Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

Ausstellung Kein Kinderspiel. Kinder im Holocaust – Kreativität und Spiel

Pädagogische Handreichungen für Lehrerinnen und Lehrer

Von Franziska Reiniger und Anna Stocker

Zielgruppe: ab 10 Jahre

Inhalt:


Einleitung

Grundgedanken
Das Schicksal von Kindern während des Holocaust ist eines der schwierigsten Kapitel dieser Zeit. Ungefähr anderthalb Millionen jüdische Kinder sind im Holocaust in Ghettos, Lagern oder im Versteck umgekommen. Kinder waren unter den ersten die ermordert wurden, da sie für das Deutsche Reich nicht „von Nutzen” waren, da sie keine Zwangsarbeit leisten konnten, und da sie darüber hinaus die Zukunft für die jüdische Nation darstellten, die in ihrer Gesamtheit zerstört werden sollte.
Der Zweite Weltkrieg zerstörte die Kindheit jüdischer Kinder und die neue Realität zeichnete sich durch Mangel aus – Mangel an Sicherheit, Nahrung, familiären Beziehungen, Liebe und Zuneigung. Kinder mussten sich an diese Realität anpassen und versuchten ihre neue Situation oft im Spiel zu verarbeiten.
Die Unterrichtseinheiten ermöglichen es den Schülerinnen und Schülern, das Thema des Holocausts mit Hilfe der Austellung Kein Kinderspiel durch die Augen von Kindern zu sehen. Es werden individuelle Geschichten behandelt, um gerade jüngeren Schülerinnen und Schülern das Thema nahe zu bringen und Diskussionen über die Wichtigkeit von persönlichen Gegenständen, der Familie, dem Zuhause und der Freundschaft aber auch der Kreativität und dem Spiel anzuregen.

Ausgangsfragen

  • Welche Rolle spielten Spielzeuge für Kinder vor, während und nach dem Holocaust? Inwiefern verändert sich diese Rolle?
  • Was verstanden Kinder vom Krieg und wie reagierten sie darauf?
  • Wie wuchsen sie unter Nazi-Kontrolle auf? Wie passten sie sich an die neuen Umstände an? Was wird in ihren Augen „normal“?
  • Was spielten Kinder und was spielten sie nicht? Wo sind die Grenzen im Spiel?

Anmerkungen an die Lehrenden

  • Spielzeuge boten Kindern in Zeiten, in denen sie sich manchmal vollkommen selbst überlassen waren Trost und Gesellschaft.
  • Während des Krieges waren sie teilweise die einzigen Besitztümer oder Erinnerungen an verlorene Zeiten und vollständige Familien, die den Kindern blieben.
  • Sie halfen den Kindern dabei, ihre Kindheit und Identität zu bewahren.
  • Sie stellten einen Rückzugsraum für die Kinder in eine andere Wirklichkeit dar und boten ihnen die Möglichkeit, die schreckliche und traurige Realität während des Holocaust für eine Weile zu vergessen.
  • Die Phantasie und Kreativität die Kinder im Spiel ausleben konnten, waren manchmal die Vorraussetzung für das Überleben in einem solchen Kontext.
  • Spielsituationen waren meist die einzigen Situationen, in denen Kinder die Kontrolle in Bezug auf Ereignisse hatten.

Kinder in der Vorkriegszeit

Inhalt:

Grundgedanken
Das Leben von Kindern vor dem Holocaust soll hier behandelt werden. Dadurch soll die Vielfalt der Welt jüdischer Kinder in Europa vor dem Holocaust anschaulich gemacht werden sowie Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich mit heutigen Lernenden verdeutlicht werden. Im Zentrum soll dabei die Frage nach der Rolle von Spielen und Spielzeugen für Kinder stehen, denn alle Kinder spielen, egal welcher Religion oder Nationalität sie angehören.

Historischer Hintergrund
Die Welt jüdischer Kinder in Europa vor dem Holocaust war von einer Vielfältigkeit. Jedes Kind und seine Familie, jedes Kind innerhalb seines engeren Lebensumfelds, jedes Kind innerhalb der kulturellen Umgebung, in der es aufwächst, bildet eine eigene Welt. Da waren diejenigen, die im „Cheder" lernten und in einem tief religiösen Umfeld groß wurden. Andere lernten in staatlichen Schulen und lebten ein völlig säkulares Leben. Zwischen diesen Extremen gab es die unterschiedlichsten Facetten religiöser Überzeugungen und Lebensformen. Viele der Spiele, die die Kinder spielten, und viele Bücher, die sie lasen, sind auch heute noch Bestandteil der soziokulturellen Umgebung unserer Kinder: Straßen- und Ballspiele, Spielzeug, Brettspiele wie Monopoly und Schach, Bücher wie Der Glöckner von Notre Dame und Anne auf Green Gables, Charaktere aus Walt- Disney-Filmen wie Micky Mouse oder Schneewittchen und die sieben Zwerge.

Photographien und Zeitzeugenberichte
Klicken Sie hier, um die Fotos ansehen zu können.

„Wir waren sechs Tage die Woche in der Schule und bekamen entsetzlich viele Hausaufgaben auf. Wir waren Mitglieder in einer Jugendgruppe, und so liefen wir im Winter Schlittschuh und spielten im Sommer Tennis. Ich turnte und lief gerne.“[1]
Dora Eiger Zaidenweber

„Ich ging in Cluj zur Schule und mochte die Schule nicht besonders gerne, sondern liebte es bereits als Kind, etwas mit meinen Händen zu machen, bastelte zum Beispiel Puppen. Als Jugendliche, nachdem ich die Schule abgeschlossen hatte, wollte ich so gerne nach Italien in eine damals berühmte Puppenmanufaktur.”[2]
Julie Weiss-Nicholson

„Das jüdische Leben in Wilna pulsierte und war aufregend. Meine Kindheit war typisch für ein jüdisches Kind in Wilna. Zuhause wurde ich vergöttert. Ich liebte die Schule. Ich liebte den Geschichtsunterricht und die Literaturstunden. Seit frühester Kindheit war das Theater meine Leidenschaft.”[3]
Sima Skurkowitz

„Die Arbeit in der Schule ist beendet. Die Tage sind warm und sonnig. Wir wünschen uns so sehr, aus der Stadt rauszukommen. […] Unsere Schulkameraden träumen von grünen Wiesen und vom sorglosen Leben im Ferienlager. […] Gegen Abend kommen wir zurück in die laute Stadt, die vor Energie pulsiert. Noch niemals hat das Leben so viel Freude und Sorglosigkeit für uns bereitgehalten.” [4]
Yitzkhok Rudashevski

„Eines der populärsten Spiele war damals Völkerball, das vor allem von den älteren Kindern mit großem Eifer gespielt wurde. Es ist eine Art Handball mit zwei Teams und komplizierten Regeln. Es war immer ein besonderer Tag für uns, wenn die älteren Jugendlichen uns erlaubten, mitzuspielen. […] Vor allem die Winter in Gerresheim waren eine wunderbare Zeit. […] Ich sah immer gerne dem ersten Schneefall zu: das waren große, graublaue Flocken, die sich lautlos auf Zweige, Zäune und Straßenlampen senkten. Und ich beobachtete das ganze von meinem sicheren Platz hinter der Fensterscheibe und fühlte mich geborgen. […] Dann brachen Schneeballschlachten auf der Straße aus und selbst Erwachsene ließen sich manchmal dazu hinreißen, mitzumachen.” [5]
Hannele Zürndorfer

„Ich liebe es, in der einbrechenden Nacht stundenlang wach zu liegen und meinen Gedanken nachzuhängen. Das Leben birgt ein aufregendes Rätsel, einen süßen, geheimnisvollen Zauber. In meiner Vorstellung bin ich eine gefeierte Dichterin, schön, elegant und sehr begabt. Meine Gedichte öffnen mir das Herz der Welt und ich genieße das Gefühl, von der Welt umarmt zu werden.” [6]
Livia Bitton-Jackson

Arbeitsvorschläge für Lerngruppen

  • Betrachtet die unterschiedlichen Photographien.
  • Lest die Aufzeichnungen von Kindern in der Klasse oder in Kleingruppen.
  • Beschreibt und analysiert die Fotos und Texte in Bezug auf Kindheit vor dem Holocaust.
  • Arbeitet Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen der Lebenswelt von Kindern vor dem Holocaust und heutigen Lernenden heraus. Dazu könnt ihr Photographien aus euren eigenen Familie mitverwenden.

Kinder im Schatten des Krieges - Am Beispiel der Geschichte des Schiffs St. Louis

Inhalt:


Die St. Louis Die St. Louis

Historischer Hintergrund
Nachdem die Nazis 1933 die Macht in Deutschland übernommen hatten, verschlimmerte sich die Situation der deutschen Jüdinnen und Juden von Tag zu Tag. Es wurden Gesetze verabschiedet, die alle Aspekte des täglichen Lebens betrafen und die jüdischen Bürger unter anderem aus der Wirtschaft und dem öffentlichen Bildungssystem verdrängen sollten. Die Gemeinden bemühten sich, ein eigenes Schulwesen aufzubauen. Immer mehr Jüdinnen und Juden versuchten, Deutschland zu verlassen. Wegen des generell anwachsenden Antisemitismus fanden sich jedoch nur wenige Länder, die bereit waren, sie aufzunehmen.

Viele Eltern trafen die Entscheidung, sich von ihren Kindern zu trennen und sie fortzuschicken, um damit ihre Zukunft zu sichern. Vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges im September 1939 gelang es der Jugendaliya, 5.000 Kinder nach Palästina bringen. Weitere 9.000 fanden nach dem Novemberpogrom 1938 in Großbritannien Zuflucht. Für tausende andere Kinder sollte die Suche nach Asyl jedoch erfolglos bleiben. Die meisten Kinder, die auswandern konnten, sahen ihre Eltern nie wieder.

Eine beeindruckende Geschichte zum Thema der Vorkriegszeit und dem Leben im Schatten des Krieges ist die Geschichte des Schiffs St. Louis. Das Schiff verließ am 13. Mai 1939 Hamburg in Richtung Kuba. An Bord waren 936 Flüchtlinge, die meisten davon Jüdinnen und Juden, die versuchten auf diesem Wege aus Deutschland zu flüchten.
In Kuba angekommen wurde dem Schiff die Einreise verweigert. Nach vielen nicht erfolgreichen Interventionsversuchen, unter anderem durch den Kapitän Gustav Schröder, musste das Schiff den Hafen von Havanna am 6. Juni 1939 wieder verlassen und zurück nach Europa fahren. Auf dem Weg zurück versucht der Kapitän eine Anlegeerlaubnis in den USA zu bekommen und erreicht am Ende, dass die Passagiere am 17. Juni von Antwerpen aus auf einige westeuropäische Staaten verteilt wurden (nach Großbritannien 288, in die Niederlande 181, nach Belgien 214 und nach Frankreich 224 Passagiere). Über die St. Louis haben viele Medien berichtet. Nach den Besetzungen Belgiens, der Niederlande und Frankreichs durch Truppen der Wehrmacht ab 1940 gerieten viele der ehemaligen Passagiere in den Herrschaftsbereich der Nationalsozialisten und wurden erneut verfolgt und später oftmals deportiert und ermordet.

Mehr Informationen zu diesem Thema können Sie im United States Holocaust Memorial Museum finden. Gustav Schröder wurde posthum in Yad Vashem als Gerechter unter den Völkern für seinen Einsatz während der Fahrt ausgezeichnet. Als Gerechte unter den Völkern werden in Yad Vashem Menschen ausgezeichnet, die während der Shoah versucht haben Jüdinnen und Juden zu retten.
Hier können Sie mehr zu ihm lesen.
Im Folgenden können Sie am Beispiel eines Mädchens die Geschichte der St. Louis und ihrer Folgen lesen.

Das Beispiel von Hannelore Klein

Hannelore Hannelore

Hannelore Klein wurde am 8. Juni 1927 in Berlin geboren und befand sich als Mädchen auf dem Schiff St. Louis. Nach der Rückkehr des Schiffs ging sie mit ihren Eltern in den Niederlanden von Bord. Dort lebte sie bis sie mit ihren Eltern nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht nach Westerbork und von dort in verschiedene Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert wurden. Hannelore hat überlebt, hat jedoch einen Großteil ihrer Familie während der Shoah verloren. Heute lebt sie in den Niederlanden. Hannelore Klein hat für ihre Familie ihre Erinnerungen aufgeschrieben und Yad Vashem zur Verfügung gestellt.

In diesen Erinnerungen schreibt sie auch über die Fahrt auf der St. Louis und ihren Gedanken und Erfahrungen während dieser Zeit.
Im Folgenden finden Sie Textauszügen aus den Erinnerungen von Hannelore Klein, diese sind den Yad Vashem Unterrichtsmaterialien „Was geht mich die Geschichte an? Den Holocaust im 21. Jahrhundert unterrichten.“ entnommen

Hannelore und Eltern Hannelore und Eltern

Die Textausschnitte von Hannelore Klein stammen aus Aufzeichnungen, die Hannelore Klein nach dem Krieg für ihre Familie aufgeschrieben hat. Darin unterscheiden sie sich von anderen Textsorten, wie Tagebüchern, die während der Shoah entstanden sind.
Nur auf Bitten von Yad Vashem hat sie ihre Erinnerungen zur Verfügung gestellt.




Reise an Bord der St. Louis

Das Schiff St.Louis Das Schiff St.Louis

„Die St. Louis lag im Freihafen von Hamburg, schneeweiß gestrichen mit schwarz-weiß-roten Schornsteinen. Arbeiter schleppten Kisten mit Proviant und ein großer Hebekran hob die Containerkisten in die Gepäckräume – die sogenannten Judenkisten. Wir mussten an Tischen entlang zur Pass- und Zollkontrolle gehen. Niemand sprach ein Wort. Es dauerte den ganzen Nachmittag, bis die Passagiere, 930 jüdische Männer, Frauen und Kinder, an Bord gegangen waren. Zuerst bekamen wir Kaffee und Kuchen, danach Abendessen. Um 20 Uhr legte die St. Louis ab, und das Bord-Orchester spielte ‚Muss I denn, muss I denn zum Städtele hinaus...‘. Der Kapitän Gustav Schröder war einer der verlässlichsten Männer der ganzen Reederei, was während der gesamten Reise zu spüren war. Er hatte der Mannschaft befohlen, die jüdischen Passagiere als Ausländer[7] zu behandeln.
(...) Das Wetter war unwahrscheinlich schön. Es wurden Konzerte, Bockbierfeste und Kostümbälle gegeben. Die Reise mit dem freundlichen Kapitän und seiner Mannschaft, die versuchten, es den 930 Juden so angenehm wie möglich zu machen, war wie eine lang vergessene Ferienfahrt.“[8]

Nach der Nachricht, dass die Passagiere der St. Louis keine Einreisegenehmigung nach Kuba erhielten, war von der Urlaubsstimmung auf der St. Louis nichts mehr zu spüren.

St.Louis Verhandlungen St.Louis Verhandlungen

„In der Bucht von Havanna lag die St. Louis in glühender Hitze. Eine merkwürdige Stille hing über dem Schiff. Der Salon, wo die Gottesdienste abgehalten wurden, war immer überfüllt mit Leuten. Die Unruhe der Passagiere stieg bis zum Unerträglichen. Kapitän Schröder befürchtete eine Katastrophe. Am Morgen des 30. Mai bekam Kapitän Schröder die ersten Briefe aus Havanna, alle von Familien der Passagiere, und alle hatten den gleichen Inhalt. Die Passagiere befanden sich also in einem sehr gespannten Zustand, und viele dachten daran, Selbstmord zu begehen.(...)“[9]

Nach langwierigen Verhandlungen musste die St. Louis ablegen und nahm Kurs zurück nach Europa.

„Die Vorräte des Schiffes gingen zu Ende. Es war wie ein Traum, dass vor einer Woche das Schiff noch in glühender Hitze vor der Bucht von Havanna gelegen hatte – mit der Hoffnung auf Landung. An uns Kindern ist all das vorbei geglitten, wir waren beschäftigt in unserer eigenen Phantasie- und Spielwelt. Wir rannten zum Beispiel auf allen Decks herum, guckten kleine Babies an oder spielten Versteck.“ [10]

Verzweifelter Plan des Kapitäns Schröder: Schiffshavarie vor der Küste Englands

St.Louis Tanzen St.Louis Tanzen

„An Bord der St. Louis wird nicht mehr getanzt. Das Orchester spielt vor leeren Stühlen, das Kino ist unbesucht. Das Schiff pendelt ziellos zwischen Florida und Kuba. Was an Gerüchten und Wahrheiten kursiert, nehmen die wenigsten noch ernst: vielleicht die Pinieninsel vor Kuba, vielleicht die Dominikanische Republik, vielleicht doch die USA.
Schließlich ist es aus. ‚Sofort nach Hamburg‘, kabelt die Hapag an Schröder. (...) Als Schröder so weit ist, das Schiff an der britischen Küste havarieren zu lassen, um eine Landung zu erzwingen, erklären sich einige Regierungen bereit, die Flüchtlinge aufzunehmen. 287 nimmt Großbritannien, 224 Frankreich, 181 Holland und 214 Belgien. Nach mehr als einem Monat auf See erreicht die St. Louis den Hafen von Antwerpen.“ [11]

Zurück in Europa
Hannelore und ihre Eltern gingen in Antwerpen von Bord und sollten in Holland Aufnahme finden.

„Die für Holland bestimmten Passagiere verließen am Morgen den 18. Juni die St. Louis. Ein Touristenschiff brachte uns nach Rotterdam. Diese Fahrt dauerte etwa 9 Stunden. Jeder von uns hatte ein Körbchen mit einem koscheren Picknick bekommen. Für uns Kinder war diese Fahrt wie ein Ausflug. Unser Ziel war das Quarantänelager Hayplaat in Rotterdam. Wir verschwanden hinter dem Stacheldraht von Hayplaat mit den orangen Blümchen, die uns an die Jacke gesteckt worden waren – eine Einladung von Königin Wilhelmina [die holländische Königin]. Wir wussten nicht, dass wir unsere Freiheit für die kommenden sechs Jahre verloren hatten, und dass die meisten von uns, auch meine Eltern, niemals wieder Freiheit erleben würden.“ [12]

Arbeitsvorschläge für Lerngruppen

  • Welche Informationen lassen sich zu Gustav Schröder finden? Warum wurde er als Gerechter unter den Völkern ausgezeichnet?
  • Welche Eindrücke gewinnt man durch Hannelore Klein von der Fahrt nach Havanna?
  • Wie gehen die Kinder mit der Realität an Bord um?
  • Wie beschreibt Hannelore die Stimmung auf dem Schiff, nachdem klar wurde, dass die Passagiere in Havana nicht von Bord gehen können?
  • Was passierte mit der Familie Klein, nachdem sie in Antwerpen von Bord gingen?

Kinder in Ghettos und Lagern

Inhalt:


Kinder in Ghettos

  • Historischer Hintergrund
    Während des Zweiten Weltkrieges (1939-1945) isolierten die Nazis und ihre Helferinnen und Helfer die Jüdinnen und Juden von ihren nicht-jüdischen Nachbarn und zwangen Millionen von Jüdinnen und Juden, in Ghettos (abgeschlossene Viertel, die ausschließlich von Jüdinnen und Juden bewohnt werden durften) zu leben. Sie durften das Ghetto ohne offizielle Genehmigung nicht verlassen. Aufgrund der entsetzlichen Lebensumstände in den Ghettos – Überbevölkerung (oft mit über fünfzehn Personen pro Zimmer), Hunger, Schmutz und Kälte – kamen viele ums Leben. Im größten Ghetto, Warschau, starben innerhalb von zwei Jahren mehr als 85.000 der 450.000 Jüdinnen und Juden, die dort eingepfercht leben mussten.

  • Kinderspiele in Ghettos
    In den folgenden Beispielen werden unterschiedliche Funktionen, die Spielzeuge und Kinderspiele für die verfolgten Kinder hatten, thematisiert.

    Uri Orlev

    Flucht vor der Realität – Am Beispiel Uri Orlevs „Das Sandspiel“
    Uri Orlev wurde 1931 in Warschau geboren und verbrachte einen Teil seiner Kindheit im Warschauer Ghetto. 1943 wurde er mit seinem Bruder und einer Tante in das Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert. Nach der Befreiung wanderte er nach Israel aus. In seinem autobiographischen Roman erzählt Uri Orlev die Geschichte seiner Kindheit. Darin malt sich der Erzähler spielerisch eine andere Realität aus, um der Wirklichkeit zu entfliehen. Dadurch wird er auch zur Hoffnungsgestalt seines Bruders, der diese Geschichten ebenso benötigt wie Uri selbst.


    „In Wahrheit spielten wir ein Spiel. Ich war Tarzan, der Herrscher der Welt, und mein Bruder war nicht mein Bruder, sondern mein Feind, mit dem ich mich im Krieg befand. Und wenn Frieden war, wurde er wieder zu meinem Bruder, der das Nachbarland regierte. Wir hatten beide eine große Armee und während der sechs wirklichen Kriegsjahre führten wir im Spiel unseren eigenen Krieg. Die Form des Spiels wurde von den äußeren Bedingungen bestimmt. Nachts oder in einem dunklen Versteck erzählten wir uns einfach, was wir mit unseren Armeen taten. Konnten wir tagsüber auf dem Fußboden spielen, führten wir regelrechte Schlachten mit Bleisoldaten, mit Schachfiguren oder mit großen Haufen Spielkarten, die ich aus den verlassenen Wohnungen der Nachbarhäuser geholt hatte. Wenn wir nicht mit in die Fabrik genommen wurden, um uns dort zu verstecken, und wenn wir nicht in unser Versteck im Haus gehen mussten, führten wir zwölf Stunden lang abwechselnd Kriege und Friedensverhandlungen auf dem Fußboden des Zimmers, bis die Erwachsenen von der Arbeit zurückkamen.” [13]

    „Irgendwann hatte ich mir ausgedacht, dass der Krieg, die Vernichtung der Juden, überhaupt nicht in der Wirklichkeit stattfand. Das ich das alles nur träumte. In Wirklichkeit war ich der Sohn des chinesischen Kaisers und mein Vater, der Kaiser, hatte befohlen, mein Bett auf eine große Bühne zu stellen. Um das Bett herum standen zwanzig weise Mandarine. Sie hießen Mandarine, weil jeder eine Mandarine auf seinem Hut befestigt hatte. Mein Vater befahl ihnen, mich in Schlaf zu versetzen und diesen Traum träumen zu lassen, damit ich eines Tages, wenn ich seinen Thron erbte, wüsste, wie schlimm Kriege sind, was Hunger bedeutete und was es hieß, verwaist zu sein. Damit ich nie Kriege führen würde. Mein Bruder liebte diese Geschichte. Jedes Mal, wenn etwas passierte, wenn eine Bedrohung auftauchte und wir uns in plötzlicher Gefahr befanden, drängte mich mein Bruder, ihm diese Geschichte zu erzählen. […] Und wenn wir keine Zeit hatten, die Geschichte von Anfang an zu erzählen, wie der Hof des chinesischen Kaisers aussah und was ich dort aß und welche Befehle ich den vielen Dienern gab, begnügte er sich mit der Bestätigung, dass ich all das, was wirklich um uns herum geschah, nur träumte.
    Bei unserem bis dahin größten ‘Abenteuer’ war ich elf Jahre alt gewesen und mein Bruder neun. Meine Mutter hatte versucht, uns aus dem Ghetto schmuggeln zu lassen, aber wir wurden von zwei Deutschen in Zivil geschnappt. Sie brachten uns zur Ghettomauer und zogen ihre Pistolen, um uns zu erschießen. Mein Bruder zupfte mich am Ärmel. Ich wusste, was er wollte, und flüsterte: ‘Ja, ich träume nur.’
    In solchen Situationen war mein Bruder einfach sicher, dass er in meinem Traum lebte. Und wie in jedem Traum war auch damals, entgegen jeder vernünftigen Erwartung, ein Engel in Gestalt eines deutschen Offiziers in Uniform aufgetaucht.”[14]

    Arbeitsvorschläge für Lerngruppen

    • Beschreibt, wie die Spiele der Brüder aussehen.
    • Mit welchen Schwierigkeiten sind die Brüder im Leben im Ghetto konfrontiert? Wie versuchen sie damit umzugehen?
    • Welche Bedeutung nehmen die Spiele ein?

    Eine ausführliche Unterrichtseinheit zu Uri Orlev kann hier eingesehen werden.

    Das Spielzeug als Bezugsperson – Am Beispiel der Puppe Zuzia

    Zofia im Alter von acht Jahren Zofia im Alter von acht Jahren

    Zofia Zajczyk-Rosner wurde 1939 in Warschau geboren und wurde mit ihrer Mutter ins Warschauer Ghetto zwangsumgesiedelt. Ihr Vater war schon 1939 nach der Eroberung Polens ins Gefängnis gesperrt worden und wurde dort umgebracht. Zofias Mutter war sehr involviert in Schmuggelaktionen ins Ghetto, die für die Bewohner einen wichtigen Bestandteil der Überlebensstrategien ausmachten. Das führte dazu, dass sie ihre Tochter oft alleine lassen musste. Damit Zofia sich nicht zu einsam fühlte, machte ihre Mutter ihr eine Puppe. Die Mutter beauftrage Zofia, sich tagsüber um die Puppe, wie um eine Tochter zu kümmern. Zuzia, die Puppe, wurde Zofias Freundin und Familie, wenn sie alleine im Ghetto war. Zofias Mutter gelang es auf die ‚arische Seite‘ Warschaus zu fliehen und ihre Tochter Zofia nachzuholen. Dort überlebten sie in einem Versteck. Im Jahr 1950, mit 11 Jahren, wanderten Zofia und ihre Mutter nach Israel aus. In Israel nahm Zofia den Namen Yael an.

    Die Puppe Zuzia wurde zu einer der wichtigsten Bezugspersonen von Zofia, um die sie sich kümmerte und die sie versuchte zu beschützen. Da die Puppe schwarze Haare hatte, war sie besorgt:

    „Ich dachte, dass ein arisches Aussehen besser gewesen wäre. Es hätte ihr geholfen zu ‚überleben’. So sagte ich ihr: ‚Mein Liebling, du solltest dich hier verstecken.’ Üblicherweise versteckte ich sie unter der Matratze und sagte ihr: ‚Du darfst nicht laut weinen. Dann hören sie dich; du hast dunkles Haar, das ist schlecht für dich.’” [15]

    Zuzia Zuzia

    Wann immer Zofias Mutter das Ghetto verließ und ihre Tochter allein im Keller zurück ließ, versuchte Zofia stark zu sein und nicht zu weinen. Sie war jedoch böse auf ihre Puppe, da diese weinte.

    Eines Tages als Zofia allein war, kam ein junger Mann, der sie aus dem Ghetto schmuggeln wollte und zu ihrer Mutter bringen wollte, die auf der ‚arischen’ Seite Warschaus wartete. Zofia wurde in einen Kohlensack gesteckt, und der Mann sagte ihr, sie solle ganz still liegen. Doch auf halbem Weg fiel ihr ein, dass sie ihre Puppe im Keller vergessen hatte. Sie stupste den Mann am Rücken an, aber er reagierte nicht darauf, wegen der großen Gefahr entdeckt zu werden. Zofia gab nicht auf, fing an zu schreien und zwang den Mann zurück zum Versteck zu fahren, um die Puppe zu holen. Es gelang es ihnen noch einmal umzukehren und auch die Puppe zu retten.
    Auf die Frage hin warum Zofia ihr Leben und das ihres Helfers aufs Spiel gesetzt hatte, um ihre Puppe zu holen, antwortete diese ihrer Mutter: „Man kann seine Tochter doch nicht im Stich lassen.“

    Arbeitsvorschläge für Lerngruppen

    • Warum ist Zofia besorgt, dass ihre Puppe Zuzia schwarze Haare hat?
    • Warum ist Zofia böse auf ihre Puppe, wenn ihre Mutter sie allein lässt?
    • Warum besteht Zofia darauf, noch einmal ins Ghetto zurückzukehren, um die Puppe zu holen? Warum ist es so schwierig für sie, sich von der Puppe zu trennen?
    • Welche Rolle hat die Puppe Zuzia für Zofia?

    Anmerkungen an die Lehrenden
    Anhand dieses Beispiels wird der Versuch eines kleinen Mädchens erkennbar, eine unglaublich schwierige Situation zu meistern, indem sie ihre Ängste auf die Puppe projeziert. Damit gelingt es Zofia eine Art Kontrolle über die Situation, ihre Einsamkeit und ihr Ängste zu gewinnen. Sie flüchtet sich in die Rolle einer Mutter, die Verantwortung für ihr Kind übernimmt und für dieses Stärke zeigen muss.
    Zofia überträgt die Beziehung zu ihrer Mutter auf sich selbst und ihre Puppe, um die Situation besser bewältigen zu können. Die Puppe hilft Zofia ihre Einsamkeit im Versteck zu bewältigen. Der Überlebenskampf spielt sich auf der Folie des Spiels ab, welches sie mit ihrer Puppe spielt.

    Das Spielzeug als Gefährtin gegen die Einsamkeit – Am Beispiel der Puppe Gertá

    Die Puppe Gertá gehörte Éva Modvál aus St. György, Transsilvanien. Gertá begleitete Éva in die Lager von Tolonc und Kistarcsa in Ungarn, wo sie mit ihrer Mutter während des Krieges inhaftiert war. Die Puppe war Évas beste Freundin und die einzige Zeugin der guten Zeiten, die die Familie vor dem Krieg genossen hatte, wie auch der schweren Zeiten, die folgten. Éva wanderte 1945 nach Palästina (das spätere Israel) aus.
    Eva Modval beschrieb ihre Deportation aus dem Dorf St. George in Transilvanien:

    „[...] Gertá und ich waren so verängstigt, dass wir zu weinen anfingen[...]. Was für ein Glück, dass ich Gerta bei mir hatte. Ich umarmte sie so stark ich konnte und von diesem Moment an, blieben wir immer zusammen.“[16]

    Während der Deportation nach Budapest wurde Evas Vater von Eva und ihrer Mutter getrennt. Dazu erklärte sie:

    „Zum ersten Mal mussten Gertá und ich meine Mutter trösten.“[17]

    Erst 1998 trennte sich Eva von Gertá und schenkte Yad Vashem die Puppe. Sie schrieb der Puppe einen Abschiedsbrief:

    Gertá Gertá

    „Auf Wiedersehen, meine Puppe Gertá!"
    Ich verlasse dich schweren Herzens. Ich weiss nicht, ob es richtig ist, dich der fremden Dame von Yad Vashem zu geben. Du wirst deine Existenz zwischen den traurigen Besitztümern und Erinnerungen von Leuten oder Kindern fortführen, die Fremde für dich sind... Vielleicht wirst du den Menschen heute, und besonders den Kindern, erzählen können, was du gesehen hast und wo du mit mir warst – eine traurige Geschichte, aber auch eine glückliche, weil ich überlebt habe... Liebe Gertá, du wirst die letzte Zeugin einer furchtbaren Kindheit sein. Möge kein Kind, nirgendwo, mehr so etwas durchmachen... Vielleicht werde ich dich eines Tages besuchen; die einzige Grabstätte, die ich für meinen Vater und meinen Großvater und meine Großmutter habe, ist Yad Vashem. Vielleicht werden meine Kinder und Enkelkinder kommen und dann wirst du dort nicht alleine sein!
    Vielleicht wirst du Spielzeuge und Puppen treffen, die in noch schlimmeren Orten waren, und dennoch überlebt haben. Meine liebe Puppe! Heute bist du zu einem untrennbaren Teil meines Volkes geworden, das wie ein Phönix aus Feuer und Asche stieg.
    Du wirst für immer in meinem Herzen sein.

    Eva

    Arbeitsvorschläge für Lerngruppen

    • Warum verwendet Eva immer: Gertá und ich?
    • Welche Rolle nimmt die Puppe Gertá für sie ein?
    • Welche Bedeutung könnte der Abschiedsbrief Evas an ihre Puppe haben?
    • Stellt Vermutungen an, warum Eva die Puppe an Yad Vashem verschenkte.

    Anmerkungen an die Lehrenden:
    Eva nimmt die Puppe als gleichgestellte menschliche Person dar, die ebenso Angst empfindet, wenn Eva Angst hat und wenn Eva weint, dann weint Gertá selbstverständlich auch. Diese Übertragungen von Emotion helfen Eva dabei die schrecklichen Situationen zu bewältigen und ihre Erfahrungen und Gefühle mit jemandem zu teilen.

  • Kindererziehung während der Shoah
    Der Holocaust stellte Eltern, Pädagoginnen und Pädagogen vor ungemeine erzieherische Herausforderungen. Sie versuchten, die Kinder meist so weit wie möglich von der harten Lebensrealität, die im Ghetto herrschte, abzuschirmen und ihnen etwas bessere Bedingungen zu bieten.
    In Theresienstadt wurde durch engagierte Lehrerinnen und Lehrer wie Freddy Hirsch, Walter Eisinger, Friedel Dicker-Brandeis oder Egon Redlich versucht, die Kindern zu unterrichten und sie auch kulturell zu fördern. Egon Redlich schreibt in seinem Tagebuch den Wunsch, den Kindern ein „Leben als ob...“ zu ermöglichen.[18]
    Im Folgenden werden zwei Beispiele dargestellt, die veranschaulichen, wie Eltern, Lehrerinnen und Lehrer mit diesen Herausforderungen umgingen und versuchten, den Kindern und Jugendlichen trotz allem Bildung, Erziehung und Hoffnung zu geben.

    Ein Buch zur Erinnerung – Am Beispiel Bedrich Frittas: „Tommy“

    Tommy Tommy

    Tommy wurde von dem tschechischen Künstler Bedrich Fritta als Geschenk für seinen Sohn Thomas zum dritten Geburtstag gezeichnet – ein Geburtstag, der im Buch dargestellt ist, wie ihn jeder normale Mensch außerhalb des Ghettos feiern würde – mit einem Fest, Kuchen, Geschenken und einem Clown. Fritta illustrierte das Buch mit Zeichnungen von dem Leben, das er außerhalb der Ghettomauern kennengelernt hatte. Er wollte seinem Sohn alles über die normale Welt beibringen, über Bäume, Parks, Vögel und Blumen – in der Hoffnung Tommy würde einmal in der Zukunft ein besseres Leben erfahren. Das Buch spiegelte nicht die Realität wider – es war vielmehr ein optimistisches Geschenk.
    Fritta war der Leiter der technischen Abteilung im Ghetto Theresienstadt, deren Arbeiter jüdische Künstler waren. Sie waren gezwungen Propaganda für die Deutschen anzufertigen, dokumentierten jedoch heimlich - wann immer es möglich war - die harte Realität ihres Alltagslebens.
    Fritta kam in Auschwitz ums Leben, während seine Frau Hansi in Theresienstadt starb. Nach dem Krieg wurde Tommy von Leo Hass, dem Freund und Künstlerkollegen seines Vaters, und dessen Frau Erna adoptiert, die die Manuskripte ausbesserte.
    Das Buch wurde von Yad Vashem 1999 veröffentlicht.
    Hier finden Sie eine Unterrichtseinheit zu dem Buch.

    Das Spielzeug als Informationsquelle – Am Beispiel des Monopoly-Spiels in Theresienstadt

    Monopoly-Spiel, 1943 im Ghetto angefertigt Monopoly-Spiel, 1943 im Ghetto angefertigt

    Dieses Monopoly-Spiel wurde in einer Grafikwerkstatt angefertigt, die zu den Untergrundaktivitäten des Ghettos Theresienstadt gehörte. Gezeichnet wurde das Spielbrett von Oswald Poeck, einem Künstler, der im November 1941 von Prag nach Theresienstadt, und später, im September 1944, nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde.

    Abgesehen davon, dass das Monopoly-Spiel die Kinder unterhalten sollte, war es dazu gedacht, ihnen nützliche Informationen über das Leben im Ghetto zu vermitteln.

    Karten für das Monopoly-Spiel Karten für das Monopoly-Spiel

    Das Spielbrett zeigt eine Zeichnung des Ghettos. Bedeutende Orte des Ghettos bilden die Stationen des Spiels: das Gefängnis, das Jugendheim, die Bastei, das Zeughaus, die Küche, die Schleuse usw. Diejenigen, die aus dem Ghetto deportiert wurden, ließen häufig ihre Besitztümer bei ihren Freunden zurück, die im Ghetto blieben. Auf diese Weise gelangte das Monopoly-Spiel in den Besitz von Pavel und Tomaš Glass in Theresienstadt.


    Arbeitsvorschläge für Lerngruppen

    • Welche Funktion hat das Monopoly-Spiel für die Kinder in Theresienstadt?


Kinder in Lagern

  • Historischer Hintergrund

    Nachdem zuerst in Deutschland Konzentrationslager aufgebaut wurden, wurden im Verlauf des Zweiten Weltkriegs viele weitere Lager – Konzentrations-, Arbeits- und Durchgangslager – in ganz Europa aufgebaut. In diesen Lagern wurden hunderttausende Häftlinge eingesperrt, die meisten von ihnen wurden ermordet. In den Arbeitslagern wurden hunderttausende Jüdinnen und Juden und Nicht- Jüdinnen und Nicht-Juden zu schwerer Arbeit herangezogen. Durchgangslager, wie z.B. Westerbork und Drancy, dienten als vorläufige Sammelpunkte für Jüdinnen und Juden, die von dort aus in die Vernichtungslager in Osteuropa verschleppt wurden.

  • Erfahrungen von Naftali Fürst

    Naftali Fürst Naftali Fürst

    Naftali Fürst ist 1932 in Bratislava geboren. Er wurde gemeinsam mit seinen Eltern und dem etwas älteren Bruder Shmuel in ein Arbeitslager in der Südslowakei deportiert und im November 1944 nach Auschwitz. Dort wurde die Familie getrennt, und Anfang 1945 kam Naftali im Zuge der Evakuation aus Auschwitz in das Konzentrationslager Buchenwald, wo er befreit wurde. Seine Eltern und sein Bruder überlebten. Sie wanderten alle nach Israel ein.

    Naftali beschreibt seine Zeit als Kind im Lager Sered folgendermaßen:


    „Jedes Kind über 12 Jahren musste mindestens vier Stunden pro Tag arbeiten. Dennoch fanden wir genügend Zeit, um neue Freundschaften zu schließen und mit anderen Kindern zu spielen.“[19]

    Als die Familie nach Auschwitz deportiert wurde, wurden die Brüder zuerst von der Mutter und dann vom Vater getrennt, der im Hauptlager bleiben musste, während sie in den Kinderblock gebracht wurden. Nach der Trennung von den Eltern, wurde Shmuel von seinem Vater die Verantwortung für den kleineren Bruder Naftali übertragen. Dies ist ein Beispiel das zeigt, wie während der Shoah die Kindheit abrupt endete und aus Kindern gleichsam über Nacht Erwachsene wurden („sudden maternity“)[20].

    „Nach einiger Zeit wurde uns befohlen, mit den anderen Kindern und Jugendlichen in den Kinderblock zu ziehen. [...] Die Trennung von unserem Vater, der im zentralen Teil des Lagers verblieb, erfüllte uns mit Entsetzen. Shmuel und ich wurden von unbeschreiblicher Angst gepeinigt. [...] Dort im Kinderblock waren wir zum ersten Mal allein mit Furcht und Terror konfrontiert. Einmal – wir haben nie erfahren, unter welchen Umständen genau das möglich war – erschien mein Vater bei der rückseitigen Luke unseres Blocks. Er teilte uns mit, dass er aus Birkenau deportiert werden sollte, und sagte uns Lebewohl. Er blickte in Shmuels Augen, und Shmuel verstand, dass er nun die Verantwortung übernehmen musste. Als wir noch in Sered gewesen waren, als mein Vater nicht im Lager und wir mit unserer Mutter zusammen waren, hatte er schon einmal erlebt, wie es ist, das Familienoberhaupt zu sein. In Birkenau war die Lage jedoch eine völlig andere. Unsere Eltern waren nicht mehr bei uns, und Shmuel wurde die Verantwortung übertragen. Vielleicht hat ihm das Verantwortungsgefühl Kraft verliehen, für seinen kleineren Bruder zu sorgen, statt mit seinen eigenen Gefühlen zu hadern. Rückblickend hat Shmuel bestätigt, dass ihm das geholfen hatte, die Stunden und Tage der Verzweiflung zu überstehen.“[21]

    Auf folgender Website können Sie noch mehr Informationen und auch Fotos zu der Familie Fürst bekommen.

  • Arbeitsvorschläge für Lerngruppen

    • Welche Rolle spielte die Familie für die Brüder Fürst?
    • Was bedeutete die Trennung von den Eltern für die beiden?
    • Wie beschreibt Naftali die neue Rolle seines Bruders?


Kinder nach dem Krieg

Inhalt:


Historischer Hintergrund

Purim Feier in dem Koordinatzia Waisenhaus in Lodz, 1948 Purim Feier in dem Koordinatzia
Waisenhaus in Lodz, 1948

Überlebende Kinder, die von Polen zur Rehabilitation in ein Kinderheim in England geschickt wurden, 1948 Überlebende Kinder, die von Polen zur
Rehabilitation in ein Kinderheim in England geschickt wurden, 1948

Nach Kriegsende suchten hunderttausende Überlebende, darunter tausende verwaiste Kinder, in den Ruinen Europas nach einem Weg, ihr Leben neu aufzubauen. Einige versuchten, nach Hause zurückzukehren, doch die meisten verwarfen diese Möglichkeit, da sie die Einzigen ihrer Familien waren, die am Leben geblieben waren. Die Alliierten errichteten in Deutschland, Österreich und Italien Lager für die sogenannten „Displaced Persons“, d.h. für Flüchtlinge, die keinen festen Wohnsitz mehr hatten. Ganz langsam kehrten die Überlebenden dort zum Leben zurück. Viele heirateten, und bekamen Kinder. In den Lagern wurden große Anstrengungen unternommen, um das Wohlergehen der Kinder zu gewährleisten: Man richtete Waisenhäuser und ein Suchsystem für Familienangehörige ein, ebenso wurde regelmäßiger Schulunterricht rganisiert. Von den etwa 250.000 Jüdinnen und Juden, die in DP-Lagern untergebracht waren, wanderten 160.000 – darunter einige tausend Kinder – nach Israel aus

Kinder beschreiben das Leben nach der Shoah

„In den Kriegsjahren verlor ich alles, was Kinder gewöhnlich haben. Ich verlor meine Eltern, meine Familie, mein Zuhause, meine Freunde, eine sorglose Kindheit und Schulzeit. Ich musste vergessen, dass ich eigentlich noch ein Kind war und eine Schulbildung brauchte. Ich musste arbeiten gehen und das Leben vergessen. Die Deutschen schlugen mich. Wie oft sah ich mich dem Pistolenlauf eines Gestapomannes gegenüber, wie oft habe ich gelitten und war sicher, dass ich wie meine Familie und Freunde in einem KZ verbrannt werden würde. Dann war der Krieg endlich zu Ende, und ich wurde von der russischen Armee befreit. Anschließend lebte ich in einem DP-Lager in Deutschland und träumte davon, frei zu sein und in den USA oder Israel zu leben. Eines Tages entschied ich mich, selbst etwas für meine Zukunft zu tun. Ich schrieb einen Brief an einen Onkel von mir, der in Wilmington lebte und bat ihn um Hilfe. Und tatsächlich, er half mir und schickte mir einen Affidavit. Sein Sohn war Capitain der Luftwaffe der Vereinigten Staaten und gerade in Deutschland stationiert. Er kam in das DP-Lager, in dem ich war, nahm mich mit, und dann lebte ich ein Jahr lang bei ihm und seiner Frau.
Lange Zeit wartete ich darauf, endlich meinen Fuß auf den Boden eines freien Landes zu setzen, eines Landes, wo es egal ist, welcher Rasse oder Religion man angehört, wo jeder Mensch frei und glücklich ist; einem Land, wo alle Kinder in die Schule gehen und ein sorgenfreies, fröhliches Leben führen. Ich musste lange warten, aber endlich wurde mein Traum Wirklichkeit. Am 17. November 1947 erhielt ich meinen Pass und reiste unter der Obhut des Komitees für Europäische Kinder mit der „Ernie Pile“ aus Bremerhaven ab.“[22]

Dorothy Finger

„Am 15. Mai 1948 versammelten wir uns im jüdischen Gemeindehaus von Prag und hörten in einer Radioübertragung die Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel. Begeistert sahen wir einen Film über den jungen Staat in einem uralten Land. Viele Menschen in Prag nahmen an einer Feier zu diesem Anlass teil und dort traf ich auch Peter wieder, unseren Gruppenältesten aus Theresienstadt. […] Als ich am nächsten Tag aus dem Krankenhaus kam erwartete mich ein Gast – Peter. Er lud mich zu einem Kinobesuch ein. Von da an trafen wir uns fast täglich. Wir hatten uns verliebt, und bald beschlossen wir, zusammen nach Israel auszuwandern, um dort ein neues Leben – unser Leben – zu beginnen.”[23]
Eva Erben

Arbeitsvorschläge für Lerngruppen

  • Wie beschreiben die Kinder die neue Situation nach der Befreiung und dem Ende des Krieges?
  • Wie gehen sie damit um?
  • Welche Träume und Wünsche haben sie?



[1] Dora Eiger Zwaidenweber. In: Itzhak B. Tatelbaum: Durch unsere Augen gesehen. Der Holocaust in den Worten jüdischer Kinder und Jugendlicher. Jerusalem 2004, S. 19.
[2] Julie Weiss-Nicholson. In: Itzhak B. Tatelbaum: Durch unsere Augen gesehen. Der Holocaust in den Worten jüdischer Kinder und Jugendlicher. Jerusalem 2004, S. 20.
[3] Sima Skurkowitz. In: Itzhak B. Tatelbaum: Durch unsere Augen gesehen. Der Holocaust in den Worten jüdischer Kinder und Jugendlicher. Jerusalem 2004, S. 21.
[4] Yitzkhok Rudashevski. In: Itzhak B. Tatelbaum: Durch unsere Augen gesehen. Der Holocaust in den Worten jüdischer Kinder und Jugendlicher. Jerusalem 2004, S. 22.
[5] Hannele Zürndorfer. In: Itzhak B. Tatelbaum: Durch unsere Augen gesehen. Der Holocaust in den Worten jüdischer Kinder und Jugendlicher. Jerusalem 2004, S. 23.
[6] Livia Bitton-Jackson. In: Itzhak B. Tatelbaum: Durch unsere Augen gesehen. Der Holocaust in den Worten jüdischer Kinder und Jugendlicher. Jerusalem 2004, S. 31.
[7] Mit seiner Anweisung, die jüdischen Passagiere „als Ausländer“ zu behandeln, wollte Kapitän Schröder erreichen, dass seine Mannschaft sie als Emigranten mit ausländischer Staatsbürgerschaft respektierte, anstatt sie als gedemütigte Flüchtlinge zu betrachten.
[8] Aus den Erinnerungen von Hannelore Klein (Geschichtsalbum St. Louis). In: Tobias Ebbrecht / Deborah Hartmann / Noa Mkayton: Was geht mich die Geschichte an? Den Holocaust im 21. Jahrhundert unterrichten. Jerusalem 2012, ohne Seitenangabe.
[9] Aus den Erinnerungen von Hannelore Klein (Geschichtsalbum St. Louis). In: Tobias Ebbrecht / Deborah Hartmann / Noa Mkayton: Was geht mich die Geschichte an? Den Holocaust im 21. Jahrhundert unterrichten. Jerusalem 2012, ohne Seitenangabe.
[10] Aus den Erinnerungen von Hannelore Klein (Geschichtsalbum St. Louis). In: Tobias Ebbrecht / Deborah Hartmann / Noa Mkayton: Was geht mich die Geschichte an? Den Holocaust im 21. Jahrhundert unterrichten. Jerusalem 2012, ohne Seitenangabe.
[11] Dimitri Ladischensky: Kreuzfahrt in den Tod. In: http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,421002,00.html (Zugriff am 12.08.2012).
[12] Aus den Erinnerungen von Hannelore Klein (Geschichtsalbum St. Louis). In: Tobias Ebbrecht / Deborah Hartmann / Noa Mkayton: Was geht mich die Geschichte an? Den Holocaust im 21. Jahrhundert unterrichten. Jerusalem 2012, ohne Seitenangabe.
[13] Uri Orlev: Das Sandspiel. (Übersetzung: Mirjam Pressler) Beltz Verlag, Weinheim 1997, S. 40-42.
[14] Uri Orlev: Das Sandspiel. (Übersetzung: Mirjam Pressler) Beltz Verlag, Weinheim 1997, S. 46-48.
[15] Irit Abramski: Three Dolls. Yad Vashem Jerusalem, 2007, S. 25. (Übersetzung: Anna Stocker).
[16] Irit Abramski: Three Dolls. Yad Vashem Jerusalem, 2007, S. 19. Übersetzung: Anna Stocker.
[17] Irit Abramski: Three Dolls. Yad Vashem Jerusalem, 2007, S. 19. Übersetzung: Anna Stocker.
[18] Vgl: Noa Barbara Nussbaum: Für uns kein Ausweg. Jüdische Kinder und Jugendliche in ihren Schrift- und Bildzeugnissen aus der Zeit der Shoah. Heidelberg 2004, S. 50.
[19] Naftali Fürst: Wie Kohlestücke in den Flammen des Schreckens. Nuekirchen-Vluyn 2008, S. 51.
[20] Noa Barbara Nussbaum: Für uns kein Ausweg. Jüdische Kinder und Jugendliche in ihren Schrift- und Bildzeugnissen aus der Zeit der Shoah. Heidelberg 2004, S. 153f.
[21] Naftali Fürst: Wie Kohlestücke in den Flammen des Schreckens. Nuekirchen-Vluyn 2008, S. 75f.
[22] Dorothy Finger. In: Itzhak B. Tatelbaum: Durch unsere Augen gesehen. Der Holocaust in den Worten jüdischer Kinder und Jugendlicher. Jerusalem 2004, S. 163.
[23] Eva Erben. In: Itzhak B. Tatelbaum: Durch unsere Augen gesehen. Der Holocaust in den Worten jüdischer Kinder und Jugendlicher. Jerusalem 2004, S. 162.