Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

Hilde Sherman (1923–2011) in Jerusalem verstorben


Hilde Sherman in ihrer Wohnung in Jerusalem, 2011Hilde Sherman in ihrer Wohnung in Jerusalem, 2011

„Diese Ereignisse überstiegen einfach unsere Vorstellungskraft. Wir hatten zwar jüdische Geschichte gelernt, aber das war doch alles finsteres Mittelalter gewesen, fast Steinzeit! Doch nicht jetzt! Doch nicht mit uns! Trotzdem hätten wir es besser wissen müssen. Dafür schreibe ich dieses Buch: Damit meine Kinder und deren Kinder nicht eines Tages glauben, es wäre nur Geschichte gewesen.

Geschichte, ja: Die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Inszeniert vom Volk der Denker und Dichter. Und toleriert von der ganzen Welt...“[1]

Diese Worte stammen von Hilde Sherman, Überlebende aus Deutschland, ausgewandert nach Kolumbien, wo sie sich nach dem Krieg niederließ. In späteren Jahren kam sie nach Israel.
Hier, in Jerusalem, ist Hilde Sherman, geboren als Hilde Zander im Jahr 1923 in Mönchengladbach, vor wenigen Wochen im Alter von 88 Jahren gestorben.

Im Dezember 1941, als die systematische Deportation von Jüdinnen und Juden aus Deutschland einsetzte, meldete sich Hilde freiwillig zum Transport, um damit der Trennung von ihrem damaligen Verlobten, Kurt Winter, zu entgehen, dessen Name auf der Transportliste stand. Innerhalb von wenigen Tagen entschloss sich das junge Paar zur Heirat und trat dann am 11. Dezember 1941 gemeinsam den Transport an. Wie viele deutsche Juden wurden auch Hilde und Kurt Winter nach Lettland ins Ghetto Riga verschleppt. Hilde überlebte als Einzige ihrer Familie den Holocaust, ihr Mann wurde, ebenso wie ihre Eltern, ermordet. Nach Kriegsende heiratete Hilde Sherman den lettischen Juden Willy Sherman und emigrierte mit ihm gemeinsam nach Kolumbien. Erst in den 80er Jahren begann Hilde Sherman, ihre Erinnerungen niederzuschreiben. Ihr Buch "Zwischen Tag und Dunkel. Mädchenjahre im Ghetto" erschien 1984 im Ullsteinverlag und ist im Handel bereits vergriffen. Sie legte auch in Yad Vashem in deutscher Sprache einen Bericht ihrer Erlebnisse ab, der in transkribierter Form im Archiv aufbewahrt wird.

Hilde Sherman als junge Frau nach dem Holocaust Hilde Sherman als junge Frau nach dem Holocaust

Wer in den letzten Jahren ein Seminar an der ISHS besucht hat, wird Teile dieses Berichts vermutlich gut im Gedächtnis haben. Denn ihre minutiöse und detailreiche Beschreibung der Tortur, die das junge Ehepaar im Transport von Düsseldorf nach Riga durchzustehen hatten, wurde vom pädagogischen Team der ISHS in Yad Vashem als erhellendes Gegenstück zu einem weiteren Zeitdokument verwendet, das wiederum in seinen zutiefst "gegenmenschlichen" Dimensionen Aufschluss über die furchtbare Dynamik gibt, die sich während der Zeit des NS zwischen den Tätern und ihren Opfern entfaltete: dem Bericht des Polizeihauptmannes Paul Salitter, der den Transport von 1007 jüdischen Bürgerinnen und Bürgern von Düsseldorf nach Riga begleitete und für die Überstellung der Juden im Ghetto Riga verantwortlich war, unter ihnen das frisch verheiratete Paar Hilde und Kurt Winter. Die Materialien wurden in Zusammenarbeit mit Jürgen Düttmann, Archivpädagoge und Seminarabsolvent an der ISHS, zu einem schmalen Band mit dem Titel "Deportationen. Opfer, Täter und Mitläufer" zusammengestellt.

Mitarbeitern unserers Team war es im Februar dieses Jahres noch möglich, Frau Sherman in ihrer Wohnung in Jerusalem zu besuchen. Frau Sherman stellte uns ein Foto aus ihrer Jugendzeit zur Verfügung, und auch eine der letzten Aufnahmen von Hilde Sherman entstanden bei diesem Besuch.

Die letzten Jahre ihres Lebens hat Hilde Sherman in Jerusalem verbracht, wo sie vor einigen Wochen verstarb. Möge ihr Andenken gesegnet sein.


[1] Hilde Sherman: Zwischen Tag und Dunkel. Mädchenjahre im Ghetto, Ullstein Verlag: Frankfurt a. M./Berlin, 1993 (4. Auflage), S. 21.