Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

Erinnerungsort jüdischer Geschichte

Ein Film und ein Buch stellen den jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee vor

Von Tobias Ebbrecht


Der jüdische Friedhof Weissensee (Quelle: Edition Salzgeber)Der jüdische Friedhof Weissensee (Quelle: Edition Salzgeber)

Ein Lehrer stolpert mit seiner Klasse über einen verwilderten Friedhof. Immer wieder bleibt die Gruppe stehen und schaut auf einen zerknitterten Plan. Sie murmeln Buchstaben und Zahlen, gehen diesen und jenen Weg entlang, bis sie schließlich vor einer stattlichen Grabanlage stehen. Die Schüler zücken Kreiden und Zeichenbögen und beginnen die fremdartigen Schriftzeichen von dem marmornen Stein abzupausen. Diese Szene entstammt dem Dokumentarfilm „Im Himmel, unter der Erde“ von Britta Wauer, der in diesem Jahr während der Berliner Filmfestspiele vorgestellt wurde und dort einen Publikumspreis gewann. Wauer erzählt in ihrem Film die wechselhafte Geschichte des jüdischen Friedhofes in Berlin-Weißensee, dem größten noch immer genutzten jüdischen Friedhof in Europa. Nach jüdischem Brauch müssen Gräber für die Ewigkeit erhalten bleiben. Deshalb wird an einer Grabstätte nicht mehrfach bestattet. Folglich muss, wenn ein jüdischer Friedhof vollständig belegt ist, ein neuer angelegt werden. In Berlin geschah dies vor 130 Jahren zum zweiten Mal. Mit der etwa 86 Fußballfeldern entsprechenden Anlage in Weißensee, am Stadtrand der preußischen Metropole gelegen, wurde der dritte Friedhof von der neuzeitlichen jüdischen Gemeinde Berlins in Betrieb genommen.

WeissenseeWeissensee

Wauer erschließt diesen Ort wie ein topographisches Geschichtsbuch. Zahlreiche Berühmtheiten liegen hier neben einfachen Menschen. Wauer erzählt ausgehend von diesem ebenso verwunschenen wie weitgehend vergessenen und nur selten von Touristen aufgesuchten Erinnerungsort verschiedene Lebensgeschichten. Sie erzählt vom politischen, sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg der deutschen Juden, vom Patriotismus während des Ersten Weltkrieges, vom Einschnitt der nationalsozialistischen Judenverfolgung, als der Friedhof zum Zufluchtsort vor der feindlichen Umwelt wurde, von seiner Existenz in der DDR, als die jüdische Gemeinde in Ost-Berlin nur noch wenige Mitglieder zählte und die sich ausbreitende Natur kaum noch unter Kontrolle gehalten werden konnte. Sie erzählt von den Menschen, die heute auf und neben dem Friedhof arbeiten und leben, sie erzählt von den heutigen Geschichten jüdischen Lebens, der Einwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion und vielfach unterbrochenen Lebenswegen.

Rabbiner William Wolff in dem Film „Im Himmel, unter der Erde“ (Quelle: Edition Salzgeber)Rabbiner William Wolff in dem Film „Im Himmel, unter der Erde“ (Quelle: Edition Salzgeber)

Dazu verbindet der Film immer wieder Vergangenheit und Gegenwart, lässt die Menschen selbst erzählen und ergänzt die Lebensgeschichten um Einblicke in jüdische Religion und Tradition. Verschmitzt erzählt Rabbiner William Wolf von monumentalen Gruften und Blumenmeeren auf dem Friedhof, die eigentlich nicht der jüdischen Tradition entsprechen. Harry Kindermann erinnert sich, wie er in der Nazizeit mit den wenigen noch in Berlin lebenden jüdischen Kindern auf dem Friedhof spielte, um der feindlichen Umwelt zu entfliehen. Hermann Simon von der Stiftung Centrum Judaicum in der Oranienburger Straße berichtet von dem bedeutenden Rabbiner Martin Riesenburger, der noch bis Ende des Krieges Beerdigungen nach jüdischem Ritus auf dem Friedhof durchführte sowie von den Schwierigkeiten der jüdischen Gemeinde, die Grabanlagen während der Zeit der DDR zu erhalten.

Auf diese Weise entblättert Wauers Film die verschiedenen Schichten und Geschichten jüdischen Lebens in Berlin. Er eignet sich so auch zur Beschäftigung mit jüdischer Geschichte und Religion in Berlin und Deutschland, bietet Anknüpfungspunkte für Projekte und Unterrichtsgespräche über jüdisches Leben und regt vielleicht dazu an, ähnliche Erinnerungsorte in der eigenen Region aufzuspüren und zu besuchen. Ergänzend ist im Berliner be.bra Verlag der Bildband „Der jüdische Friedhof Weissensee. Momente der Geschichte“ von Britta Wauer und Amélie Losier erschienen. Der Band enthält die Dokumente und Geschichten, die die Regisseurin für den Dokumentarfilm zusammengetragen hat. Betrachtet werden können Fotografien aus allen historischen Phasen des Friedhofs, die Angehörige aus der ganzen Welt geschickt haben. Diese werden durch Fotografien ergänzt, die Losier am heutigen Ort gemacht hat. Dazu erzählt Wauer weitere Lebensgeschichten und Momente, die im Film keine Aufnahme mehr fanden, wie beispielsweise die Geschichte des bekannten Showmasters Hans Rosenthal, dessen Vater in Weissensee beigesetzt wurde und der die Nazizeit im Versteck überlebte, oder die Geschichte von Isaak, der einst die Protestantin Auguste heiratete, die schließlich konvertierte, um neben ihrem Mann begraben zu werden. Als sie 1930 starb, wurde sie in Weissensee bestattet, doch sie blieb dort allein. Ihr Mann wurde in Theresienstadt ermordet.

Der Bildband mit einem Nachwort von Hermann Simon ist eine großartige Ergänzung des Films und stellt für sich eine beeindruckende Quellen- und Geschichtensammlung dar, die auch für pädagogische Zwecke zu erschließen wäre. Kurz bevor der jüdische Friedhof in Weissensee zum Kulturerbe der UNESCO ernannt werden soll, machen Wauer und Losier ihn erfreulicherweise einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Dabei hatte sich bereits der Dichter Kurt Tucholsky 1925 von dem riesigen Areal und seinen Grabfeldern zu einem Gedicht inspirieren lassen:

Jedweder hat hier seine Welt:
Ein Feld.
Und so ein Feld heißt irgendwie:
O oder I …
Es tickt die Uhr. Dein Grab hat Zeit,
drei Meter lang, ein Meter breit.
Du siehst noch drei, vier fremde Städte,
du siehst noch eine nackte Grete,
noch zwanzig-, dreißigmal den Schnee –
Und dann:
Feld P – in Weißensee –
in Weißensee.[1]



Doch auch Tucholsky konnte nicht in Weissensee bestattet werden. Er beging Suizid im schwedischen Exil. Solch unterbrochene Lebenslinien kreuzen sich im jüdischen Friedhof Berlin-Weissensee als Erinnerungsort.

Im Himmel, unter der Erde – Der jüdische Friedhof Weissensee, Dokumentarfilm, Deutschland 2011, Regie: Britta Wauer, Kinostart in Deutschland: 7. April 2011. Weitere Informationen: www.imhimmelunterdererde.de.

Britta Wauer, Amélie Losier: Der jüdische Friedhof Weissensee. Momente der Geschichte. Mit einem Nachwort von Hermann Simon, Berlin edition im be.bra Verlag, Berlin-Brandenburg 2010, 176 Seiten mit über 140 teilweise farbigen Fotografien, Texten in Deutsch und Englisch und einem Übersichtsplan, ISBN 978-3-8148-0172-8, 24,95€.


[1] Auszug aus Kurt Tucholsky: In Weißensee, in: Britta Wauer, Amélie Losier: Der jüdische Friedhof Weissensee. Momente der Geschichte, Berlin-Brandenburg: be.bra Verlag, 2010, S. 40.