Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

Reflektionen über den Holocaust: Das Verhältnis von Text und Kontext

Von Prof. Yehuda Bauer


Prof. Yehuda BauerProf. Yehuda Bauer

Ich möchte über etwas sprechen, das ich als das Verhältnis von Text und Kontext bezeichne. Was meine ich mit dem Begriff Text in Bezug auf den Holocaust? Ich meine damit den Kern des Holocaust. Was ist der Kern des Holocaust? Es ist die Zeit zwischen 1933 und 1950. Der Kern des Holocaust umfasst also eine Zeitspanne von siebzehn Jahren. Er beinhaltet den Antisemitismus der Nazis, die Ideologie der NSDAP, die Verfolgung der Juden in Deutschland vor dem Hintergrund der Politik der Nationalsozialisten. Er umfasst den Weltkrieg, die Ghettos, die Konzentrationslager, die Vernichtungslager, das Verstecken, den Widerstand, die Rettungsversuche, die politische Linie der Großmächte in Bezug auf die Geschehnisse in Europa. Er beinhaltet ganz allgemein das Verhältnis zwischen Juden und Nicht-Juden zu dieser Zeit. Er umfasst die unmittelbare Periode der Nachkriegszeit der Displaced Persons Camps und letzten Endes die Zerstreuung der Displaced Persons, wohin auch immer sie danach gingen. Das ist der Kern. Das ist der Kern, der selbstverständlich auch den unmittelbaren Kontext umfasst, da man diese Dinge nicht voneinander trennen kann. Der weitere Kontext hingegen verweist auf Geschehnisse, die vor und nach diesen Ereignissen passiert sind.

Dann beschäftigt man sich also mit den Menschenrechten, man beschäftigt sich vertikal mit der Geschichte, der Geschichte der Juden, der Geschichte des Antisemitismus, der Geschichte des Verhältnisses zwischen Juden und Nicht-Juden während der letzten Jahrhunderte. Man beschäftigt sich mit der Geschichte Europas, mit der Geschichte Deutschlands in Europa. Man beschäftigt sich mit der Geschichte der Welt. Das sind vertikale Angelegenheiten.

Man beschäftigt sich mit den horizontalen Angelegenheiten, den globalen Angelegenheiten. Man beschäftigt sich tatsächlich mit der ganzen Welt, da Juden auf die Philippinen, nach Indonesien, Shanghai, Indien, Afghanistan, Nordafrika, Südafrika und Zentralafrika ausgewandert sind. Die ganze Welt war in die Geschehnisse involviert. Das ist also der allgemeine Kontext. Zu den allgemeinen Zusammenhängen gehören auch andere Genozide. Bis heute beschäftigt man sich mit den Nachkriegsfolgen dieses Genozids und zwar dieses speziellen Genozids. Man beschäftigt sich mit den Implikationen dieses Genozids, mit seinen „Lehren“, wenn man so will. Aber ich glaube nicht, dass es hier eindeutige „Lehren“ gibt, denn man formt die „Lehren“ aus dem, was man weiß.

Das sind einige Punkte des allgemeinen Kontexts. Es gibt die Tendenz, nicht nur unter Pädagogen, sondern auch in der Öffentlichkeit und unter Politikern, diese von mir angeführten Punkte zu vermischen. Man spricht über den breiten Kontext, ohne den Text zu kennen. Man beschäftigt sich mit den Menschenrechten, als ob diese ein wesentlicher Teil des Holocaust gewesen wären. Aber das ist ein Fehler. Es stimmt, dass den Juden zunächst in Deutschland und später auch in den von Nazideutschland besetzten Ländern die Menschenrechte verwehrt worden sind. Natürlich gibt es eine Verbindung, aber die ist nicht zwangsläufig.

Hätte sich der Holocaust nicht ereignet - was durchaus möglich gewesen wäre - dann nicht wegen der wunderschönen Augen der Juden, sondern wegen den Interessen der europäischen Mächte. Diese hätten Hitler bereits 1936 stoppen können, als Nazideutschland das Rheinland besetzte. Auch 1938, als Nazideutschland Österreich und nach dem Münchener Abkommen Teile der Tschechoslowakei annektierte und schließlich zerschlug, hätte er gestoppt werden können. Allerdings nicht aufgrund irgendwelcher humanitärer Überlegungen, sondern wenn Großbritannien und Frankreich zu diesem Zeitpunkt ein Interesse daran gehabt hätten, Hitler zu stoppen.

Sie haben Hitler aber nicht gestoppt und dafür schwer bezahlt. Genauso erging es der Sowjetunion. Wenn nun aber die Großmächte die Nazis gestoppt hätten, was würden wir dann heute sagen? Wir würden behaupten, dass den Juden Deutschlands zwar die Menschenrechte aberkannt worden sind, dies aber nicht zu mehr geführt habe, als zur Vertreibung der deutschen Juden aus Deutschland. Es gibt also keine notwendig zu ziehende Verbindung [von der Verneinung der Menschenrechte zum eigentlichen Kern des Holocaust, der Vernichtung der Juden, Anm. d. Ü.]

Natürlich muss man sich auch mit den Menschenrechten beschäftigen, nachdem man sich mit dem Kern des Holocaust beschäftigt hat. Dann kann man sagen, ja, die Verleugnung der Menschenrechte war einer der Gründe, die dazu geführt haben, dass der Holocaust geschehen konnte. Aber das war keine zwangsläufige Entwicklung.

Ich möchte mich zunächst dem Kern widmen, mit dem Text auseinandersetzen. Dabei möchte ich mit einem Thema beginnen, mit dem sich nur sehr wenige beschäftigen. Warum ist der Zweite Weltkrieg ausgebrochen? Weil irgendjemand wollte, dass der Krieg ausbricht. Und dieser jemand war Nazideutschland. Niemand sonst wollte einen Krieg.

Warum wollten die Nazis einen Krieg? Eine dumme Antwort auf diese Frage wäre: wegen Hitler. Eine etwas intelligentere Antwort wäre: aufgrund der Führung der NSDAP, die nach mehr „Lebensraum“ strebte. Warum aber tat sie das? Die Deutschen hatten eine Menge Lebensraum in Deutschland. Die deutsche Bevölkerung war damals kleiner als die Bevölkerung Deutschlands heute. Sie wollten Europa kontrollieren, aber warum? Was verbirgt sich hinter alldem? Gibt es irgendwo einen unwiderlegbaren Beweis? Ja, den gibt es. Es gibt ein geheimes Memorandum von Hitler vom August 1936. Es war an Hermann Göring adressiert, der Nummer zwei in der Nazihierarchie. Göring sollte im Oktober 1936 zum ökonomischen Zaren von Deutschland ernannt werden, um innerhalb der nächsten vier Jahre einen Krieg vorzubereiten. Dafür sollte er wissen was er tun sollte, und deshalb schrieb ihm sein Chef einen Brief, ein Memorandum. Hitler formulierte exakt, was Deutschland für einen Krieg brauchen würde: so und so viel Stahl, Eisen, dies und das, wie und wo es zu bekommen war usw.

Die erste Seite aber erklärt, warum der Krieg notwendig sei. Lassen Sie mich einen Satz aus dem Memorandum wiedergeben:

„Seit dem Ausbruch der Französischen Revolution treibt die Welt in immer schärferem Tempo in eine neue Auseinandersetzung, deren extremste Lösung Bolschewismus heißt, deren Inhalt und Ziel aber nur die Beseitigung und Ersetzung der bislang führenden Gesellschaftsschichten der Menschheit durch das international verbreitete Judentum ist. (…) Denn ein Sieg des Bolschewismus über Deutschland würde nicht zu einem Versailler Vertrag führen, sondern zu einer endgültigen Vernichtung, ja Ausrottung des deutschen Volkes.“

Warum also wollten die Nazis einen Krieg? Weil sie glaubten, den Bolschewismus bekämpfen zu müssen, der jüdisch sei und der die gesamte Führungsriege der Menschheit durch Juden ersetzen wolle. Das ist der Grund für den Krieg. Und dann, am 30. Januar 1939 fügt Hitler in seiner berühmtem Rede vor dem Reichstag folgendes hinzu:

„Wenn es dem internationalen Finanzjudentum inner- und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu führen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa!“

Bolschewismus und das „internationale Finanzjudentum“ sind identisch. Jeder Jude personifiziert alles davon, daher ist die Vernichtung der jüdischen Rasse essentiell. Das ist der Grund für den Krieg. Das ist der Kern des Holocaust.

Nun möchte ich mich mit einem weiteren Element dieses Kerns beschäftigen, mit den Opfern. Es ist nicht nur notwendig, die Vernichtung zu dokumentieren, sondern wir sollten uns auch mit den Reaktionen der Opfer auseinandersetzen. Mit ihren Reaktionen bevor sie wussten was geschieht, nachdem sie wussten was geschieht und mit ihren Reaktionen während es geschah, und auf die unmittelbaren Folgen.

Wie verhalten sich Menschen, wenn sie mit einer genozidalen Situation konfrontiert werden? Die Reaktion der Juden war (und hier verwende ich bewusst diesen Begriff) einzigartig. Ich verwende den Begriff der Einzigartigkeit nirgendwo sonst, da der Holocaust nämlich nicht einzigartig war. Hier aber möchte ich diesen Begriff verwenden, weil es kein anderes Beispiel in der Geschichte einer unbewaffneten, kulturellen, aufklärerischen und zivilisatorischen Reaktion auf die Situation eines Massenmordes von Seiten einer Zivilbevölkerung gibt, die von dem Genozid betroffen war. Man hat solche Reaktionen in Warschau, in Lodz, in Wilna und an vielen anderen Orten erlebt. Nicht nur in Polen. Man konnte sie in Theresienstadt beobachten. Es gab natürlich auch eine entgegengesetzte Reaktion. Es gab einen absoluten Zusammenbruch sozialen Zusammenhalts. Es gab Orte, an denen es keine erzieherischen Aktivitäten gegeben hat, kein religiöses Leben, keine kulturellen Aktivitäten, keine soziale Fürsorge, keine gegenseitige Hilfe.

Weshalb sahen nun die Reaktionen an manchen Orten so und an anderen Orten anders aus? Meine Antwort ist sehr klar: Ich weiß es nicht. Ich vermute, dass dabei das Element des persönlichen Charakters, des Glücks und des Zufalls eine Rolle gespielt hat. Diese Reaktionen der Juden gehören zum Kern des Holocaust.

Ein anderes Kernelement ist die Spezifität des Holocaust, verglichen mit ähnlichen Ereignissen. So kommt zum Beispiel das Element der Totalität nur in der Geschichte des Holocaust vor. Es wurde ein Plan entwickelt, der vorsah, jeden einzelnen Menschen mit drei oder vier jüdischen Großeltern umzubringen. Menschen wurden ausschließlich aufgrund des Verbrechens, geboren worden zu sein, zum Tode verurteilt. Und das sollte überall auf der Welt geschehen. Es gibt dazu keinerlei Präzedenzfall in der Geschichte der Menschheit. So etwas wurde noch nie in dieser Art und Weise zuvor geplant. Bis 1941 existierte kein Plan, der vorsah, alle Juden umzubringen. Der Plan entwickelte sich zusammen mit der Massenvernichtung. Mitte 1941 reifte die Idee. Im Herbst 1941 nahm der Plan Gestalt an. Im Winter 1941 war der Plan fertig.

Am 28. November 1941 gab es ein Treffen zwischen Hitler und dem Mufti von Jerusalem, Haj Amin al-Huseini, einem Nazi Kollaborateur, in Berlin. Da Mr. Al-Husseini kein Deutsch konnte und Herr Hitler kein Arabisch, gab es einen Übersetzer. Weil dieser Übersetzer Notizen anfertigte, wissen wir exakt was während dieses Gesprächs diskutiert worden ist. Al-Husseini brachte seine Sorge zum Ausdruck, dass die Juden außerhalb Europas von den Plänen der Nazis ausgenommen werden könnten. Hitler antwortete darauf, dass die Nazis sich allen anderen Ländern auf der Welt zuwenden würden, sobald der Krieg gewonnen sei, um mit den dortigen Juden in gleicher Weise zu verfahren wie zuvor in Europa.

Wenn man über Genozide spricht, dann spricht man über eine Absicht. Hier haben wir ein Dokument, dass ganz klar zeigt, was die Absicht war. Nun, genau das ist beispiellos in der Geschichte der Menschheit: ein globaler Genozid. Das gab es nicht in Rwanda, da sich der Genozid in Rwanda selbst abgespielt hat; das gab es nicht bei den Armeniern während des Osmanischen Reiches, da dieser Genozid sich an den territorialen Grenzen ethnisch türkischer Bereiche orientierte. Die Armenier in Jerusalem waren deshalb auch nicht davon betroffen. So etwas gibt es auch nicht in Darfur, da es außerhalb von Darfur kein Darfur gibt. Aber außerhalb Europas gab es Juden und diese sollten überall auf der Welt vernichtet werden.

Und dann ist da noch die Ideologie der Nazis, die man als absolut unpragmatisch bezeichnen kann. Ich meine damit, dass die Juden keinerlei Territorium hatten, sie hatten keinerlei Armee. Die Juden waren gespalten, manche waren sozialistisch und wendeten sich gegen den Zionismus und die Religion. Manche waren Zionisten und untereinander im Disput. Und manche waren orthodox und im Streit mit jedermann. Und so sieht man, dass die Nazis etwas bekämpften, das eigentlich nicht existierte. Die Nazis glaubten, die Juden kontrollieren die Welt, sie seien sowohl Bolschewiken als auch Kapitalisten. Was wir als Nazi-Antisemitismus bezeichnen, ist also das Ergebnis von bestimmten ideologischen Entwicklungen, die absolut unpragmatisch sind. Der Holocaust ist der einzige Genozid in der Geschichte, der auf vollkommenen unpragmatischen, sogar anti-pragmatischen Prinzipien beruhte. Das ist der Kern des Holocaust.

Ich möchte noch ein drittes Kernthema behandeln, nämlich die Reaktionen der Alliierten während des Holocaust. Viele meiner Kollegen, besonders in Amerika, beschuldigen die Roosevelt-Administration, nichts gemacht zu haben, um die Juden Europas zu retten. Aber wann genau hätten die Amerikaner etwas tun sollen? Vor dem Krieg? Keiner konnte doch wissen, dass es einen Holocaust geben wird. Als der Krieg ausbrach, stand Amerika außerhalb. Erst nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor beteiligte es sich am Krieg. Wenn die Japaner Amerika nicht angegriffen hätten, wären die Amerikaner wahrscheinlich neutral geblieben. Es war auch nicht Amerika, das Deutschland den Krieg erklärt hat. Hätte Deutschland Amerika nicht den Krieg erklärt, wären die Amerikaner wahrscheinlich neutral geblieben. Und als Amerika Ende 1941 gezwungen war in den Krieg einzutreten? Wie hätten sie die europäischen Juden da noch retten können? Es gab keinen einzigen amerikanischen oder britischen Soldaten auf dem europäischen Festland. Die Vernichtung spielte sich in Osteuropa ab. Und die Sowjets flohen geschlagen von der deutschen Invasion. Sie kämpften um ihr eigenes Leben und haben sich sowieso nicht für die Juden interessiert.

Wie genau also hätte die westliche Koalition die Juden während des Holocaust retten können? Sicherlich hätte sie mehr machen können. Sie hätte Tausende, vielleicht Zehntausende retten können. Die Briten haben die Grenzen Palästinas geschlossen. Die Briten haben jüdischen Flüchtlingen von der iberischen Halbinsel nicht die Flucht nach Großbritannien ermöglicht. Die Amerikaner haben ihre Kontingente während des Krieges stark limitiert. Sie hätten mehr tun können und haben sich stattdessen dazu entschlossen, nicht mehr zu unternehmen. Aber die Juden Europas hätten sie nicht retten können.

Hätten die Alliierten Auschwitz bombardieren können? Hätten sie Treblinka, Chelmno, Sobibor oder Belzec bombardieren können? Die Antwort ist nein. Sie hätten es nicht tun können, zumindest nicht bis zum Frühjahr 1944. Die anglo-amerikanischen Lancaster-Bomber haben Polen mit einer einzigen Ausnahme nie erreichen können. Zwar hätten sie es bis in den Osten Polens und auch zurück nach England schaffen können, aber dies wäre nicht ohne die Begleitung von Kampfflugzeugen möglich gewesen. Es gab aber keine Kampfflugzeuge, welche die großen Bomber soweit hätten begleiten können.

Warum änderte sich das im Frühjahr 1944? Weil die Alliierten im November 1943 die Flugfelder von Foggio in Zentralitalien besetzt haben. Und sie brauchten ungefähr drei Monate, um die von den Deutschen zerstörten Flugfelder wieder aufzubauen. Erst danach konnten sie Polen aus der Luft bombardieren.

Im Frühjahr 1944 waren allerdings weder Treblinka noch Sobibor oder Belzec mehr in Betrieb. Chelmno wurde im Juni 1944 für kurze Zeit in Betrieb genommen, um die Juden aus Lodz zu ermorden. Es gab also nur noch Auschwitz-Birkenau. Die Alliierten erhielten im Juni 1944 detailierte Informationen über das Lager, nachdem vier jüdische Flüchtlinge aus Auschwitz Berichte über die Lage verfassten, welche auch den Westen erreichten. Auch der polnische Untergrund informierte den Westen.

Im Frühjahr 1944 hätten die Alliierten also Auschwitz-Birkenau bombardieren können. Warum haben sie das nicht gemacht? Weil die Stabschefs in Washington sich im Januar 1944 dafür aussprachen, keine militärischen Mittel für zivile Zwecke zu verwenden. Auschwitz war ein Zivillager, das nicht von militärischer Wichtigkeit war. Es gab hier eine Entscheidung, die mit den Juden an sich nichts zu tun hatte. Der Grund für diese Entscheidung war ein misslungener Angriff der Alliierten in Frankreich, um französische Widerstandskämpfer in Dieppe zu befreien. Aufgrund dessen entschloss man sich, niemals wieder militärische Mittel für zivile Zwecke zu verwenden.

Es gab also zu einem sehr späten Zeitpunkt die Möglichkeit, Auschwitz-Birkenau anzugreifen. Hätte das Millionen von Juden das Leben retten können? Nein. Hätte man so die Juden in Auschwitz retten können? Nein. Aber es hätte die Botschaft der Anteilnahme und Sorge bezüglich des Schicksals der europäischen Juden klar zum Ausdruck gebracht. Es geht hier um eine moralische Frage, nicht um eine pragmatische. Die Alliierten haben nicht aus pragmatischen Gründen versagt. So oder so hätten sie die Juden nicht retten können. Aber sie hätten eine moralische Botschaft senden können: „Wir sorgen uns um menschliches Leben, wir sorgen uns um Millionen von Menschen.“

Ich möchte betonen, dass man sich nicht mit dem Kontext beschäftigen kann, ohne den Text, also den Kern, zu kennen. Aber man muss natürlich auch den Kontext bearbeiten, nachdem man sich mit dem Text beschäftigt hat.

Man kann sich mit dem Kontext aber nicht beschäftigen, ohne sich dem ‚Text‘ der Juden zu widmen. Man muss etwas über Juden wissen. Wenn man sich mit dem Genozid in Rwanda beschäftigt, muss man auch etwas über die Hutu und Tutsi wissen. Ohne solche Kenntnisse geht es nicht. Das ist etwas sehr Spezifisches. Und jeder Genozid ist etwas Besonderes für die Menschen die ihn erleiden. Die Tatsache, dass dies etwas Spezifisches ist, bedeutet auch, dass es universell ist, weil jeder Genozid so ist. Hier sieht man die Dialektik. Das Geschehen ist beispiellos und gleichzeitig ein Präzedenzfall. Beide Aspekte müssen wir unterrichten, die Spezifität und das Universelle, zwei Seiten der gleichen Medaille.

Was sind nun meine Schlussfolgerungen? Ich bin im Allgemeinen sehr skeptisch, was Schlussfolgerungen angeht. Diese sind oft der Beginn weiterer Studien. Dennoch, zusammenfassend muss man erstens begreifen, dass der Zweite Weltkrieg hauptsächlich aus ideologischen Gründen durchgeführt worden ist. Das heißt, dass der Holocaust ein Produkt ideologischer Beweggründe war und nicht pragmatischen Überlegungen folgte. Und der ideologisch motivierte Holocaust passte zum Charakter des Zweiten Weltkriegs, der – im Gegensatz zum hauptsächlich ökonomisch und politisch motivierten Ersten Weltkrieg – ebenfalls ideologisch motiviert gewesen ist.

Zweitens, und das ist im ersten Punkt mit inbegriffen, war der Antisemitismus eine grundlegende Motivation, und das hat weitreichende historische Wurzeln. Nun, das Ergebnis des Zweiten Weltkrieges war der Mord, das Sterben von 35 Millionen Menschen in Europa (ohne Asien). Von diesen 35 Millionen waren fast sechs Millionen Juden, 29 Millionen waren Nicht-Juden. Aber auch diese 29 Millionen Nicht-Juden starben wegen des Antisemitismus der Nazis.

Drittens gibt es Gemeinsamkeiten und gleichzeitig erhebliche Unterschiede zwischen dem Holocaust und anderen Genoziden. Nicht aufgrund der Anzahl der Opfer und auch nicht wegen des unterschiedlichen Leids der Opfer. Es gibt keinen Unterschied zwischen Juden und Tutsi, Russen, Deutschen usw. Aber es gibt die Unterschiede, die ich vorhin erwähnt habe: die Totalität und Universalität der Vernichtung, die Ideologie und noch manch andere Aspekte.

Und schließlich: Wenn man den Holocaust unterrichten möchte, dann geht das nur, wenn man mit dem Kern des Themas beginnt, mit dem Text, um danach den Kontext zu thematisieren.

Gekürzte Übersetzung eines Vortrags, den Professor Yehuda Bauer auf der 7. International Conference on Holocaust Education: Shoah Education and Remembrance in Yad Vashem gehalten hat. Die vollständige, englische Fassung des Vortrags kann unter http://www.yadvashem.org/yv/en/education/conference/2010/program.asp abgerufen werden.

Prof. Yehuda Bauer war bis 2000 Direktor des internationalen Forschungsinstitutes in Yad Vashem. Seit 2000 ist er als wissenschaftlicher Berater in Yad Vashem tätig. Er ist außerdem emeritierter Professor für Zeitgeschichte an der Hebräischen Universität in Jerusalem.

Aus dem Englischen übersetzt von Deborah Hartmann.