Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

Täterforschung als Herausforderung für die historisch-politische Bildung

Konzeptionelle und methodische Überlegung zur pädagogischen Arbeit mit Täterbiographien

Von Stefan Querl


„Viele Vollstrecker und wenige Verweigerer“: Die Kuratoren, Projektleiter und Berater der Berliner Polizeiausstellung, die unter dem Titel „Ordnung und Vernichtung“ im Deutschen Historischen Museum (DHM) erfreulicherweise bis zum 28. August verlängert worden ist, bringen mit der Überschrift den aktuellen Stand der NS-Täterforschung treffend zum Ausdruck. Und wer in der Präsentation die mit Punkten schier übersäten Landkarten Osteuropas sieht, die Tatorte markieren, an denen „Freunde und Helfer“ zu Henkern wurden, wird sich als Multiplikator der Einsicht nicht entziehen können, dass wir in Erinnerungsprojekten, bei Gedenkstätten-Exkursionen, im Schulunterricht oder in anderen Bildungskontexten das Ausmaß der Massenverbrechen völlig unzureichend eingrenzen, wenn wir Jugendliche und Erwachsene allein auf frühere Konzentrationslager verweisen oder uns in der historischen Vermittlung thematisch nur bei SS, Wachmannschaften, Wehrmacht oder Wannseekonferenz-Teilnehmern aufhalten. Viele Brüche und Kontinuitäten liegen auf der Hand (siehe Medizin, Justiz, Banken, Landwirtschaft und Zwangsarbeit, einzelne Firmen, Finanzverwaltung oder der Bundesnachrichtendienst), ebenso die Schwierigkeiten in der Geschichtsvermittlung – z.B. durch stetes Reden in Anführungsstrichen, das uns der Holocaust aufgibt, jedoch längst nicht immer richtig verstanden und eingeordnet wird.

So hat das Forschen und Fragen nach den NS-Tätern gerade an sehr unterschiedlichen Erinnerungsorten museale Inszenierungen, Metaphern oder Macharten von Ausstellungselementen hervorgebracht, die zum Teil nachdenkenswert, zum Teil aber auch experimentell, manchmal plump pädagogisiert oder aber im positiven Sinne kritikwürdig und diskutierbar sind. Erst recht, wenn die Architektur zusätzliche Macht oder gar Anziehung ausübt wie im Falle Prora oder der ehem. „Ordensburg“ Vogelsang in der Eifel. Nürnberg versuchte es nach dem Krieg zunächst mit einem Konzept der „entwertenden Nutzung“ von Reichtsparteitagsgelände und unfertiger Kongresshalle, beispielsweise als Abladeplatz für abgeschleppte Autos. Im beeindruckenden Museumsneubau von Yad Vashem in Jerusalem nimmt seit rund sechs Jahren ein Spinnennetz an der Decke die Besucher symbolisch gefangen, wenn sie sich lesend den Täterbiographien nähern. In der „Hitler und die Deutschen“-Ausstellung (ebenfalls DHM Berlin) war es jüngst ein großer Wandbehang mit Kreuzen, Hakenkreuzen und „Vater Unser“-Gebet aus der Jakobikirche in Rotenburg an der Fulda, an dem NS-Frauenschaft und Christinnen gemeinsam gestickt hatten, um „dem Führer entgegen zu arbeiten“. Am Geschichtsort Villa ten Hompel in Münster fehlt das Adolf-Hitler-Wandbild gänzlich. Eine als bewusste Inszenierung nachträglich aufgebrachte Staubschicht über dem Kamin fällt dem aufmerksamen Ausstellungsbesucher auf, wo das Porträt im Büro der damaligen Schreibtischtäter hing. Orange- und erdfarbene Sitzsäcke sollen die Perspektive des „Obergruppenführersaals“ der Wewelsburg (Kreis Paderborn) brechen helfen: Das dortige, mit seiner spannenden neuen Ausstellung bundesweit beachtete Kreismuseum, die Stiftung Topographie des Terrors sowie die Vereinigung Gegen Vergessen – Für Demokratie in Berlin und die Bundeszentrale für politische Bildung luden vor kurzem zum 55. Bundesweiten Gedenkstättenseminar ein, bei dem die wichtigen Fragestellungen der Täterforschung u.a. mit Harald Welzer intensiv diskutiert und erörtert worden sind. Es war erfreulich und fruchtbar, dass es nicht allein um Harald Welzer, seine und Sönke Neitzels „Soldaten“ aus der gleichnamigen Publikation ging.
Noch so ein heikles pädagogisches Problem sei hier angerissen: Fast alle Aufnahmen zur Täterschaft bilden ordentlich frisierte Männer in Uniformen oder zwangsweise nach den Lagerbefreiungen vorgeführte Mordgehilfen vor Gräbern und Leichenbergen ab. Die eigentliche „Tat als Bild“ (Habbo Knoch) ist schwieriger zu fassen, zumal etliche Opferschicksale und das Grauen bilderlos sind und bleiben, es auch bleiben müssen.

Seit dem Prozess gegen Eichmann und dem Todesurteil in Jerusalem, seit den Frankfurter Auschwitz-Prozessen und weiteren spektakulären Strafverfahren, vor allem aber auch seit den Medien- und Ausstellungsereignissen späterer Jahrzehnte oder den großen Kontroversen, die sich durchaus fruchtbar in der Geschichtswissenschaft vollzogen, hat die Frage nach NS-Täterschaft eine besondere Breite, Relevanz und damit auch Brisanz bekommen. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien hier die Ausstrahlung von „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“, der Historikerstreit, die Debatte um die beiden Wehrmachtsausstellungen oder jüngst um die schon kurz erwähnte Rolle des Auswärtigen Amtes genannt. Der Bedeutungszuwachs ist insbesondere bemerkenswert als dass inzwischen als Konsens der Forschung festgehalten werden kann, dass ein rein juristischer Täterbegriff die Dimensionen von Verbrechen und Verhalten unter den Bedingungen der Diktatur zwischen 1933 und 1945 und den Besatzungsapparaten im Europa des Zweiten Weltkrieges keineswegs umfassend abbildet: Denunzieren, „Arisieren“, Deportieren, Selektieren, Kollaborieren, Profitieren, Morden, durch Arbeit und Ausbeutung Vernichten oder Gleichgültigkeit zeigen, Gerüchten glauben, Illusionen und „Endsieg“-Visionen erliegen, „Dienst nach Vorschrift tun“ und gar – als eifriger Mörder oder eben auch als Schreibtischtäter - „dem Führer entgegen arbeiten“: Das sind Spektren gängiger, zugleich eben nur schwer fassbarer Verhaltensweisen, die Herrschaft als „Soziale Praxis“, um mit Alf Lüdtke zu sprechen, greller ausleuchten als überkommene, zum Teil verschleiernde Zuschreibungen vom Nationalsozialismus als der „dunklen Zeit“.

Deutlich sichtbar steht vielmehr über zahllosen neuen Studien, Biographien und auch den schon erwähnten Ausstellungen in Gedenkstätten oder zeitgeschichtlichen Museen die Erkenntnis, dass die NS-Verbrechen nicht nur Massen betrafen, sondern auch Massen an ihnen beteiligt waren. Überdeutlich ist sicht- und belegbar, dass der „Führerstaat“ gleichermaßen bürokratische wie auch blutige Partizipationsangebote für „ganz normale Männer“ (Christopher Browning) und Frauen schuf, die das Ausmaß des Verfolgens, Mordens, Mitmachens und Wegschauens im Prozess der Shoah als umso größer und abscheulicher erscheinen lassen. Das NS-Regime war über eine bedeutsame Periode Zustimmungsdiktatur, wenn auch um die Grenzen jener Zustimmung in der Mehrheitsgesellschaft sowie um Motive und Mentalitäten der Täter hart gerungen wird im Diskurs zwischen Erlebnisgenerationen, Wissenschaft, Medien, Fachwelt und Öffentlichkeit. Genau hier beginnt jedoch angesichts des Erkenntnisgewinns in der NS-Täterforschung das Dilemma, auf das etwa Michael Wildt dringt, wenn er warnt: „Wer alle zu Tätern erklärt, erklärt am Ende nichts mehr.“

Dieser Hinweis ist durchaus als eine Herausforderung und Handlungsmaxime für die historisch-politische Bildung zu verstehen. Es gilt zu differenzieren und sich vom Klischee der Täter als reine Befehlsempfänger oder bloße Bestien zu lösen, um jene „Karrieren der Gewalt“ (Klaus-Michael Mallmann und Gerhard Paul) differenzierter zu skizzieren und die Handlungsspielräume, die in aller Regel bestanden, auch jenen jungen Menschen aufzuzeigen, für die das Entdecken eines außerschulischen Lernorts oftmals nach entsprechender Vorbereitung im Unterricht eine erste persönliche Auseinandersetzung mit „Aura“ und vermeintlicher „Authentizität“ bedeutet (eine Problematisierung dieser Begriffe wäre angebracht, was jedoch den Rahmen dieses Essays sprengen würde). Nicht eindimensional zu arbeiten und Diskussionen über „Verführung und Gewalt“ (Hans-Ulrich Thamer) oder auch über Grauzonen im Blick auf Täterschaft anzustoßen – das fällt möglicherweise konkret in einem Umfeld leichter, das historisch nicht mit der Last von qualvollem Leid, Mord, Zwangsarbeit und Folter belegt ist. Während des Zweiten Weltkrieges war die Villa ten Hompel ein Dienstsitz von Schreibtischtätern, denn in Münster residierte der BdO, der Befehlshaber der Ordnungspolizei für den Wehrkreis VI, der u.a. Westfalen und die damalige preußische Rheinprovinz umfasste (später auch einen Teil der besetzten Niederlande und anderer Gebiete). Ab 1954 war in dem repräsentativen Wohngebäude, das die Industriellenfamilie ten Hompel in der Weimarer Zeit hatte errichten lassen, das Dezernat für Wiedergutmachung der Bezirksregierung Münster untergebracht. Allein rund 12.000 Fälle von NS-Verfolgten oder von Angehörigen der Opfer, die Anträge stellten, mühsam oder zum Teil vergeblich um Wiedergutmachung und Anerkennung der Verfolgung rangen, sind aus der Nachkriegszeit dokumentiert.

1999 wurde das Haus als Geschichtsort in Trägerschaft der Stadt Münster bewusst öffentlich zugänglich gemacht. Es ist seitdem ein Zentrum zur Auseinandersetzung mit dem Polizei- und Verwaltungshandeln unter den verschiedenen Vorzeichen von Diktatur und Demokratie, wobei der Forschungs- und Bildungsauftrag bewusst das gesamte 20. Jahrhundert in den Blick nimmt, also nicht nur die Phase des NS-Terrors. Seit dem 10. November 2010 ist die Villa ten Hompel mit der International School for Holocaust Studies (ISHS) in Yad Vashem über eine Bildungspartnerschaft eng und herzlich verbunden, zumal das pädagogisch-wissenschaftliche Angebot als fundiert und als innovativ gilt, indem es etwa durch Exkursionsprogramme Brücken zwischen dem „Tatort Schreibtisch“ in Münster und KZ- oder Ghetto-Gedenkorten wie Riga schlägt. So beherbergt die Villa ten Hompel das Vorstandsbüro des Arbeitskreises aller Gedenkstätten in Nordrhein-Westfalen. Der Vorsitzende ist Alfons Kenkmann, der mit dem Leiter des Geschichtsorts, Christoph Spieker, gemeinsam die Haus- und Ausstellungskonzeptionen auf den Weg brachte, auch gegen anfängliche politische Skepsis.

Zwei zentrale Prämissen gelten seither am Geschichtsort Villa ten Hompel für jedes Projekt, das eine historische Annäherung an NS-Täterinnen und Täter mit sich bringt, sei es mit jungen Menschen, Senioren oder mit Berufstätigen, die mitten im Leben stehen: Multiperspektivität und Meinungsfreude. Beide Postulate mögen denen, die schon geraume Zeit gedenkstättenpädagogisch arbeiten und auf Höhe der Zeit unterrichten in Schulen, nicht gerade neuartig, vielleicht sogar wie eine banale Binsenweisheit vorkommen. Doch die Umsetzung steckt voller Ecken, Fallen und Kanten, da Dokumente zum Täterhandeln schon von ihrem Entstehungskontext her durchweg komplizierter, meist auch langatmiger erklärt oder zeit- und räumlich eingeordnet werden müssen als fast alle anderen Quellen zur Zeitgeschichte. Genannt seien nur die schon erwähnten Bilder von KZ-Befreiungen, dazu Aussagen oder aber andere Zitate aus Ermittlungs- oder Gerichtsakten und Verhandlungen, deren perspektivische Verzerrung auf der Hand liegt (etwa als Verteidigungsstrategie wie das wahlweise Pochen auf die Allmacht des „Führers“ oder des örtlichen Kommandeurs sowie den vermeintlichen „Befehlsnotstand“). Schon allein die Erkenntnis, dass jede Auswahl an Text, Bild, Ego-Dokument oder Objekt und jede quellenkritische Vorüberlegung zu einem ausgeprägten Problem heranwächst, weil die übliche pädagogische Art von „Pars pro toto“-Denken jede gut gemeinte Vermittlungsabsicht oder didaktisch-methodische Reduktion dominant überlagern kann, ist eine gefährliche Klippe. Das Zulassen von Fragen, die nicht unbedingt politisch korrekt oder sozial erwünscht sind, eine weitere, und zwar in jedem Seminar mit Schülerinnen und Schülern aufs Neue. Unauflösbar bleibt genau jener Widerspruch in der Erwartung und Wahrnehmung, den Frankfurter Allgemeine sowie Süddeutsche Zeitung in ihren Kommentierungen zum Münchener Demjanjuk-Urteil problematisierten. Obwohl nur nach Recht, Gesetz und vor allem nur anhand der allein schon historisch höchst komplexen Beweisaufnahme im Hauptverfahren abgewogen werden dürfe, müsse und könne, sei es doch die ganze Zeit um mehr als nur um diesen Einzelfall gegangen. „Wozu Gedenkstätten?“, fragte Jan-Philipp Reemtsma vor Jahren schon provokativ. „Wozu taugen die Beispiele, die wir herausgreifen?“, ist die m.E. schwerste Folgefrage für die Praxis an diesen Orten.

Stefan Querl wirkt seit zehn Jahren an Gedenkstättenfahrten des Geschichtsortes Villa ten Hompel mit. Sie führten ihn u.a. an die Gedenkorte in Riga und St. Petersburg, nach Auschwitz, Treblinka, Groß Rosen sowie Westerbork, nach Bergen-Belsen, Neuengamme und Buchenwald sowie mehrfach nach Yad Vashem und in die ISHS. Er gehört als päd.-wiss. Mitarbeiter zum festen Team im Bildungsdezernat der Stadt Münster, das in der Villa ten Hompel Seminare anbietet. Zuvor war er in der Journalistenschule Ruhr(WAZ-Mediengruppe) in der Medienpädagogik tätig.