jahr später noch in den Lagern befinden, Gnadenbrot essen, vom Nichtstun leben und mit der Auswanderung nach Palästina immer noch am Anfang stehen?“ Immerhin: Zum körperlichen Ausgleich spielte er Fußball in einer Lagermannschaft. Das war wichtig, denn so gewann er ein Stück Normalität zurück. Doch typisch: Man spielte gegen andere DP-Lager, aber nie gegen deutsche Mannschaften. Immerhin gab es einen deutschen Trainer; an den Namen konnte er sich allerdings nicht mehr erinnern.

Am 11. Juli 1947 war er dann einer von 4515 Passagieren auf der „Exodus“, einem ausrangierten Schiff der Amerikaner, das von Sète in Südfrankreich nach Palästina fahren sollte. Die Verhältnisse an Bord werden im Nachhinein als menschenunwürdig beschrieben: Drangvolle Enge, kaum Platz, um auch nur zu schlafen, von den hygienischen Verhältnissen ganz zu schweigen. Kurz vor Haifa wurde am 18. Juli die Anlandung von der damals in Palästina regierenden britischen Militäradministration verboten. Um Konflikte zwischen Arabern und Juden zu vermeiden, stellte diese auch nach 1945 jährlich lediglich 1500 Einreisezertifikate aus, auch für Überlebende des Holocaust. 4500 Menschen wurden nach harten Auseinandersetzungen auf nunmehr drei Schiffe aufgeteilt und mussten gegen ihren Willen wieder nach Deutschland zurückkehren. Nach Zwischenaufenthalten erreichten sie am 8. September Hamburg, wurden dort gewaltsam aus ihrem Schiff geholt und in die Lager „Pöppendorf“ und „Am Stau“ in der Nähe von Lübeck gebracht. Die Lager unter Kontrolle der britischen Armee waren von Stacheldraht, Wachtürmen und Scheinwerfern umgeben. Niemand durfte das Lager verlassen. Moshe Bender sprach kaum darüber, aber einer der Insassen sagte später aus, man habe sich erneut im Konzentrationslager befunden.

Doch inzwischen hatten die Flüchtlinge gelernt, Interessen insbesondere durch gemeinsame Verweigerung durchzusetzen. Auch fiel die Reaktion der internationalen Presse, die seit der neuerlichen Einreise im Hamburg auf den Fall aufmerksam geworden war und ausführlich berichtete, verheerend für die britische Regierung aus. Schließlich zogen am 6. Oktober die Wachen ab; die Menschen waren wieder frei. Moshe Bender gelang es noch im gleichen Jahr, in einem zweiten Anlauf als 16-jähriger nach Israel einzuwandern.

Gab es noch etwas, das er uns heute sagen möchte? „Alle Bürger Möglichkeit muss hab´n recht zu leb´n…“ Und: „Meine Kinder, meine Enkel sollten auch nicht brauchen kämpfen wie ich hab´ gebraucht.“ Moshe Bender war einer der letzten, den man in solch urspünglichem Jiddisch zitieren kann. Seine Sprache war auch uns heutigen Deutschen bestens verständlich und verweist auf eine Kultur, die durch das Verschulden der Nazis in Deutschland und in weiten Teilen Europas nicht länger existiert.

Literatur:

  • Haus der Geschichte Baden-Württemberg (Hg.): Untergang und Neubeginn. Jüdische Gemeinden nach 1945 in Südwestdeutschland, Heidelberg 2009.
  • Darin u. a.: Maihoefer, Christof: Jüdische Displaced Persons in Ulm bis 1950
  • Hoffmann, Alfred: Von Opfern und Tätern. Beiträge zu einer anderen Heimatgeschichte (Aufsätze 1994-2010), Heidenheim 2010 im Selbstverlag. Darin zwei Aufsätze über Displaced Persons in Heidenheim. Erhältlich über: alfredhoffmann@gmx.net
  • Fritz-Bauer-Institut (Hg.): Überlebt und unterwegs. Jüdische Displaced Persons im Nachkriegsdeutschland, Frankfurt/New York 1997
  • Königseder, Angelika / Wetzel, Juliane: Lebensmut im Wartesaal. Die jüdischen DPs im Nachkriegsdeutschland, Frankfurt/M. 1994
  • Jacobmeyer, Wolfgang: Vom Zwangsarbeiter zum heimatlosen Ausländer. Die Displaced Persons in Westdeutschland 1945-1951, Göttingen 1985
  • Gruber, Ruth: Die Irrfahrt der Exodus, Zürich 2002

Dr. Wolfgang Proske, geb. 1954, Diplom-Sozialwissenschaftler und Geschichtslehrer am Buigen-Gymnasium Herbrechtingen und am Abendgymnasium Ostwürttemberg, Promotion 1989 bei Prof. Dr. Imanuel Geiss, Universität Bremen. Letzte Veröffentlichung (als Herausgeber): Täter Helfer Trittbrettfahrer - NS-Belastete von der Ostalb, Ulm/Münster 2010, ISBN 978-3-86281-008-6 (das Buch ist beim Verlag vergriffen, im Internetbuchhandel aber noch erhältlich).