Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

„Zeitenschwelle“ – Gegenwartsfragen an die Geschichte

Buchrezension

Von Momme Schwarz


Zeitenschwelle

Die jüngsten Umwälzungen in den verschiedenen arabischen Ländern des nördlichen Afrikas erschüttern derzeit nicht nur die dortigen Gesellschaften, sondern bringen auch die innerhalb der als „westlich“ ausgewiesenen Welt bestehenden Wahrnehmungs- und Deutungsmuster des Nahen Ostens in Bewegung. In der öffentlichen Debatte wird dabei ebenso die bisherige Wahrnehmung der Region einer Analyse unterzogen wie auch die Haltungen der hiesigen Regierungen zu den unterschiedlichen Regimen reflektiert werden. Unstrittig ist, dass sich unabhängig des Ausgangs der noch fortdauernden Entwicklungsprozesse das Verhältnis des Westens zu der Region im Allgemeinen wie zu den einzelnen Ländern im Besonderen grundlegend verändern wird. Diese tief greifenden Wandlungen im Nahen Osten wie auch die Wahrnehmung derselben durch die westliche Welt sind es, welche die vorliegende Aufsatzsammlung des in Jerusalem und Leipzig lehrenden Historikers Dan Diner zusätzliche Relevanz verleihen – und dies nicht nur hinsichtlich der im Titel aufscheinenden Referenz des momentan zu besichtigenden Übertretens einer zeitlichen Schwelle.

Zwar widmen sich nicht alle der 17 Beiträge explizit den historischen, politischen und religiösen Konstellationen im Nahen Osten, dennoch umkreisen sie in näheren und weiteren Dimensionen die mit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hereinbrechenden Verstimmungen und Konflikte zwischen denen als gegensätzlich betrachteten Räumen Orient und Okzident. Dargestellt sind diese Überlegungen in dem vorliegenden Buch mittels zehn unterschiedlicher Themeninseln, von denen jede einzelne auf bestehende Antagonismen zwischen den beiden Lebenswelten hinweist. Allerdings zieht Diner nicht ausschließlich Gegensätze zwischen der westlichen und der arabischen Welt heran, sondern reflektiert ebenso Spannungen innerhalb dieser Räume, wodurch eine bloß schematische Gegenüberstellung vermieden wird. Thematisch spannen die zwischen 2003 und 2010 in Zeitungen und Fachzeitschriften veröffentlichten Aufsätze den Bogen zwischen deutscher und europäischer Gedächtniskultur, dem Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern, dem neuzeitlichen Phänomen des Terrorismus, den Parallelen und Differenzen zwischen Islam und Judentum, dem Potential und den Grenzen der Weltmacht Amerika sowie der Wirkmächtigkeit des Antisemitismus in der arabischen Welt. Motiviert sind die Überlegungen zu diesen zwar unterschiedlichen, jedoch nicht voneinander zu trennenden Gegebenheiten, durch die zunehmend globalisierte Welt und ihre verschiedenen Zeit- und Erfahrungsräume, wie Diner in seiner Einleitung schreibt. Aus diesem vertrackten Verhältnis geht für ihn eine zentrale und alle Beiträge durchziehende Frage hervor: Inwieweit lässt sich in eben jener globalisierten Zeit noch nach eindeutig westlichen Parametern urteilen? Hat nicht das im Wesentlichen als „westlich“ konnotiertes Verständnis von Aufklärung, Moderne und Säkularisierung in den vergangenen Jahrzehnten bedeutend an Legitimität eingebüßt? Diners Antworten, so viel sei vorweggenommen, verweigern in allen Fällen eine eindeutige und vereinfachende Schematisierung der Konflikte, vielmehr werden in seinen Einschätzungen die Ambivalenzen und Widersprüche der jeweiligen Konstellationen hervorgehoben, ohne damit deren Bewertung der Beliebigkeit oder Willkür zu überlassen.

Die Frage nach den westlichen Deutungsparametern tritt in einer Auswahl der vorliegenden Aufsätze in einem weiteren, nicht minder spannungsreichen Zusammenhang auf: den gegenläufigen Erinnerungen und Rezeptionen des Holocaust. Zwar weist Diner die unterschiedlichen Gedächtnisse hinsichtlich des nationalsozialistischen Massenmordes in Europa auch als ein wesentliches Hindernis in der Annäherung und Verständigung zwischen Juden und Muslimen im Nahen Osten aus. Allein richtet er den Blick stärker auf die Konstellationen und Tendenzen innerhalb der westlichen Hemisphäre, wo sich zunehmend verschiedene Gedächtnisbilder und Schichten über den Holocaust legen, seine Merkmale verwischt bzw. für andere historische Ereignisse zweckentfremdet werden oder in Aufrechnung und Vergleich seine Einzigartigkeit zu überschreiben suchen. Ein Stückweit ergänzen bzw. aktualisieren die hier präsentierten Wahrnehmungen den 2007 herausgegebenen Essay „Gegenläufige Gedächtnisse“, in welchem sich Diner mit den unterschiedlichen Geschichtsschreibungen des Zweiten Weltkrieges und des Holocaust befasst. Dort befürchtet er aufgrund der disparaten Interpretationen von Täter- und Opferschaft, Verantwortung und Gedenken in den von Deutschland überfallenen Ländern – allen voran Osteuropas und Russlands – ein sukzessives Überlagern bzw. ein Verschwinden des mit Auschwitz als singulär apostrophierten Geschichtsbildes.

Unter der Überschrift Paradigmenwechsel knüpft Diner in einem längeren Beitrag des hier vorliegenden Bandes an die Ausführungen von 2007 an. Er verortet die Entstehung der sich zuweilen gezielt in die Konkurrenz mit den Leiderfahrungen des Holocaust stellenden Narrative mit der einsetzenden „Zeitenschmelze“ (S. 160) nach 1989. Die bis dato in der Konstellation des Kalten Krieges aufbewahrten und eingeschlossenen Bilder des Zweiten Weltkrieges traten mit dem Fall der Mauer in einen offenen, mithin konkurrierenden Diskurs um historiographische Deutungshoheit und kollektive Leiderfahrung. Dem Zweiten Weltkrieg kommt nach Diner in dieser Konstruktion eine gesonderte Bedeutung zu, absorbierte er im Grunde alle vorgelagerten und nachgelagerten historischen Ereignisse und neutralisierte die partikularen Gedächtnisse der einzelnen Länder in Europa. Diner beschreibt den Zweiten Weltkrieg insofern recht plausibel als „Zeitstau“ (S. 159). Mit der Auflösung dieses Zeitstaus brachen sich jene jahrzehntelang unter Verschluss gehaltenen und durchaus disparaten Gedächtnisse Bahn. Der „Leidensdiskurs“ (S. 162) nahm in diesem Umbruch eine prominente Stellung ein, hoffte man dadurch doch die eigene unschöne Verstrickung in Vertreibung und Massenmord überdecken, Anerkennung und Zuspruch für eigenes erfahrenes Leid finden zu können. Insbesondere in Deutschland trieb dieser Diskurs beträchtliche Blüten, wo im Rahmen der noch jungen Vertriebenendebatte oder anhand der ausgedehnten Publikationswellen um den alliierten Bombenkrieg und die Zerstörung deutscher Städte, verstärkt die anthropologische Perspektive allgemeinmenschlichen Leidens zu Lasten einer nach kollektiver Verantwortung und Schuld fragenden Haltung eingenommen wurde. Der historische Kontext, wie auch die politischen Spezifika müssen laut Diner in dieser bemühten Konstruktion zwangsläufig unter den Tisch fallen, zu einem marginalen Nebenschauplatz degradiert werden.

Dabei erkennt Diner, freilich ohne Empathie oder Verständnis, das Dilemma, in welchem sich die ungezählten – vornehmlich (ost-)europäischen – Narrative und Gedächtnisse im Umkreis des Zweiten Weltkrieges befinden. In dem legitimen Bemühen, Aufmerksamkeit und Anerkennung zu erhalten, sehen sie sich – zumal in der medial vermittelten und äußerst schnelllebigen Welt – der Schwierigkeit ausgesetzt, ihren Platz gegenüber anderen Erzählungen zu behaupten. Diner illustriert dies anhand des historischen Romans „Sepharad“ von Antonio Molinas, welcher mit dem Spanischen Bürgerkrieg „(...) die politische Gedächtnisikone des 20. Jahrhunderts“ (S. 181) porträtiert – bis zum Hereinbrechen des Holocaust. Unglücklicherweise, so bilanziert Diner, kommt Molinas nicht umhin, in der Darstellung der republikanischen Armee im Kampf gegen die faschistischen Falangisten auf Analogien und Metaphern zurückzugreifen, deren Ikonographie unzweideutig den Bildern des Holocaust entlehnt ist. Dies, so hebt Diner hervor, ist nicht nur als fehlleitende Suggestion zu bemängeln, darüber hinaus aber brechen sich die vorgestellten Parallelen an den historischen Gegebenheiten des Spaniens in den 1930er Jahren, weshalb Molinas „(...) Suche nach einem narrativischen Anschluss der peripherialen spanischen Erfahrung an die große, an die schreckliche Geschichtserzählung des europäischen Zentrums“ (S. 185.), schlussendlich misslingt. Indes geht es Diner mitnichten darum, die unterschiedlichen im Rahmen des Zweiten Weltkrieges geschehenen Leiderfahrungen durch den Verweis auf Auschwitz herabzusetzen bzw. zu relativieren. Allein besteht er darauf, dass, wie anhand Molinas Roman gezeigt, jedwede Bemühung, sich an den Dimensionen des „anthropologisch ultimativen Tod[es]“ messen zu wollen, ins Leere laufen müssen.

„Zeitenschwelle“ – Gegenwartsfragen an die Geschichte
Dan Diner
Pantheon Verlag München 2010
272 Seiten, 12,95 € [D] | 13,40 € [A] | 21,90 CHF

Momme Schwarz hat an den Universitäten Bremen und Leipzig Kulturwissenschaften, Geschichte und Philosophie studiert, und war von März bis Juni 2008 war er als Praktikant am German Desk der International School for Holocaust Studies, Yad Vashem, beschäftigt.