Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

Adolf Eichmann vor Gericht

Hintergründe zum Prozess in Jerusalem

Von Yael Weinstock Mashbaum



Adolf EichmannAdolf Eichmann

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, insbesondere mit dem Beginn der intensiven Suche nach ehemaligen Nazis und den einsetzenden Kriegsverbrecherprozessen, wurde die Funktion Adolf Eichmanns bei der Durchführung der sogenannten „Endlösung“ auf verschiedene Weisen interpretiert. Eichmann stand als Leiter des RSHA (Reichssicherheitshauptamt) im Dienste der Gestapo und der SS und war letztendlich verantwortlich für die Deportation von mehr als 1,5 Millionen Juden und Jüdinnen aus ganz Europa in die Vernichtungszentren in Polen und der Sowjetunion.

Es war die Besonderheit seiner Arbeit, die ihn zu einem notorischen Kriminellen machte, obwohl er von manchen als bloßer Bürokrat betrachtet wurde, der einfach hinter seinem Schreibtisch seine Tätigkeiten verrichtete. Nach dem zweiten Weltkrieg gelang Eichmann die Flucht nach Argentinien, wo er unter dem Namen Ricardo Klement mit seiner Familie fünfzehn Jahre lang in Sicherheit leben konnte. 1960 wurde Eichmann von Mitgliedern des Mossad entführt und nach Israel gebracht, um ihn vor Gericht zu bringen.


Hintergründe

Seit den 60er Jahren wurde über die Funktion und Rolle von Adolf Eichmann viel diskutiert, insbesondere, ob seine Arbeit als einfacher Bürokrat lediglich darin bestand, Befehle entgegenzunehmen, oder ob Eichmann als dämonisches Monster anzusehen sei, verantwortlich für die Deportation von Juden, die wie Vieh in den Tod transportiert wurden. Während der Wannseekonferenz im Januar 1942, an der auch Eichmann teilgenommen hatte, wurde der Genozid an den europäischen Juden koordiniert. Von diesem Zeitpunkt an bis 1944 war Eichmann für den reibungslosen Ablauf der Deportationen verantwortlich. Er arbeitete akribisch und sorgfältig, fest von der Richtigkeit seines Tuns überzeugt. Hannah Arendt, die den Eichmann-Prozess beobachtet hatte, behauptete später, Eichmann sei ein einfacher Bürokrat gewesen, der wie der Geschäftsführer eines großen Unternehmens handelte, dessen Tätigkeit allerdings die Durchführung eines Genozids war. Für all jene hingegen, die nach Beweisen für Eichmanns dämonische Züge suchten, boten die Ereignisse, die sich 1944 in Ungarn abspielten, umfangreiches Material. Als Deutschland Ungarn im März 1944 besetzte, lebten dort 750.000 Juden. Während der nächsten Monate wurden 437.000 Juden in Ghettos gesperrt und nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Eichmann organisierte diese Deportationen nicht von seinem Schreibtisch in Berlin aus, sondern fuhr eigens nach Ungarn, um persönlich diese Operation durchzuführen. Er war so leidenschaftlich was die Deportation und Ermordung der ungarischen Juden betrifft, dass er sogar mit Himmler in Konflikt geriet, als dieser Zweifel hegte. Während des Prozesses wurde erachtet, dass die Vernichtung der ungarischen Juden ein eigenes und separates Kapitel in der Anklageschrift darstellen sollte. Die meisten Darstellungen von Eichmanns Leben behandeln zudem die ungarische Episode als den Höhepunkt seiner Grausamkeit.[1]

Eichmanns Funktion bei der Durchführung der Endlösung, sowie die Details für den abscheulichen Plan das europäische Judentum vollständig zu vernichten, waren bis zum Prozess, fünfzehn Jahre nach Ende des Holocaust, noch nicht bekannt. Obwohl Eichmann erklärte, er trage kein Blut an seinen Händen, wurde während der Ermittlung immer deutlicher, dass zahlreiche historische Dokumente, die den Transport von Menschen in den Tod bezeugten, Eichmanns Namen trugen.


Der Prozess

Gegen Adolf Eichmann wurden fünfzehn Anklagepunkte verlesen. Die ersten vier behandelten Verbrechen gegen das jüdische Volk. Der erste Anklagepunkt betraf die Verursachung des Todes von Millionen von Juden, die Erteilung von Befehlen für die Vernichtung der Juden in Deutschland, der Achse und den besetzten Ländern und die Sicherstellung der Belieferung von Auschwitz mit Zyklon B.

Der zweite Anklagepunkt beschuldigte Eichmann für Millionen von Juden Lebensbedingungen geschaffen zu haben, die ihren körperlichen Verfall beschleunigten, sie versklavt, in Ghettos gepfercht und sie unter unmenschlichsten Bedingungen in den Tod getrieben zu haben.

Der dritte Punkt betraf den „schweren Schaden“ der Millionen von Juden durch Versklavung, Verhungern, Massenverhaftung, Schläge und wirtschaftlichen Boykott zugefügt worden war. Der vierte Anklagepunkt machte Eichmann für Sterilisationen und Zwangsabtreibungen an zahlreichen Orten, besonders in Theresienstadt im Jahre 1942, verantwortlich.

Die nächsten Anklagepunkte fielen in die Kategorie von Verbrechen gegen die Menschheit und Kriegsverbrechen. Mit diesen Punkten wurde Eichmann wegen Mordes, Vernichtung, Versklavung, Verhungern lassen und Vertreibung der jüdischen Zivilbevölkerung angeklagt, sowie der Verfolgung von Juden aus nationalistischen, rassistischen und religiösen Gründen und besonderen Fällen von Enteignung und Ausplünderung von Juden.

Eichmanns Angriffe gegen Nichtjuden bildeten das Zentrum der Punkte neun bis zwölf der Anklageschrift. Diese beinhalteten die Deportation von 500.000 polnischen Zivilisten und 14.000 Slowenen unter unmenschlichen Bedingungen, die Deportation und Konzentration von zehntausenden Sinti und Roma und die Deportation von 100 Kindern aus dem tschechischen Lidice nach Polen, wo sie wahrscheinlich ermordet wurden. Die letzten drei Anklagepunkte befassten sich mit Eichmanns Mitgliedschaft in feindlichen Organisationen, wie der SS, des SD und der Gestapo.[2]

Obwohl es einige internationale Kontroversen über die Entführung Eichmanns aus Argentinien gab, war Israels Premierminister David Ben-Gurion fest von der Notwendigkeit eines Prozesses in Israel überzeugt, „damit die junge Generation, die in Israel aufwächst und erzogen wird, die nur eine vage Idee von diesen unvorstellbaren Grausamkeiten hat, erfahren kann, was tatsächlich passiert ist.“[3]

Eichmann im Gerichtssaal, Jerusalem, 1961Eichmann im Gerichtssaal, Jerusalem, 1961

Bis dato wurden zwar bereits einige Prozesse gegen Kriegsverbrecher geführt, wie die berühmten Nürnberger Prozesse, der Eichmann-Prozess erhielt allerdings besondere internationale Aufmerksamkeit und brachte die Naziverbrechen in die Schlagzeilen der weltweiten Öffentlichkeit. Es wurde beschlossen den Prozess im Fernsehen aufzuzeichnen, sodass Menschen in der ganzen Welt die Geschehnisse in Jerusalem verfolgen konnten. Ironischer Weise konnten jedoch nur wenige Israelis den Prozess im Fernsehen verfolgen, da in Israel zu diesem Zeitpunkt noch kein Programm ausgestrahlt wurde. Insbesondere in den USA konnte man jedoch den Prozess täglich als Livereportage mitverfolgen, sowie eine einstündige Zusammenfassung am Ende jedes Verhandlungstages angesehen werden. Eine Gruppe von rund 545 Journalisten, Diplomaten und internationalen VIP´s hatten im Gerichtssaal Platz genommen. Eichmann saß in seinem Anzug hinter kugelsicherem Glas und zeigte nahezu keine emotionalen Regungen während des gesamten Prozesses. Es wird angenommen, das dieses Auftreten Teil seiner Verteidigungsstrategie war, um das Argument abzuwehren, er sei leidenschaftlich in seiner Tätigkeit verfahren.

Während des Prozesses wurden die Berichte von Überlebenden zum ersten Mal von der israelischen Öffentlichkeit wahrgenommen. Dies spielte eine zentrale Rolle in der Bekanntmachung der von Eichmann begangenen Verbrechen. Schlussendlich wurden 110 Holocaustüberlebende gehört, die den Umfang der Naziverbrechen in Europa und die antijüdischen Maßnahmen, die sie selbst erlebt hatten, bezeugten. Diese Zeugnisse bezogen sich nicht allein auf Ereignisse, in die Eichmann involviert gewesen war, weil die Anklage nach Zeugen und Dokumenten für jede Phase der Judenverfolgung suchte.[4] Zusätzlich gab es andere Überlebende die erklärten, sie hätten Eichmann in verschiedenen Ghettos und Lagern selbst gesehen. Obwohl diesen Zeugenaussagen nicht immer zweifelsfrei geglaubt werden konnte, war es wichtig für die Anklage Avraham Gordon zu hören, der als einziger Überlebender aussagen konnte, dass Eichmann einen Menschen mit seinen eigenen Händen ermordet habe. Eichmann wurde aufgefordert, zu verschiedenen Beweisstücken und Dokumenten Aussagen zu machen. Im Allgemeinen erklärte er nur Befehlen gefolgt und den Anspruch gehabt zu haben, seine Aufgaben zufriedenstellend und effizient zu lösen.

Das Urteil

Eichmann im Gefängnis, Jerusalem, 1961Eichmann im Gefängnis, Jerusalem, 1961

Am 15. Dezember 1961 wurde das Urteil verkündet. In den Anklagepunkten eins, zwei und drei, den Verbrechen gegen das jüdische Volk, befanden die Richter, dass es zwischen 1941 und 1945 keinen Ort gegeben habe, an dem der Angeklagte nicht auf die eine oder andere Weise mit unterschiedlich intensivem Engagement im Vernichtungsprozess tätig gewesen wäre. Für die Zeit zwischen 1938 und 1941 konnte jedoch ein Vorsatz, die Juden zu vernichten oder Bedingungen herzustellen, die zu ihrer Vernichtung führen sollten, nicht zweifelsfrei bewiesen werden und so wurde er in diesem Punkt freigesprochen. Außer im Fall von Theresienstadt gab es auch keine Beweise, dass Eichmann Sterilisationen angeordnet hatte, sodass er auch in Punkt vier freigesprochen wurde. Eichmann wurde der Verbrechen gegen die Menschheit, den Anklagepunkten fünf bis sieben schuldig gesprochen. Er wurde ebenfalls für die Anklagepunkte acht bis elf verurteilt, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen nichtjüdische Opfer. Während die Richter die Beweislage nicht für ausreichend hielten, um Eichmann des Mordes an den Kindern von Lidice zu überführen, befanden sie ihn für schuldig der Mitgliedschaft in feindlichen Organisationen wie der SS, dem SD und der Gestapo. Wegen dieser Vergehen wurde Eichmann zum Tode verurteilt. Am 1. Juni 1962 wurde Eichmann um Mitternacht gehängt und sein Körper eingeäschert. Seine letzten Worte waren: „Lang lebe Deutschland, lang lebe Argentinien, lang lebe Österreich. Dies sind die Länder mit denen mich am meisten verbindet und die ich nie vergessen will. Ich grüße meine Frau, meine Familie und meine Freunde. Ich bin soweit. Wir werden uns bald wiedersehen, das ist das Schicksal der Menschheit. Ich sterbe im Glauben an Gott.“

Im Eichmann-Prozess wurde zum ersten Mal der Holocaust an den europäischen Juden zum Zentrum der Auseinandersetzung über den Zweiten Weltkrieg. In Folge entstanden zahlreiche Biografien, Dokumentensammlungen und historische Studien. Die Zeugnisse von Überlebenden und die mitfühlende Aufnahme ihrer Geschichten ermutigten Juden innerhalb und außerhalb von Israel sich an ihre Erfahrungen von Verfolgung und Überleben zu erinnern. Dieser bedeutsame Prozess veränderte nicht nur die Erinnerung an diesen abscheulichen Verbrecher, sondern auch die Art in der der Holocaust heute diskutiert und erinnert wird.

Gekürzte Übersetzung eines Aufsatzes aus dem englischsprachigen E-Newsletter: http://www.yadvashem.org/yv/en/education/newsletter/23/index.asp

Yael Weinstock Mashbaum arbeitet im Internet Department der International School for Holocaust Studies, Yad Vashem und war Lektorin des englischsprachigen Yad Vashem E-newsletter. Aus dem Englischen übersetzt von Deborah Hartmann.


[1] David Cesarani: Becoming Eichmann: Rethinking the Life, Crimes, and Trial of a "Desk Murderer", Da Capo Verlag: Cambridge, 2006, S. 13.
[2] Ebd., S. 252-253.
[3] Ebd., S. 239.
[4] Cesarani, 250-251.