Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

Der Holocaust und wir - neue Formen der Erinnerung

Von Deborah Hartmann und Tobias Ebbrecht


2006 veröffentlichte die Internationale Schule für Holocauststudien in Zusammenarbeit mit dem Department für Graphik Design des Shenkar College of Engineering and Design in Ramat Gan erstmals eine Reihe von Postern, welche von Studierenden gestaltet worden waren. Gegenstand der Auseinandersetzung waren die Wahrnehmungen und Perspektiven der Studierenden in Bezug auf den Holocaust heute. Einige Monate lang beschäftigten sie sich sowohl mit historischen Inhalten als auch mit künstlerischen Ausdrucksformen, um im Anschluss Poster zu entwerfen und so die jeweils eigene Sicht auf die Geschehnisse und deren Auswirkungen auf die israelische Gesellschaft zu verdeutlichen. 2008 kam es zu einer weiteren Zusammenarbeit zwischen der ISHS und der Neri Bloomfield Wizo Academy of Design and Education in Haifa. Seit 2008 werden von den Studierenden dieser Akademie jährlich Postkarten gestaltet, die sich ebenfalls mit der Überlieferung des Holocaust auseinandersetzen und nach neuen künstlerischen Zugängen zur Vergangenheit suchen.
Ausgewählte Poster und Postkarten wurden von Yad Vashem mittlerweile als gedrucktes Material zur Verfügung gestellt, um so auch der breiteren Öffentlichkeit die Möglichkeit zu geben, diese für pädagogische Zwecke zu nutzen. Zudem können die Postkarten unter folgender Internetseite abgerufen werden: http://www.yadvashem.org/yv/en/education/international_projects/postcards/index.asp
Der German Desk hat erst kürzlich einen Workshop für die 10.-12. Jahrgangsstufe entworfen, der Ideen und Anregungen geben soll, wie diese Formen der Erinnerung auch im deutschsprachigen Raum sinnvoll eingesetzt werden können. Dieser soll hier kurz skizziert wiedergegeben werden.

1. Thematischer Fokus

Ziel der Auseinandersetzung solle es sein, die Veränderungen der Erinnerung an den Holocaust durch soziale, künstlerische und historische Prozesse zu reflektieren als auch die unterschiedlichen Wahrnehmungen in verschiedenen Ländern und Gesellschaften kennenzulernen.

Desweiteren sollen die Materialien einen Dialog über das gegenwärtige Gedenken an den Holocaust in der israelischen Gesellschaft bzw. in Europa ermöglichen und sowohl die Gemeinsamkeiten als auch die Unterschiede des jeweiligen gesellschaftlichen Umganges deutlich machen. Universelle und Partikulare Ausprägungen eines kollektiven Gedächtnisses können so zum Ausdruck gebracht und zum Thema gemacht werden.

Das Material ermöglicht zudem einen offenen und kritischen Umgang mit Quellen und künstlerischen Ausdrucksformen.

2. Zum Material selbst…

Das durchaus verstörende, irritierende und provokative Material sollte nicht als (ab)geschlossene Unterrichtseinheit verwendet werden, sondern als Auslöser fungieren, um das Thema NS und Holocaust im Klassenraum zu eröffnen. Ein solcher Ausgangspunkt kann erstes Interesse und Neugierde bei den Schülern wecken, um anschließend die notwendigen historischen Ereignisse kennenzulernen. Die Schüler können so auch selbständig den historischen Kontext erforschen und sich mit der Frage beschäftigen, was die abgebildeten Motive mit unserer Gegenwart zu tun haben.

Die Postkarten und Poster bieten sich aber auch für den Abschluss einer Lehreinheit an und können die eigenständige kreative Auseinandersetzung fördern.

3. Arbeitsgruppen

Im Folgenden werden vier mögliche Arbeitsgruppen vorgestellt. Dabei haben wir uns auf einige wenige Postkarten und Poster beschränkt, mit jeweils unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten, um das Potential des Materials zu verdeutlichen. Je nach Gruppenstärke, thematischem Fokus und Verfügbarkeit der Materialien kann die Zahl der Arbeitsgruppen auch beliebig reduziert werden.

Arbeitsgruppe 1: Das Allgemeine und das Spezifische
Primärmaterial: Vier Postkarten aus dem Postkartenset
Sekundärmaterial: Fotografien aus dem Auschwitzalbum (Familienmitglieder und Bekannte von Lili Jacob), Hintergrundinformationen zum Auschwitzalbum und zur Biografie von Lili Jacob.
Die Materialien sollen in drei Schritten bearbeitet werden. Dazu werden den Schülern nacheinander folgende Materialien und Aufgabenstellungen ausgeteilt:

  1. Die Schüler erhalten einen Umschlag mit Fotografien aus dem Auschwitzalbum (ohne Personenbeschreibung) und ein kurze Hintergrundinformation über die Entstehungsgeschichte der Fotos.
    Arbeitsauftrag: Betrachtet die Fotos aus dem ersten Umschlag, wen und was bilden die Fotografien ab, welche Perspektive zeigen sie?
  2. Die Schüler erhalten einen weiteren Umschlag, der nun die Fotografien mit den zugehörigen Personenbeschreibungen enthält. Außerdem erhalten sie eine kurze Biografie zu Lili Jacob.
    Arbeitsauftrag: Für die Überlebende Lili Jacob hatten die Fotos nicht die Bedeutung einer historischen Quelle. Welche Dimension tritt hervor, wenn wir die Bilder durch ihre Augen betrachten? Nehmt dazu die Kopien aus dem „Auschwitz-Album“ zur Hilfe, die erklären, wer auf den Bildern zu sehen ist.
  3. Zuletzt erhalten die Schüler einen Umschlag mit den Postkarten. Anhand dieser sollen sich die Schüler mit dem Nachwirken des Holocaust heute auseinandersetzen (Treblinka, Bialystok Postkarte) und Leerstellen bzw. Brüche in unserer Gesellschaft diskutieren. Das Hinterfragen bekannter Metaphern und Ikonen kann dabei eine Hilfestellung bieten (Schuhe, Brillen). Der Versuch der Studenten war es unter anderem auf die persönlichen Schicksale hinter der allgemeinen Geschichte des Holocaust aufmerksam zu machen.
    Arbeitsauftrag: Hinter der anonymen Geschichte massenhaft ermordeter Menschen treten konkrete Geschichten hervor. Betrachtet nun die Postkarten und versucht einen Zusammenhang mit den vorher betrachteten Fotografien herzustellen. Wie bearbeiten die israelischen Grafikstudenten historische Dokumente und Objekte aus der Zeit des Holocaust? Was wollen sie damit zeigen?

Arbeitsgruppe 2 : Alltag während des Holocaust
Primärmaterial: Vier Postkarten aus dem Postkartenset
Sekundärmaterial: Überlebendenberichte, welche von der Lehrperson eigenständig ausgesucht werden können. Wir haben hier eine kleine Auswahl an Texten zusammengestellt. Der Großteil der Textauszüge stammt aus unseren bisherigen Unterrichtseinheiten.
Durch die jeweils aufeinander abgestimmten Vorder- und Rückseiten der Postkarten versuchen die Studierenden auch hier wieder den Alltag während des Holocaust durch eine persönliche Geschichte anschaulicher zu machen. Zu beachten ist, dass die Studenten sehr häufig das Motiv der Verfremdung gewählt haben und Objekte aus unserem Alltag in die Darstellung miteinbezogen haben. Die Postkarten können daher auch als Ausgangspunkt dienen, um sowohl Unterschiede als auch Analogien zu heute sichtbar zu machen.
Auch hier sollten die Schüler die beiden folgenden Arbeitsaufträge nacheinander bearbeiten:

  1. Arbeitsauftrag: Betrachtet die Postkarten. Auf welche historische Situation, auf welches Thema beziehen sie sich?
  2. Arbeitsauftrag: Nehmt nun die Zeugnisse von Überlebenden über ihre Zeit im Ghetto oder Lager zur Hand. Diese behandeln das gleiche Thema wie die Karten. Welchen Zugang wählen die israelischen Grafikstudenten in Bezug auf das Alltagsleben in den Ghettos und Lagern? Diskutiert die künstlerische Umsetzung.

Arbeitsgruppe 3 : Historische Bezüge
Primärmaterial: Zwei Poster aus dem Posterset
Sekundärmaterial: Hintergrundinformationen zur Niederschlagung des Ghettoaufstandes in Warschau bzw. zum Stroop Report, sowie zum KZ Buchenwald. Außerdem können folgende Überlebendenberichte zu den historischen Ereignissen 1939 bzw. 1942 hinzugezogen werden. Natürlich bietet sich auch an, Filmausschnitte aus Bambi (Bambis Reaktion auf den Tod seiner Mutter in der Mitte des Films) und dem Zauberer von Oz (der Übergang vom Sturm in die farbige Zauberwelt am Anfang des Films) zu integrieren.
Die Materialien sollen hier in vier Schritten bearbeitet werden. Dazu werden den Schülern nacheinander folgende Materialien und Aufgabenstellungen ausgeteilt:

  1. Die Schüler erhalten die beiden Poster zur Bearbeitung.
    Arbeitsauftrag: Betracht die Poster. Welche Bezüge werden durch die Bilder und durch den Text hergestellt? Was sagt dies über die unterschiedliche Wahrnehmung der historischen Zeit aus?
  2. In einem nächsten Schritt werden den Schülern die zwei Überlebendenberichte zur Verfügung gestellt. Die Studentin hat mit ihrer Collage bewusst versucht, die Ereignisse in Europa während des Holocaust mit dem sie umgebenden Alltag zu konfrontieren.
    Arbeitsauftrag: Nehmt die Zeugnisse von Überlebenden zur Hand, was verbinden diese mit den Jahreszahlen 1939 und 1942?
  3. Nun erhalten die Schüler die historischen Hintergrundinformationen zu den Fotografien. Eine quellenkritische Analyse des historischen Umganges mit Dokumenten aus der Zeit des Holocausts sollte in die Diskussion mit einfließen.
    Arbeitsauftrag: Neben den Farbfotos aus den Filmen „Der Zauberer von Oz“ und „Bambi“ hat die Grafikerin auch historische Fotografien verwendet. Diskutiert Entstehungskontext und Überlieferung der Bilder anhand der Originale in Hinblick auf ihre Verwendung in der Collage.
  4. Wenn möglich, können nun die beiden Filmausschnitte gezeigt werden.
    Arbeitsauftrag: Schaut euch die Filmausschnitte aus den Filmen „Der Zauberer von Oz“ und „Bambi“ an. Lassen sich Bezüge zum Thema der Plakate herstellen?

Arbeitsgruppe 4: Perspektivenvielfalt und Ikonen des Holocaust
Primärmaterial: Drei Poster aus dem Posterset
Sekundärmaterial: Überlebenden- und Augenzeugenberichte, welche von der Lehrperson eigenständig ausgesucht werden können. Auch hier haben wir eine kleine Auswahl an Texten zusammengestellt, die aus bisherigen Unterrichtseinheiten stammt. Für die letzte Aufgabenstellung muss auch das Gedicht des Pfarrers Martin Niemöller sowie der Songtext von Bob Dylan zu Blowin´ in the Wind herangezogen werden.

Wie zuvor empfehlen wir auch hier die Arbeitsschritte aufeinander folgen zu lassen, um so eine detailliertere Analyse der Poster zu ermöglichen.

  1. Arbeitsauftrag: Schaut euch die Plakate an und diskutiert die darin enthaltenen verschiedenen Dimensionen und Perspektiven.
  2. Arbeitsauftrag: Bringt die Plakate in eine Reihenfolge und überlegt, ob auch andere Anordnungen möglich wären?
  3. Arbeitsauftrag: Lest die beiliegenden Zitate von Überlebenden und Augenzeugen. Stellt thematische Verbindungen zu den Plakaten her und ordnet die Zitate zu. Welche Wahrnehmungsperspektiven könnt ihr unterscheiden? Finden sich diese auch in den Plakaten wieder?
  4. Arbeitsauftrag: Mit den Titeln der Plakate hat sich die Grafikerin auf einen Ausspruch des evangelischen Pfarrers Martin Niemöller und auf einen Songtext von Bob Dylan bezogen. Lest die Texte und versucht Bezüge zu finden.
4. Zusammenfassung

Wenn möglich sollten die Arbeitsgruppen ihre Diskussionen und Ergebnisse im Anschluss im Klassenplenum vorstellen. Dabei sollten Fragen nach Formen der Erinnerung an den Holocaust und der Bedeutung des Holocaust für uns und unsere Gegenwart die Vorstellungen anleiten. Wenn der Workshop als Einstieg in die Beschäftigung mit dem Gegenstand gewählt wurde, sollten die Schüler aufgefordert werden, Fragen, die die Beschäftigung mit den Texten, Fotografien, Plakaten und Postkarten aufgeworfen haben, für die folgenden Unterrichtsstunden zu formulieren. Wenn der Workshop die Beschäftigung mit dem Thema Holocaust beendet, kann eine Diskussion über weitere künstlerische Formen der Erinnerung angeschlossen werden (Filme, Denkmäler und Mahnmale). Es bietet sich auch an über die unterschiedlichen Zugänge der israelischen Studenten die verschiedenen Erinnerungskulturen an den Holocaust in Deutschland und Israel zum Thema zu machen. Dazu sollten noch weitere Hintergrundinformationen über den Umgang mit dem Holocaust in der israelischen Gesellschaft mit herangezogen werden.

Materialien:
Poster: A Meeting of Worlds - the Holocaust and Us, 22 Poster, 45x65, 39$
Postkarten: 15 Postkarten, 10$.
Hier zu beziehen.