Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

Verstimmende Erinnerung, oder: Hilft das Gedenken an den Holocaust gegen Vorurteile?

Von Alain Finkielkraut


Professor Alain FinkielkrautProfessor Alain Finkielkraut

Seit 1945 fürchtet sich Europa vor den Geistern seiner eigenen Vergangenheit. Das Europa des 20. Jahrhunderts war Ursprung und Schauplatz der zwei schrecklichsten Kriege in der Menschheitsgeschichte. Das Konzentrationslager Buchenwald befand sich, wie uns George Steiner erinnert, direkt neben Weimar. Goethes Poesie konnte die dunklen Pläne Hitlers nicht verhindern. Und darum weiß das heutige Europa, dass weder Kultur noch Fortschrittlichkeit vor Grausamkeit schützen, dass die Moderne die Grausamkeit nicht notwendigerweise bezwingt und dass das Böse aus einer Mischung von entfesselter Gewalt und methodisch durchdachter und kultivierter Kälte entsteht. Aus diesem Grund hat Europa nach dem Zweiten Weltkrieg versucht, sich vor sich selbst schützen zu wollen. Anders als die USA, die durch den Sieg über Nazideutschland bestärkt wurden (es gibt keine geographische Nähe zwischen Washington und Buchenwald), wundert sich das traumatisierte Europa, was in der Geschichte schief gelaufen ist. Wer sich unschuldig fühlt, ist bereit, seine Gegner zu bekämpfen. Wer sich schuldig fühlt, kämpft gegen Geister der Vergangenheit. Die Institutionalisierung Europas sollte diese Geister in Schach halten.

Aber Institutionen sind nicht genug. Wachsamkeit ist gefordert und Wachsamkeit entsteht durch öffentliches Gedenken und die Weitergabe der Erinnerung an die Todeslager an nachfolgende Generationen. Für das, was heute „le devoir de mémoire“, der Imperativ zu Erinnern, genannt wird, ist es unerlässlich, dass der Nationalsozialismus kein Moment unter vielen in der Menschheitsgeschichte wird. Um das Wissen um diese Vergangenheit in der Gegenwart zu verankern, muss sie als ständige Warnung gegenwärtig bleiben.

Der einzige Weg für Demokratien stark zu sein, ist in den Augen Europas, sich an die eigene Verletzbarkeit und Unvollkommenheit zu erinnern. Dieser Entschluss nahm während des sechzigsten Jahrestages der Befreiung Gestalt an. Während der Gedenkfeiern, die mit einer noch nie dagewesenen Pilgerfahrt nach Auschwitz endeten, bewiesen die Europäer und ihre Regierungen den letzten Überlebenden, dass das Gedenken sie überleben werde. Die Menschheit und vor allem Europa erinnern sich an die Vernichtung eines gesamten Volkes auf einem kompletten Kontinent, an die Infragestellung jeder Grundlagen von Menschlichkeit, an die schreckliche Notlage dieses Volkes, als Garantie gegen den eigenen Hang zum Vergessen: Diese Lehre wurde widerspruchslos angenommen – abgesehen von einer Stimme.

Ein berühmter französischer Comedian afrikanischer Herkunft mit dem Namen Dieudonné verurteilte, was er, die israelische Historikerin Idith Zertal zitierend, als „pornografische Erinnerung“ an die Shoah bezeichnete und verursachte damit einen Skandal. Er hatte sich nicht als Komiker geäußert und auch nicht als Showman, sondern als Sprecher der „Damnés de la Terre“, der ‚Verdammten der Erde’. Er sprach laut aus, was mehr und mehr Menschen denken. Sie glauben, dass Afrikaner, Araber, Asiaten und Lateinamerikaner durch die Juden des menschlichen Mitgefühls beraubt würden, das diese anderen Opfer der Geschichte eigentlich verdienten. Sie denken, dass durch die ausschließliche Betonung der jüdischen Tragödie alle anderen Verbrechen ins Abseits des Vergessens gedrängt würden, und dass der so genannte Imperativ zu Erinnern eine Legitimation für die Unterdrücker des palästinensischen Volkes geworden sei.

Wir Europäer, wir Franzosen wollten die Flammen des Antisemitismus mit dem Wasser des Gedenkens löschen. Und plötzlich merken wir, dass wir mit diesem Gedenken weiteres Öl ins Feuer gießen. Je mehr wir an den Holocaust erinnern und diesen unterrichten, je mehr wir diese dunkle Zeit bearbeiten und untersuchen, desto mehr bringen wir Länder, Kontinente, Gemeinschaften und Minderheiten dagegen auf, die sich nicht für diese Ereignisse verantwortlich fühlen. So geschieht es in zahlreichen Schulen überall in Frankreich. Junge Menschen empören sich über die Erinnerung an Auschwitz, nicht darüber, was in Auschwitz geschehen ist, und engagierte Lehrer verstehen und unterstützen sie darin, weil sie von der aktuellen misslichen Lage der Palästinenser betroffen sind. Sie boykottieren Auschwitz als ein vermeintlich israelisches Produkt. Das Beharren auf der jüdischen Erfahrung verhindert keinen Hass; es lässt ihn wachsen. Es wird zu einer Therapie, die die Krankheit noch ausbreitet, die sie eigentlich heilen sollte. Erinnerung, die eigentlich dem alten nationalistischen Antisemitismus den Garaus machen sollte, führt nun dazu, die Vorurteile post-nationaler Gesellschaften zu bestärken.

Wie sollen wir uns in dieser schwer einschätzbaren Lage richtig verhalten? Sollen wir den Gegenstand des Gedenkens weiter ausweiten, wie uns die Stimme des schlechten Gewissens in Europa und besonders in Frankreich gegenwärtig einflüstert? Diese Stimme sagt uns, dass Europa seine Unschuld nicht erst in Auschwitz verloren habe. Sein Strafregister wiegt viel schwerer. Europa, so sagt uns die Stimme, hat noch viele andere Verbrechen begangen. Die Juden sind nicht die einzigen Opfer von Europas Überheblichkeit. Vor Hitler und der Eroberung neuen „Lebensraumes“ gab es die koloniale Eroberung und vor dem Kolonialismus die Sklaverei. Es wird Zeit, auch diesen anderen Menschheitstragödien und ihren Opfern mehr Raum zu geben, vor allem jetzt, da viele ihrer Nachfahren bei uns leben. Darum, sagt die Stimme, können wir es uns nicht länger leisten, diese Sünden unserer Vergangenheit zu vernachlässigen.

Ich höre diese Stimme. Es ist unmöglich, sie heute in Frankreich nicht zu hören. Aber ich bin nicht überzeugt, weil eine solche Form der Anerkennung nicht auf Erkenntnisvermögen, Forschung und Wissen beruht. Sie wirft kein neues Licht auf vergessene Verbrechen. Die Nachfahren der Sklaven und Kolonialisierten fragen nicht nach der Wahrheit. Sie konkurrieren um das größtmögliche Verbrechen.

Was bedeutet das? Es bedeutet, dass der Holocaust heute immer weiter ausgeweitet und ausgedehnt wird. Das historische Ereignis ist nicht länger ein konkretes Ereignis. Es zu einem Modell geworden. Und jede Minderheit begründet einen eigenen Anspruch darauf. Die Juden sollen ein Stück vom Kuchen abgeben. Das meint Verschiedenheit heute in Europa. Hat das noch etwas mit historischer Wahrheit zu tun? Nein. Werden Vorurteile abgebaut, wenn jeder Minderheit einen Anteil an der Holocausterfahrung zugesprochen wird? Nein. Ein solches Verständnis wird in Frankreich und in Europa die Kluft zwischen Identität und Nationalität nur noch weiter aufreißen.

Wir leben zwar nicht in einem Zeitalter der Pogrome, aber heute ist es nicht mehr so einfach, als Jude in Frankreich zu leben, wie noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Man sollte auch im Auge behalten, dass es überraschender Weise heute in manchen Gegenden auch nicht mehr so angenehm ist, als Franzose identifiziert zu werden. In den Vororten, wo 2005 die Aufstände der Jugendlichen ausbrachen, sind die beiden häufigsten Beleidigungen „Dreckiger Jude“ und „Dreckiger Franzose“. Was diese Entwicklung so furchteinflößend macht, ist die Tatsache, dass die Urheber solcher Beleidigungen selbst französische Staatsbürger sind. Das ist der Grund, warum ich denke, dass es gleichzeitig falsch und sinnlos, unangemessen und uneffektiv ist, die historischen Unterschiede zwischen den Tragödien der Vergangenheit zu verwischen, nur um damit heute verletzte Identitäten zu heilen. Diese Medizin ist giftig.

Was sollen wir stattdessen machen, um diese Vorurteile abzubauen? Ich weiß es nicht. Ich habe keine Rezepte und keine Lösungen. Auf jeden Fall sollten wir keinerlei Form der Konkurrenz um den Status des Opfers akzeptieren. Wir sollten im Gegenteil hervorheben, dass die Angehörigen von Opfern welcher Verbrechen auch immer selbst keine Opfer sind. Gedenken bedeutet, unseren Tribut gegenüber den Toten zu zollen, nicht ihren Platz einzunehmen.

Die zweite Lehre betrifft unser Verständnis von Europa. Was ist Europa? Erinnerung, wie sie heute verstanden und praktiziert wird, verunmöglicht uns eine historische, geographische oder kulturelle Antwort auf diese Frage. Der in Europa vorherrschenden Meinung entsprechend, sollte die versuchte Vernichtung der Juden das Einreißen aller Grenzen zwischen den Menschen zur Folge haben, und sie fordert die Europäer dazu heraus, selbst ein Beispiel zu geben, sich und die Erde zugunsten des Himmels universaler Werte aufzugeben und gegenüber der eigenen dunklen Vergangenheit den erlösenden Pfad pluralistischer Beliebigkeit zu wählen. Jean Marc Ferry, ein französischer Philosoph, hat geschrieben, dass Europas Identität die Offenheit gegenüber anderen Identitäten sei. Und für den deutschen Soziologen Ulrich Beck ist die Formel Europas die Verbindung von substantieller Leere und radikaler Offenheit. Von diesem Blickwinkel aus betrachtet übersehen die Europäer, die sich weiterhin fragen, ob die Türkei zu Europa gehöre, dass Europa selbst nicht länger zu Europa gehört. Europa gehört zu nichts. Nicht-zugehören ist genau das, was das Post-Holocaust Europa auszeichnet.

Die offizielle Selbstverleugnung hat zwei schreckliche Kehrseiten: Zum einen schwächt sie die Integration. (Denn wie soll man sich in eine desintegrierte Welt integrieren?) Sie legitimiert Hass. Sie bestärkt die Mitglieder nicht-europäischer Gemeinschaften, wie verärgerte Gläubiger zu handeln. Und die zweite Kehrseite ist, dass sie zu der Annahme verleitet, die Juden würden heute ihre eigene Sache verraten. In einheitlich demokratischer Sicht ist Israel der Name dieses Verrats. Israel, ein Staat gegründet auf dem Prinzip der Abstammung, der heute, im Zeitalter von Ärzten ohne Grenzen, von unbegrenzter Kommunikation und globaler Kultur, eine Grenze in Stein meißelt.

Wir sollten Europa nicht im Namen von Auschwitz und Buchenwald von seiner kulturellen Identität ablösen und einfach durch die Erklärung der Menschenrechte ersetzen. Das sieht nobel aus, es scheint weise zu sein, aber es ist falsch und kontraproduktiv. Das wäre ein unverdientes Geschenk an Hitler, das letztlich das schreckliche Gefühl, das es für immer bannen sollte, nicht verhindert, sondern nur noch weiter verstärkt.

Gekürzte Übersetzung eines Vortrags, den der französische Professor Alain Finkielkraut auf der 7. International Conference on Holocaust Education: Shoah Education and Remembrance in Yad Vashem gehalten hat. Die vollständige, englische Fassung des Vortrags kann unter http://www.yadvashem.org/yv/en/education/conference/2010/program.asp abgerufen werden.

Alain Finkielkraut ist Professor für Philosophie an der Ecole Polytechnique in Paris.

Aus dem Englischen übersetzt von Tobias Ebbrecht.