Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

Besa, ein Ehrenkodex – Muslimische Albaner retten Juden während des Holocaust

Pädagogische Handreichungen für Lehrerinnen und Lehrer auf der Basis von ausgewähltem Material der gleichnamigen Ausstellung
Von Anna Stocker, Franziska Reiniger, Gabriele Fischer

Klassenstufe: Schülerinnen und Schüler ab 13 Jahre


Einführung

„Unsere Eltern waren fromme Muslime und glaubten wie wir auch, dass jedes Klopfen an der Tür ein Segen Gottes ist. Wir haben nie Geld von unseren jüdischen Gästen genommen. Alle Menschen sind von Gott. Besa existiert in jeder albanischen Seele."

Dieses Zitat der beiden Brüder Hamid und Xhemal Veseli beschreibt eine Haltung, die in der Zeit während des Holocaust nicht selbstverständlich war. Die Familie Veseli kommt aus Albanien. In Albanien, dem kleinen, bergigen Land an der Südostküste der Balkanhalbinsel lebten vor 1933 nur 200 Jüdinnen und Juden. Während des Holocaust fanden viele Jüdinnen und Juden dort Zuflucht.
Schätzungen zufolge flohen zwischen 600 und 1.800 jüdische Flüchtlinge aus Deutschland, Österreich, Serbien, Griechenland und Jugoslawien nach Albanien – oftmals, um von dort aus weiter nach Palästina oder andere Länder zu reisen.[1] 1943 wurde Albanien von den Deutschen besetzt. Die Bevölkerung Albaniens weigerte sich in einem außergewöhnlichen Akt, die Anweisungen der Besatzer zu befolgen und ihnen Listen mit den Namen der dort lebenden Jüdinnen und Juden auszuhändigen. Zudem statteten verschiedene staatliche Einrichtungen viele jüdische Familien mit gefälschten Papieren aus.

Besa

69 Albanerinnen und Albaner wurden für ihre Unterstützung als Gerechte unter den Völkern ausgezeichnet. Wenn Sie hier klicken, gelangen Sie zu deren Namen. In der Ausstellung werden fünf Personen ausführlicher dargestellt.
Die bemerkenswerte Unterstützung, die den Jüdinnen und Juden entgegengebracht wurde, war begründet in dem Ehrenkodex Besa, der noch heute in Albanien als der höchste ethische Wert gilt. Besa heißt wörtlich „ein Versprechen halten“. Jüdinnen und Juden zu helfen, wurde als Angelegenheit nationaler Ehre verstanden. Die Albanerinnen und Albaner handelten aus Mitleid, menschlicher Güte und dem Bedürfnis, Menschen in Not zu helfen – unabhängig von Herkunft oder Religion. Somit brachte Albanien, als europäischer Staat mit einer muslimischen Mehrheit, etwas zuwege, woran andere europäische Länder scheiterten: Fast alle Jüdinnen und Juden, die während der deutschen Besatzung innerhalb der Staatsgrenzen Albaniens lebten, wurden gerettet.[2]

Die Familien Veseli und Mandil

Die hier vorgestellte Unterrichtseinheit basiert auf der Geschichte der Familie Veseli, die der jüdischen Familie Mandil Zuflucht gewährte und sie so rettete. Im Zentrum steht Refik Veseli, einer der Söhne der Familie Veseli. Er wurde 1926 in einem kleinen Dorf in den Bergen Albaniens geboren. 1943 zog er nach Tiranë, um in einem Fotostudio eine Ausbildung zum Fotografen zu beginnen. Dort lernte er den Fotografen Mosche Mandil und seine Familie kennen.
Familie Mandil lebte bis 1941 in Belgrad. Die Flucht vor den deutschen Soldaten brachte die Mandils zunächst in den Kosovo, der damals unter italienischer Kontrolle stand. In Priština wurde die Familie mit vielen anderen jüdischen Flüchtlingen zunächst in einem Schulgebäude untergebracht, dann jedoch in einen für sie eigens evakuierten Flügel des Gefängnisses verlegt. Als auch der Kosovo von der Wehrmacht besetzt wurde, flohen die Mandils nach Albanien und kamen im Juni 1942 nach Tiranë.
Zwischen Mosche Mandil und Refik Veseli entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Als die Wehrmacht 1943 auch Albanien besetzte und sich die Lage zuspitzte, brachte Refik die Familie Mandil in das Haus seiner Eltern nach Krujë und damit in Sicherheit. Die Familie Mandil blieb bis zur Befreiung am 29. November 1944 bei Familie Veseli. Danach gingen die Mandils zurück nach Novi Sad und eröffneten dort ein Fotostudio. Refik Veseli begleitete sie und setzte seine Ausbildung zum Fotografen bei Mosche Mandil fort. Als sich die Mandils 1948 dazu entschlossen, nach Israel auszuwandern, trennten sich die Wege der beiden Familien, ohne dass der Kontakt abbrach.
1987 beantragte Gavra Mandil, Mosches Sohn, in Yad Vashem die Anerkennung Refik Veselis und seiner Eltern als „Gerechte unter den Völkern“. 1990 fand diese Ehrung in Jerusalem statt. Zu diesem Zeitpunkt unterhielt Israel noch keine diplomatischen Beziehungen zu Albanien. Auf persönliche Anfrage von Gavra Mandil erlaubte der damalige albanische Präsident die Einreise nach Israel, so dass Refik Veseli und seine Frau an der Zeremonie teilnehmen und als erste Albaner überhaupt die Auszeichnung als „Gerechte unter den Völkern“ entgegen nehmen konnten.
Für den ausführlicheren Verlauf der Geschichte können Sie folgenden Artikel aus unserem Newsletter lesen. Zudem finden Sie hier einen Stammbaum der beiden Familien, der es einfacher macht, die Namen und Personen der beiden Familien einzuordnen.

Arbeiten mit dieser Geschichte

Im Zentrum der Geschichte stehen Refik Veseli und Gavra Mandil. Die Materialen für diese Unterrichtseinheit basieren auf den Dokumenten, die im Zuge der Auszeichnung als „Gerechte unter den Völkern“ für Refik Veseli und seine Eltern im Jahr 1990 und für die Auszeichnung seiner Brüder Hamid und Xhemal Veseli im Jahr 2004 zusammen-getragen wurden. Dies ist allen voran die Zeitzeugenaussage von Gavra Mandil, der die Anerkennung beantragt hatte. Von Refik Veseli selbst liegt leider kein Egodokument, also keine Darstellung der Geschichte aus seiner Perspektive, vor. Es exstitieren aber Egodokumente von Drita Veseli, Refik Veselis Frau und deren Sohn Bujar Veseli (Veselaj). Der Liebe zur Fotografie von Refik Veseli und Mosche Mandil ist es zu verdanken, dass zudem sehr viele schöne Fotos erhalten sind, die die Geschichte der beiden Familien illustrieren.
Die Textausschnitte sind dem pädagogischen Material „Was geht mich die Geschichte an“ entnommen. Dieses Material wurde 2012 in Yad Vashem veröffentlicht. Hier können Sie mehr dazu lesen.

I. Ausgewählte Dokumente zur Erschließung der Geschichte der Familien Mandil und Veseli

In diesem Abschnitt haben wir Fotos und Zeitzeugenmaterial zur Verfügung gestellt, mit dem die Schülerinnen und Schüler zunächst sowohl die Geschichte der beiden Familie als auch die Geschichte der Rettung der jüdischen Familie erarbeiten können. Damit wird der Rahmen für vertiefende Diskussionen geschaffen.

II. Weiterführende Themen
  1. Die Bedeutung von Fotografie in dieser Geschichte:
    Fotografie hat in dieser Geschichte auf verschiedenen Ebenen eine Bedeutung. Bei einer Passkontrolle auf der Flucht aus Belgrad entkam Familie Veseli der Verhaftung, weil sie dem deutschen Offizier ein Foto ihrer beiden Kinder vor einem Weihnachtsbaum zeigen konnten. Zudem war Fotografie während der Shoah, und auch danach, das verbindende Element zwischen Mosche Mandil und Refik Veseli.
  2. Die Schwierigkeit der Identitätsfindung:
    Die Frage der Identität beschäftigte Gavra Mandil sein Leben lang. Er wuchs zunächst als jüdisches Kind in einem christlich-muslimischen Umfeld auf. Sehr früh musste er im Versteck seine jüdische Identität verbergen und andere Identitäten und Namen annehmen. Nach der Befreiung, in Israel, suchte er nach einem Weg, wie er seine jugoslawische Herkunft mit der Identität als Einwanderer verbinden konnte.
  3. Die Auszeichnung als „Gerechter unter den Völkern“ der Familie Veseli in Yad Vashem und die Folgen der Auszeichnung für die Familie:
    1987 beantragte Gavra Mandil die Auszeichnung von Refik Veseli und seiner Eltern als „Gerechte unter den Völkern“. 1990 erhielten sie die Auszeichung, doch aufgrund der politischen Situation Albaniens gestaltete sich die Reise zu dieser Ehrung nach Israel schwierig. Während die Hilfe, die Familie Veseli der Familie Mandil entgegenbrachte, in Israel auf höchster Ebene anerkannt wurde, zeigte die albanische Gesellschaft unterschiedliche Reaktionen: In der post-kommunistischen Zeit wurde die Rettung von Jüdinnen und Juden teilweise mit antisemitischen Kommentaren diffamiert. Bujar Veseli, Refiks Sohn, erlebte Anfeindungen in einem Ausmaß, das ihn dazu veranlasste, mit seiner Familie das Land zu verlassen und in den USA politisches Asyl zu beantragen.

I. Ausgewählte Dokumente zur Erschließung der Geschichte der Familien Mandil und Veseli

In diesem Abschnitt steht die Geschichte von Familie Mandil und ihre Rettung durch Familie Veseli im Mittelpunkt. Die Erzählung beginnt vor dem Krieg, beschreibt die Verfolgung und Rettung während der Zeit des Nationalsozialismus und bezieht die Zeit nach 1945 mit ein. Sie wird anhand von Fotos erzählt, die wichtige Stationen dokumentieren. Den Fotos wurden die entsprechenden Ausschnitte aus dem Zeitzeugenbericht von Gavra Mandil beigefügt, so dass die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit haben, anhand der Fotos und Texte den Verlauf der Geschichte selbstständig zu rekonstruieren und zu visualisieren. Folgende Themen können dabei besprochen werden:

  • Ausgrenzung und Verfolgung
  • Besetzung Jugoslawiens und Albaniens
  • Besa als Ehrenkodex in der muslimischen Bevölkerung Albaniens
  • Hilfe und Rettung durch nicht-jüdische Personen

Bereits die Liebesgeschichte zwischen den Eltern von Gavra Mandil, Vater Mosche Mandil und Mutter Ela Konfino, beginnt mit Fotografie.

Gavra Mandil erinnert sich daran folgendermaßen:

Familienfoto auf der Hochzeit von Mosa (Mosche) Mandil und Gabriela (Ela) Konfino in Belgrad, 17. Oktober 1935.
United States Holocaust Memorial Museum, Washington D.C., Fotografie 08201. Familienfoto auf der Hochzeit von Mosa (Mosche) Mandil und Gabriela (Ela) Konfino in Belgrad, 17. Oktober 1935.
United States Holocaust Memorial Museum, Washington D.C., Fotografie 08201.

„Vater war ein junger Fotograf aus Niš, der in die Großstadt Belgrad kam und sich dort im Alter von 23 Jahren selbstständig machte. Damals gab es in Belgrad einen alteingesessenen Profifotografen, Gavra Konfino, mein Großvater, nach dem ich benannt wurde. (...) Gavra Konfino war königlicher Hof-Fotograf bei König Alexander in Belgrad, ein Umstand, der ihm sowohl in Fachkreisen (...) als auch in der Gesellschaft hohes Ansehen einbrachte - er stand im Mittelpunkt der Gesellschaft, war Vorsitzender des Fotografenverbands in Jugoslawien, das damals, in den Dreißigerjahren, noch Serbien hieß.
Aus der Provinzstadt Niš kam ein junger Mann von 23 Jahren in die Großstadt und eröffnete ein für damalige Verhältnisse modernes Studio, in dem sehr fortschrittliche und kühne Arbeiten gemacht wurden. Die Kunden verteilten sich nun zwischen dem jungen, modernen Mandil und dem bewährten Fotografen Konfino, dem königlichen Hof-Fotografen. Es entwickelte sich zwischen den beiden einerseits fachliche Konkurrenz, und andererseits eine tiefe Freundschaft. Gavra Konfino brachte Mosche Mandil viel Sympathie entgegen, weil dieser [wie er selbst] Jude war, und bei all seinem jugendlichen Überschwang mochte Gavra ihn sehr. Bis zu jenem Tag, an dem es am königlichen Hof Jugoslawiens wieder einmal einen Ball gab. Selbstverständlich schickte sich auch das Team von Gavra an, dort hinzugehen und zu fotografieren. Der junge Mosche, dieses Schlitzohr, ging zu den großen und wichtigen Zeitungen, die es damals in Belgrad gab und schlug ihnen vor, kostenlos Fotos vom Ball zu liefern, unter der Bedingung der Exklusivität, wenn also nur er die Erlaubnis bekäme, auf dem Ball zu fotografieren. Und tatsächlich, als der große Abend dann da war, kam Mosche mit seiner Exklusivitäts-Bestätigung, und Gavra musste in Schmach und Schande die Segel streichen und mit seinem Fotografenteam den königlichen Palast verlassen. Mosche fotografierte den ganzen Ball, und am nächsten Tag waren seine Starfotos in allen Zeitungen. Darüber konnte Gavra nun nicht mehr hinwegsehen, er brach den Kontakt mit diesem unverschämten, 23jährigen Mosche Mandil ab, weil dieser sich vorgedrängt hatte.
Gavra war Verbandsvorsitzender, aber Mosche, vielleicht wegen seines Aktivismus, des Aufsehens und des Lärms, den er ständig verursachte, wurde ebenfalls in den Vorstand des Fotografenverbands gewählt, und zwar als Schatzmeister. Aus irgendeinem Anlass organisierte der Fotografenverband einen Ball für die Familien der Fotografen, auf den auch die Familienmitglieder mit eingeladen waren. Am Ehrentisch saßen alle Vorstandsmitglieder und die Verwaltung, doch Gavra wollte nicht mit Mosche an einem Tisch sitzen. Mosche (...), der ja jung war, sagte: OK, gern, und ging zu dem Tisch, wo die jungen Männer und Frauen saßen und verzichtete auf seinen Platz am Ehrentisch. An diesem Tisch saß eine junge Frau von 17 Jahren, Ela Konfino, Gavras Tochter. Mosche wusste nicht, dass sie seine Tochter war, und Ela wusste nicht, dass er der Mosche war, der ihrem Vater das Leben schwer gemacht hatte. Sie tanzten einen Tanz zusammen, und dann noch einen und dann noch einen. Schließlich verabredeten sie sich sogar zu einem weiteren Treffen. Als Ela bekannt wurde, dass ihr flammender Verehrer derselbe Mosche war, der ihrem Vater das Leben schwer gemacht hatte, wagte sie es nicht, ihrem Vater zu offenbaren, dass sie begonnen hatte, mit ihm auszugehen. Nachdem sie Mosche gesagt hatte, dass sie Gavras Tochter sei, freute er sich umso mehr. Nach einigen Wochen sammelte sie ihren ganzen Mut und teilte ihrem Vater mit, dass sie einen Freund habe, Mosche Mandil. Und da wurde er ganz ernst und sagte, während sie schon auf die schlimmste aller möglichen Reaktionen gefasst war: ‚Wenn es jemanden in dieser Welt gibt, in dessen Hände ich dich ruhigen Herzens zu geben bereit bin, dann ist das Mosche Mandil, in ihn habe ich blindes Vertrauen.’ Nach kurzer Zeit, im Jahr 1935, wurde in aller Pracht Hochzeit gehalten – Mosche Mandil und Ela Konfino heirateten, und das sind meine Eltern.“
[3]

Knapp zwei Jahre später, im Jahr 1936, wurde Gavra Mandil geboren. Um des Familienfriedens willen beschlossen Gavras Eltern, die unvermeidliche Konkurrenz zwischen Gavras Vater Mosche und dem Großvater Gavra dadurch aufzulösen, dass die junge Familie von Belgrad nach Novi Sad zog. So konnten beide ihre Professionalität als Fotografen entfalten, ohne sich gegenseitig Konkurrenz zu machen. In Novi Sad wurde 1938 Gavras Schwester Irena-Rina geboren. Der Vater Mosche Mandil eröffnete ein großes, modernes Fotostudio mit dem Namen Foto-Royal, in dem 20 Angestellte arbeiteten. Gavras Großvater starb im Jahr 1940 im Alter von nur 48 Jahren in Belgrad, nachdem er sich bei einem Brand in seinem Studio eine Blutvergiftung zugezogen hatte. (...)[4]

Rettung durch ein Weihnachtsfoto

Familie Mandil lebte bis zur Besetzung des serbischen Teils Jugoslawiens durch die deutsche Wehrmacht 1941 in Belgrad. Danach floh die Familie mit gefälschten Papieren unter dem Namen Mandič in die Stadt Priština (Kosovo), die zu diesem Zeitpunkt unter italienischer Herrschaft stand. Die Mandils fuhren mit dem Zug. Während der Zugfahrt von Belgrad in den Süden wurden die Papiere der Passagiere zur Kontrolle eingesammelt, die Tarnung war im Begriff aufzufliegen. Gavra Mandil beschreibt diese bedrohliche Situation so:

Gavra und Irena Mandil posieren als Fotomodelle neben einem Weihnachtsbaum, 1. September 1940.
United States Holocaust Memorial Museum, Washington D.C., Fotografie 08212. Gavra und Irena Mandil posieren als Fotomodelle neben einem Weihnachtsbaum, 1. September 1940.
United States Holocaust Memorial Museum, Washington D.C., Fotografie 08212.

„(...) Plötzlich der Bahnhofslautsprecher: Mandič, Mirko, Mandič Mirko mit Familie aussteigen und am Kontrollschalter zur Kontrolle melden. Vater sagte: Kommt, sie rufen uns. Vater und Mutter stehen auf, nehmen Baba und mich bei der Hand, und wir steigen aus und gehen zu diesem Schalter, der eigentlich ein Grenzkontrollposten ist. Dort sagt uns ein deutscher Offizier: Du bist Jude. (...) Hier in deinem Ausweis steht, dass dein Vater David heißt, und David ist ein jüdischer Name und du bist Jude. Vater verstand sofort, worum es ging, aber er fragte Mutter: Was will er? – in so einem gleichgültigen Tonfall – Übersetz mir bitte. Mutter sprach gut deutsch und sagte: Entschuldigung, mein Mann versteht Sie nicht, also übersetze ich für ihn. Vater sagte, ok, verstanden, und fragte meine Mutter: Wo ist das Bild? – die paar Sekunden, die Mutter mit dem deutschen Offizier sprach, hatten ihm genügt, um sich zu fassen und eine Idee zu entwickeln. Wo ist das Bild von den Kindern neben dem Weihnachtsbaum? Sie sagte: Hier, in der Brieftasche. (...) Vor dem Krieg, ein paar Monate vor Weihnachten, hatte Vater ein großes Schaufenster in seinem Studio eingerichtet, Foto-Royal in Novi Sad. Er fotografierte uns (...), er hatte einen Weihnachtsbaum mit dem ganzen Schmuck organisiert, zog Baba und mich festlich an und fotografierte uns, wie wir neben dem Baum stehen und den Schmuck bewundern. Er hat dieses Foto auf ein Riesenformat vergrößert und in sein Schaufenster gehängt. (...) Und dann sagte er zu meiner Mutter: Wo ist dieses Bild? (...) Hier, bitte. (...)“[5]


Der deutsche Offizier betrachtete das Weihnachtsfoto, während die Familie Mandil vor der Türe voller Angst wartete. Schließlich wurden sie, noch einmal per Lautsprecher, aufgefordert, wieder in den Zug einzusteigen. Nachdem dieser bereits einige Meter angerollt war, wurde er noch einmal angehalten.[6]

„Nachdem (...) [der deutsche Offizier] uns entdeckt hatte, bestieg er den Waggon, (...) kam zu uns, grüßte und zog aus seiner Tasche ein Bild mit zwei blonden deutschen Kindern neben einem Weihnachtsbaum. Er sagte: Das sind meine Kinder. Vater entgegnete wieder seelenruhig: Ho, schöne Kinder, auch das Foto ist gut. Wissen Sie, ich bin Berufsfotograf, das ist eine schöne Aufnahme, wo haben Sie das machen lassen! – und dann grüßte er wieder, (...) drehte sich um, und tak tak tak verließ er den Waggon. Wieder der Pfiff vom Stationsvorsteher, und der Zug setzte sich in Bewegung. Ich (...) bin mir nicht sicher, ob er überzeugt war, dass wir keine Juden sind, oder dass trotz allem ein Funke Menschlichkeit in ihm erwacht war, als er dieses Foto von mir und Baba unter dem Weihnachtsbaum sah. Aber Tatsache ist, dass wir (...) in die italienische Besatzungszone gelangten.“[7]

Konzentration der Jüdinnen und Juden im Kosovo im Gefängnis von Priština

In Priština wurde die Familie mit vielen anderen jüdischen Flüchtlingen zunächst in einem Schulgebäude untergebracht, dann jedoch in einen für sie eigens evakuierten Flügel des Gefängnisses verlegt.

In Albanien

Im Sommer 1942 wurden alle jüdischen Gefängnisinsassen aus dem Kosovo ausgewiesen und nach Albanien transportiert, das ebenfalls unter italienischer Kontrolle stand. Die Familie kam in der kleinen Ortschaft Kavajë unter, wo Gavras Vater wieder zu fotografieren begann und Gavra zur Schule ging.[8]
Nachdem Italien im September 1943 kapitulierte, übernahm die deutsche Wehrmacht die Kontrolle auch in Albanien. Noch bevor die deutschen Truppen das Städtchen Kavajë erreichten, floh Gavra Mandils Familie in die Stadt Tiranë in der Hoffnung, in einer Großstadt leichter untertauchen zu können. Tatsächlich stießen Gavras Eltern bei ihrer Suche nach einem Versteck auf ein Fotostudio, das von einem ehemaligen Gehilfen des Großvaters geführt wurde. Er erkannte Gavra und Ela und bot ihnen und ihren Kindern Unterschlupf an. Gavras Vater Mosche begann, im Fotostudio zu arbeiten. In demselben Studio arbeitete auch ein junger Albaner, Refik Veseli. Innerhalb kurzer Zeit wurde er zum Schüler Mosche Mandils.[9]

„Es kamen viele, viele Leute, um sich fotografieren zu lassen. Unter den vielen Klienten (...) befand sich sogar ein ausgesprochen hoher Prozentsatz von deutschen Offizieren, die in Tiranë oder der Umgebung stationiert waren. Sie kamen, um sich fotografieren zu lassen – mein Vater fotografierte sie und sicher wurden viele dieser Bilder während des Krieges an die Familien in Deutschland geschickt (...).
Wenn mein Vater fotografierte, stand er hinter der Kamera, unter dem schwarzen Tuch (...), und Refik verhandelte mit dem Klienten. Er stellte die Scheinwerfer ein, genau nach den Anweisungen, die mein Vater ihm gab (...). Und der deutsche Offizier zum Beispiel, der sich da fotografieren ließ, hatte keine Ahnung, dass sich unter dem schwarzen Tuch ein jüdischer Flüchtling aus Serbien befand. (...) Zwischen meinem Vater und Refik entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Refik fand natürlich in meinem Vater den großen Fotografen, von dem er lernen konnte, (...) und mein Vater mochte Refiks Fleiß, seine Klugheit und seinen Scharfsinn (...).
Und so ging das Leben in Tiranë unter deutscher Besetzung wieder einige Monate dahin. Dann aber zogen die Deutschen straffere Seiten auf gegenüber den Albanern und auch gegenüber den wenigen Juden, die noch in Tiranë herumliefen. Sie fingen mit Razzien von Haus zu Haus an (...). Es kamen Anordnungen heraus, dass die Juden, die noch hier seien, sich da und da melden müssten.”
[10]

Aus Freundschaft wird Hilfe

Die Situation in Tiranë spitzte sich so zu, dass es für Familie Mandil eng wurde. Refik schlug vor, die Familie ins Haus seiner Eltern in die albanischen Berge zu bringen. Gavra erinnert sich:

„[Als es] zu gefährlich wurde, in Tiranë zu bleiben, schlug Refik vor, uns in das Haus seiner Eltern in Krujë zu bringen. Im Nachhinein erfuhr ich, (...) dass ein Familienrat gehalten wurde (...), an dem Refiks Vater Vesel Veseli, Refiks älterer Bruder Hamid und seine ältere Schwester Hyrije teilnahmen. Das Thema, das auf der Tagesordnung stand, war nicht, ob die jüdische Familie Mandil gerettet werden sollte, sondern wie. Damals wurde beschlossen, dass Refiks Vater Vesel Veseli einige Esel nach Tiranë bringen würde und dass wir auf diesen Eseln von Tiranë nach Krujë reiten sollten. (...) Der Vater (...) ritt mit uns – er als erster und wir hinter ihm. Ich erinnere mich daran, dass wir einmal, obwohl er immer sehr darauf achtete, auf Seitenwegen zu reiten, gezwungen waren, eine Hauptstraße zu benutzen, und dort wurden wir tatsächlich von einer deutschen Patrouille angehalten. Sie wollten unsere Papiere sehen. Wir zeigten ihnen unsere gefälschten Papiere, und ausgerechnet der Ausweis meiner Mutter gefiel ihnen nicht. Im Ausweis war ein Passfoto meiner Mutter: eine schöne, blonde Frau. Und sie (...) wollten sie sehen unter ihrem Schleier, denn Mutter ging verschleiert, wie es für albanische Frauen damals üblich war. Plötzlich entfuhr ihr so ein Schrei: Ahh, was wollt ihr von mir? Sie erschraken – was für eine primitive Frau! – und ließen uns in Ruhe.”[11]

Die vierköpfige Familie Mandil sowie drei weitere Verwandte werden im Haus der Familie Veseli aufgenommen.

Refik Veseli beim Spielen im Schnee mit Gavra und Irena Mandil in Krujë, 1943-1944. Refik Veseli beim Spielen im Schnee mit Gavra und Irena Mandil in Krujë, 1943-1944.
United States Holocaust Memorial Museum, Washington D.C., Fotografie 08215.

Trennung von den Eltern

Im Herbst 1944 war es den Partisanen in Albanien gelungen, die deutschen Besatzer aus den meisten Dörfern und Städten zu vertreiben. Auch Krujë war bereits in der Hand der Partisanen, und die gesamte Dorfbevölkerung, darunter Familie Mandil, feierte ihre Befreiung auf dem Dorfplatz. Allerdings war diese Siegesstimmung verfrüht. Deutsche Truppen eroberten das Dorf zurück und begannen nun mit einer erbitterten Suche nach Partisanen, Kommunisten und Juden, indem sie jedes einzelne Haus durchsuchten. In dieser Situation verstanden Gavras Eltern, dass sie praktisch keine Chance mehr hätten, zu entkommen. Die Eltern beschlossen, sich von den Kindern zu trennen, um wenigstens diese vor der Deportation zu schützen. Der Vater teilt Gavra seinen Beschluss mit[12]:

„Bald werden die Deutschen kommen und uns abholen. Du und Baba, ihr geht und mischt euch unter die Kinder im Haus. Aber bald wird der Krieg zuende gehen (...), und dann nimm Baba und geh mit ihr nach Belgrad zurück. In Belgrad suchst du deine Großmutter, Elisabeth Konfino (...). Wenn du nicht weißt wie du sie finden sollst, wende dich an den ersten Polizisten den du triffst, und sag ihm, dass du deine Großmutter und deine Tanten suchst. Er wird dir helfen, sie zu finden. Lass niemals die Hand von Baba los, halte sie die ganze Zeit fest an der Hand. Du bist der große Bruder, du musst auf sie aufpassen. Wiederhole, was ich gesagt habe. Wie ein Papagei wiederholte ich: Belgrad, Großmutter, Elisabeth Konfino, Tante Gisela Konfino, den ersten Polizisten fragen, er wird mir helfen, sie zu finden, niemals die Hand von Baba loslassen. In Ordnung, und jetzt geht raus. Baba und ich fingen an zu weinen und umarmten Vater und Mutter. Wir wollten uns nicht von ihnen trennen, und da ließ er einen Schrei los: Geht jetzt nach draußen und mischt euch unter die Kinder. Baba und ich rannten nach draußen, aber wir gingen in einen Toilettenverschlag, und dort saßen wir Arm in Arm den ganzen Tag, ohne auch nur einmal hinauszugehen (...). Etwa nach 24 Stunden gingen wir nach draußen, und ich wollte nachsehen gehen (...) – aus ganz natürlichem Antrieb ging ich zurück zu unserem Zimmer. Dort fand ich Vater und Mutter in genau derselben Haltung, in der sie waren, als wir uns getrennt hatten: Er sitzt, und sie steht hinter ihm, mit dem Reisebündel neben ihnen, ohne sich zu bewegen. Es stellte sich heraus, dass die Deutschen von Haus zu Haus gegangen waren, und als sie zu unserem Haus kamen, dachten sie, dass es völlig zerstört sei. Eine Handgranate hatte das Eingangstor vollständig niedergerissen, und eine andere Granate hatte die Außenwand des Hauses komplett zerstört. Alles sah völlig zerstört aus, keine Stimmen waren im Haus zu hören, (...) und die Deutschen kamen, sahen: Hier ist niemand, gingen weiter zum zweiten, zum dritten Haus, durchsuchten alle Häuser im Dorf und zogen weiter.”[13]

Familie Mandil wurde gerettet. Das Selbstverständnis, mit dem Familie Veseli sich der Familie Mandil annahm, beschreibt die Frau Refik Veselis, Drita Veseli, in einem späteren Zeitzeugengespräch so:

Familie Mandil und Refik Veseli in Novi Sad, 1946. Familie Mandil und Refik Veseli in Novi Sad, 1946.
United States Holocaust Memorial Museum, Washington D.C., Fotografie 24740.

„Unser Haus ist in erster Linie Gottes Haus, in zweiter Linie das Haus unserer Gäste, und erst an dritter Stelle das Haus unserer Familie. Der Koran lehrt uns, dass alle Menschen – Juden, Christen und Muslime – unter dem einen Gott stehen. Mein Mann war Fotograf. Sein Handwerk lernte er als Teenager von einem jüdischen Fotografen namens Moshe Mandil. (...) Als mein Mann gefragt wurde, wie es möglich war, dass so viele Albaner geholfen haben, Juden zu verstecken und zu beschützen, hat er erklärt: ‚Es gibt keine Fremden in Albanien, es gibt nur Gäste. Unser moralischer Grundsatz als Albaner verlangt, dass wir gastfreundlich zu Gästen in unserem Haus und in unserem Land sind.’
Als man ihn auf die Möglichkeit ansprach, dass Albaner Juden, die sich unter ihnen aufhielten, an die Deutschen verraten könnten, antwortete er: ‚Wenn dies passiert wäre und ein Albaner solches getan hätte, wäre er aus seiner Dorfgemeinschaft und der Familie ausgeschlossen worden. Zum Mindesten wäre sein Haus zerstört und seine Familie verbannt worden.‘ Aber die Diskussion sei überflüssig, denn ‚kein Albaner hat Schande über uns gebracht‘.“
[14]

Befreiung

Mosa (Mosche) und Gavra Mandil zusammen mit Refik Veseli und anderen Freunden auf den Straßen Tiranës am Tag der Befreiung, 29. Dezember 1944. Mosa (Mosche) und Gavra Mandil zusammen mit Refik Veseli und anderen Freunden auf den Straßen Tiranës am Tag der Befreiung, 29. Dezember 1944.
United States Holocaust Memorial Museum, Washington D.C., Fotografie 24733.

Gavras Vater eröffnete in Novi Sad wieder sein Foto-Studio. Refik Veseli nahm das Angebot an, mit der Familie Mandil nach Jugoslawien zu kommen, um von Mosche Mandil die Kunst der Fotografie zu erlernen. Allerdings sollte der gut gehende Privatbetrieb bald von dem kommunistischen Regime in Jugoslawien verstaatlicht werden. Als im Jahr 1948 der Staat Israel ausgerufen wurde, entschied sich Mosche Mandil, mit seiner Familie dort einzuwandern.[15]










II. Weiterführende Themen

1. Die Bedeutung von Fotografie in dieser Geschichte

Fotografien sind ein wichtiger Bestandteil von Familienerinnerungen. Der Blick auf das Foto, auf die dort festgehaltene Situation, ruft Geschichten auf, die in der Familienerinnerung immer wieder erzählt und mit Hilfe des jeweiligen Fotos weiter gegeben werden. Menschen außerhalb der Familie können die Bedeutung der Fotos oftmals nicht direkt entschlüsseln. In der Geschichte der Familie Mandil führte genau diese Deutungshoheit zur Lebensrettung.
Gavra Mandil sagt über Fotografie in seinem Leben:

„Die Fotografie ist nicht bloß ein Beruf oder der familiäre Lebensunterhalt (…). Ich verdanke mein Leben Schwarz-Weiß-Fotos. Es sollte sich herausstellen, dass das Bild mit den beiden lächelnden Kindern, die festlich gekleidet vor einem Weihnachtsbaum stehen, überzeugender sein sollte, als tausend Worte oder ein gefälschtes Dokument. Als das Bild einem deutschen SS-Offizier gezeigt worden ist, glaubte er, dass wir waschechte Christen seien.“[16]

Anhand der rekonstruierten Geschichten bietet sich eine vertiefende Diskussion über Fotografie an, die folgende Themen aufgreifen kann:

  • Die Bedeutung von Fotografien für die Familiennarrative
  • Das Verhältnis von Fotografie und dargestellter Wirklichkeit
  • Die Kraft von Bildern
  • Die Kamera als Versteck (für Moshe Mandil)


2. Die Schwierigkeit der Identitätsfindung

Gavra Mandil erlebte die Zeit des Nationalsozialismus, die Flucht, Verfolgung und Versteck als kleiner Junge. Er wurde 1936 geboren. Er war also erst fünf Jahre alt, als die Familie fliehen musste. Sehr früh musste er lernen, sich so zu verhalten, dass er seine Familie nicht verriet. Während der Verfolgung lebte er zum Teil in einem christlichen, zum Teil in einem muslimischen Umfeld. Seine jüdische Identität musste er in dieser Zeit verbergen. Anders in Israel. Als er 1948 mit seinen Eltern dort ankam, versuchte der Elfjährige seinen Weg in die israelische Gesellschaft zu finden und dabei gleichzeitig mit seiner jugoslawischen Herkunft umzugehen.

Die Schulklasse von Gavra Mandil in Kavajë (Albanien), 1942. Gavra ist markiert mit der Nummer 30 (Dritte Reihe von oben, ganz rechts). Die Schulklasse von Gavra Mandil in Kavajë (Albanien), 1942. Gavra ist markiert mit der Nummer 30 (Dritte Reihe von oben, ganz rechts).
United States Holocaust Memorial Museum, Washington D.C., Fotografie 08216.

Krujë 2008. Krujë 2008.


Die folgenden Zitate von Gavra Mandil beschreiben seine Entwicklung und seine Fragen an sich selbst.

Ein Fünfjähriger wird erwachsen

„Ich stand wirklich dauernd unter Spannung, keinen Fehler zu machen, (…) meinen Eltern das Leben nicht schwerer zu machen als es sowieso schon war. Mehr als das: Ich fühlte mich sogar verantwortlich gegenüber Baba [der kleinen Schwester], ich passte auf sie auf. Sie war um zwei Jahre jünger als ich, also eigentlich noch ein Baby (...). Meine Eltern (...) sagten zu mir: Du bist schon als Erwachsener geboren.“[17]

Nach der Ankunft in Kavajë, Albanien. Gavra wird dort eingeschult:

„Im September habe ich Geburtstag, und da habe ich mit der ersten Klasse begonnen. Wirklich, ich bin in die erste Klasse gegangen, mit anderen Albanern, und in der Schule wurde ich als Moslem angemeldet (...), als Ibrahim Mala – das war mein muslimischer Name in Kavajë. (...) Ich ging in die Moschee, wo ich muslimische Gebete lernte, die ich bis heute auswendig kann, denn ich habe sie mit größter Leichtigkeit und mit Genuss gelernt. (...) Als wir mit dem Religionsunterricht begannen, kam die Lehrerin und sagte: Alle Moslems aufstehen und hier in einer Reihe stehen, einer hinter dem anderen. Alle Moslems stehen auf und stellen sich in einer Reihe auf. Alle Christen aufstehen und in einer Reihe stehen, und ich sitze immer noch. Ibrahim, träumst du? Oje, Verzeihung. Lauf zu deiner Reihe! Und ich renne zur Reihe mit den Christen. Ich hatte mich daran erinnert, dass wir Belgrad mit gefälschten Papieren verlassen hatten, [unter dem Namen] Mandič, und plötzlich fällt mir ein: Nein, hier gehe ich doch in die Moschee (…). Was ist mit dir Ibrahim, du bist ja ganz durcheinander? Nein, nein, ich bin Moslem. (…)
Keinen Fehler machen, nicht durcheinander geraten, nicht in die Falle tappen. Ich habe das nicht allzu schwer genommen, eher als Spiel, nur nicht durcheinander geraten, keinen Fehler machen, denn ich wusste, dass – Gott behüte – ein solcher Fehler meinen Eltern das Leben hätte kosten können.“
[18]

Neubeginn in Israel für den 12jährigen Gavra

Gavra Mandil Gavra Mandil

„Anfangs fiel mir das Lernen schwer, und auch das Einleben in der Klasse war nicht so einfach – bis der Groschen fiel und ich verstand, wo ich mich befand. (...) In der ersten Zeit, so etwa das erste Jahr, wurde ich ziemlich oft von den Zabarim[19] ausgelacht (...), aber plötzlich, eines Tages, ohne dass ich das ordentlich beschlossen hätte, ging in mir so eine Verwandlung vor. Plötzlich (...) war da der Wunsch, so zu sein wie alle anderen (...). Und dann fing ich an, mich schlimm zu benehmen, und brachte zu einer Stunde, in der wir einen Lehrer hatten, über den wir uns gerne lustig machten, so eine Art Frosch mit, der tik-tak machte, und legte ihn unter meinen Fuß und machte tik-tak. [Der Lehrer] (...) wurde ganz verrückt und wusste nicht, wer hier so klappert, und holte die halbe Klasse um mich herum heraus, aber mich verdächtigte er nicht – das kann ja nicht sein, dass dieser kleine Weichling, dieser Neuankömmling so etwas tut. Am Ende sagte er: Genug, ich geb auf. Sagt mir, wer das ist, und ich stand auf. Was für eine Riesenüberraschung! Ich wurde mit einer sehr strengen Bemerkung zum Schulleiter geschickt, und der Direktor sagte mir: Masal tov[20], jetzt hast du dich eingelebt! Jetzt bist du schon wie alle. Und kurz darauf meldete ich mich bei einer Jugendbewegung an, bei den Zofim[21], und plötzlich entdeckte ich, dass es auch wichtigere Dinge gibt wie Schule: nämlich die Jugendbewegung.”[22]

Gavra Mandil über sein Leben

„Etwas von dem Bild, das ich all die Jahre von mir entwickelt hatte, damit ich ‚israelischer als die Israelis’ sein konnte, war von der Vergangenheit überschattet. Vielleicht hat aber auch der Lauf der Zeit seinen Anteil gehabt, und die Familie und der Erfolg in verschiedenen Bereichen trugen zu der Entwicklung bei ‚vollständig ich selbst’– und sogar stolz auf meine jugoslawischen Wurzeln zu sein.“[23]

Diskussionsthemen für die Lerngruppen:

  • Kindheit und Jugend während der Verfolgung
  • Identitätsfindung während der Verfolgung
  • Auswirkungen der Verfolgung auf die Identitätsfindung in Israel


3. Die Auszeichnung als „Gerechter unter den Völkern“ der Familie Veseli in Yad Vashem und die Folgen der Auszeichnung für die Familie.

Refik Veseli, 1946. Refik Veseli, 1946.

Im Jahr 1987, also mehr als 40 Jahre nach der Befreiung, beantragte Gavra Mandil die Auszeichnung der Familie Veseli als „Gerechte unter den Völkern“ in Yad Vashem.

„Gerechte unter den Völkern“ in Yad Vashem

Diese Auszeichnung ist die höchste, die der israelische Staat vergibt. Sie wird nach ausführlicher Überprüfung der Beweislage vor dem Obersten Gerichtshof denjenigen nicht-jüdischen Menschen verliehen, die während der Zeit des Nationalsozialismus Jüdinnen und Juden das Leben retteten. Bereits 1962 wurde dieses Programm in Yad Vashem, der größtem Holocaust-Gedenkstätte in Israel, eingerichtet. Bei der Auszeichnung „Gerechten unter den Völkern“ geht es zum einen um die Dankbarkeit, die die Geretteten ihren Retterinnen und Rettern entgegenbringen wollen. Es geht aber auch um das Sichtbarmachen des Menschlichen, das in einer Phase des Grauens trotzdem existierte. Die Ausgezeichneten erhalten eine Medaille mit ihrem Namen und der Inschrift „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Wenn Sie hier klicken, erhalten Sie eine ausführlichere Beschreibung des Programms „Gerechte unter den Völkern“.


Refik Veseli in Yad Vashem/Jerusalem, 1991. Refik Veseli in Yad Vashem/Jerusalem, 1991.
United States Holocaust Memorial Museum, Washington D.C., Fotografie 90233.
Refik Veseli während der Zeremonie in Yad Vashem/Jerusalem, 1991. Refik Veseli während der Zeremonie in Yad Vashem/Jerusalem, 1991.
Inschrift zur Ehrung der Familie Veseli auf den Gedenktafeln im Garten der Gerechten, Yad Vashem/Jerusalem. Inschrift zur Ehrung der Familie Veseli auf den Gedenktafeln im Garten der Gerechten, Yad Vashem/Jerusalem.
Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung von Robert Lasser.
Inschrift zur Ehrung der Familie Veseli auf den Gedenktafeln im Garten der Gerechten, Yad Vashem/Jerusalem. Inschrift zur Ehrung der Familie Veseli auf den Gedenktafeln im Garten der Gerechten, Yad Vashem/Jerusalem.
Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung von Robert Lasser.

Im Juni 1987 beantragte Gavra Mandil in einem Brief die Auszeichnung seiner Retter, der Familie Veseli.
Er beschreibt seine Entscheidung folgendermaßen:

„All die Jahre seit unserer Einwanderung haben wir den Kontakt mit Refik gehalten. Wir haben uns viele Briefe geschrieben (...). Und dann, in den 80erjahren, ist mir der Gedanke gekommen: Warum habe ich bis heute gewartet (...), ohne Refik für die Auszeichnung ‚Gerechter unter den Völkern’ vorzuschlagen. Im Jahr 87 wandte ich mich an Yad Vashem, und Yad Vashem forschte nach und prüfte und kam zu dem Entschluss, ihn und seine Eltern aufgrund der Geschichte, die ich ihnen erzählte und aufgrund weiterer Zeugenaussagen als ‚Gerechte unter den Völkern’ anzuerkennen. Im Jahr 1988 (...) war es unmöglich, auch nur daran zu denken, dass er hätte nach Israel reisen und dort die Auszeichnung entgegen nehmen können, und ich begann, Briefe an den Präsidenten Albaniens zu schreiben, Ramiz Alia. (...) Albanien unterhielt damals mit keinem einzigen Staat in der Welt Beziehungen, sogar die Beziehungen zu China hatten sie abgebrochen, weil China für sie nicht kommunistisch genug war. Ich schrieb, dass das nicht nur Refiks Angelegenheit sei, sondern den gesamten Staat Albanien etwas anging. Es gibt viele wie Refik, und Refik als Repräsentant all jener Albaner, die jüdische Familien gerettet hatten, sei nun eingeladen, um die Auszeichnung zu bekommen, die er verdient hat. Und dadurch würde auch dem Land Albanien die Ehre zuteil, die ihm durch Refik zusteht. (...)
Im Jahr 90 haben meine beiden Kinder, mein Sohn und meine Tochter, im selben Monat geheiratet, im August (...). Da bat ich Ramiz Alia – wenn du überhaupt jemals daran denken solltest, ihn ausreisen zu lassen, dann jetzt, damit er der Ehrengast auf der Hochzeit meiner Kinder sein und die Auszeichnung in Yad Vashem entgegen nehmen könne. Und daraufhin wurde Refik in das Büro von Ramiz Alia gerufen, wo er einen albanischen Pass bekam. Er sagte, niemand habe jemals zuvor einen albanischen Pass gesehen, weil es das einfach nicht gab, nur für Diplomaten. (...)
Kurz und gut: Refik bekam die Ausreiseerlaubnis, er kam hierher im Jahr 1990. Hier wurde die Zeremonie zur Verleihung der Auszeichnung ‚Gerechter unter den Völkern’ gehalten und er erhielt wirklich viel Ehre. Er kehrte als Celebrity nach Albanien zurück, auch in den Zeitungen und im Fernsehen hat man über ihn berichtet, und als er hier in Israel war, versuchten viele Überlebende, die von Albanern gerettet wurden, über Refik ihre Retter zu finden, denn keiner von ihnen hatte den Kontakt mit seinen Rettern gehalten, wie ich ihn mit Refik über 50 Jahre lang gehalten hatte. (...) Es ist ihm wirklich gelungen, viele der albanischen Retter ausfindig zu machen, und so entstand ein Kontakt zwischen den albanischen Rettern und den jüdischen Geretteten.”
[24]

Der Brief von Gavra Mandil an Yad Vashem im Wortlaut:

„Nach vielen Jahren des Zögerns und der Verspätung, aufgrund meiner Unkenntnis, was zu tun sei und wie ich mit der Sache verfahren sollte, wende ich mich erst jetzt an Sie, um Ihnen zu schreiben und Ihnen eine wichtige Geschichte aus der Zeit des Holocaust zu erzählen. Ich tue dies aus zwei Gründen:

  1. Ich möchte Sie über eine Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg informieren, die nicht besonders bekannt ist in Israel, damit diese registriert, dokumentiert und in Ihrem Archiv aufbewahrt wird.
  2. Ich möchte einen Mann für den Titel eines ‚Gerechten unter den Völkern’ nominieren, der meine und andere jüdische Familien während des Holocaust gerettet hat. Er lebt in Albanien und bis heute sind wir miteinander in Kontakt geblieben.

Ich bin 1936 in Belgrad, Jugoslawien, geboren. Als die Deutschen einmarschiert sind, war ich viereinhalb Jahre alt. Mein Vater lehnte es ab, seine Familie zu registrieren, wie es die Deutschen per Gesetz forderten. Wie viele andere Juden und mit Hilfe von serbischen Freunden, flüchteten wir mit gefälschten Papieren nach Südjugoslawien, in das italienisch beherrschte Gebiet. Kurz danach wurden Juden verhaftet und in das Stadtgefängnis von Priština gebracht, das dann teilweise zu einem Konzentrationslager für Juden wurde. Mein Vater, meine Mutter, meine jüngere Schwester (zweieinhalb Jahre jünger als ich) und ich waren eine von mehreren hundert jüdischen Familien die in dieses Lager eingesperrt wurden. Während der Zeit in der wir dort waren – für fast ein Jahr – wurden Gruppen jüdischer Familien getötet, angeblich um die Überfüllung zu verringern. Auf Initiative und unter der Führung meines Vaters, sowie mit Hilfe der Italiener, die für das Lager verantwortlich waren, allerdings ohne das Wissen der Deutschen und entgegen ihrer Befehle wurden im Juni 1942 eine Gruppe von 120 Juden nach Albanien verbannt, das unter italienischer Besatzung stand. (…) In Albanien wurden die jüdischen Familien aus Jugoslawien in verschiedene Städte verteilt. Es gab die Verpflichtung, sich jeden Tag bei den Behörden zu melden, dennoch gab es relative Bewegungsfreiheit innerhalb der Stadt – die Italiener nannten dies ‚confino libro‘. Wir lebten also bis zur Kapitulation Italiens im Herbst 1943, mitten im Zweiten Weltkrieg, unter relativ guten Bedingungen.
Dann kamen die Deutschen nach Albanien und die Juden mussten in die Berge fliehen, in die Wälder, fern der albanischen Dörfer. In dieser schwierigen Zeit offenbarten sich die albanischen Menschen in ihrer ganzen Ehre und Größe. Es gab nicht eine jüdische Familie, der es nicht gelang, in der albanischen Bevölkerung Zuflucht zu finden, entweder unter armen Dorfbewohnern oder bei Besitzern von Häusern und Wohnungen. Kein Jude blieb ohne Schutz eines Albaners. In vielen Fällen, so wie bei uns selbst, bedeutete das Verstecken von Juden Lebensgefahr und erforderte enorme Selbstaufopferung! Unsere Familie (vier Mitglieder), sowie eine andere jüdische Familie (drei Mitglieder) wurde dank des Schutzes, den wir im Hause der Familie Veseli in einem kleinen Dorf namens Krujë genossen haben, gerettet.

So wie wir wurden alle jüdischen Flüchtlinge aus Jugoslawien, die während dieser Jahre in Albanien gelebt haben, gerettet. Viele der Überlebenden emigrierten später nach Israel und leben heute noch hier. Die Albaner sind einfache Menschen, aber sehr gütig, warm und menschlich. Sie wurden vielleicht nicht im Geiste von Goethe und Schiller erzogen, aber sie schenkten dem menschlichen Leben größte Beachtung in einem ganz uneigennützigen und einfachen Sinne. In diesen dunklen Tagen, als das Leben der Juden Europas nicht viel zählte, beschützten die Albaner die Juden durch ihre Hingabe, Liebe und Opferbereitschaft…“[25]

Im Folgenden ist einer der Briefe abgedruckt, die Gavra Mandil an den Präsidenten von Albanien schrieb, um um die Reisgenehmigung für Refik Veseli zu bitten.

Brief von Gavra Mandil an den Präsidenten Ramiz Alia von Albanien am 1. Juni 1990

„Eure Exzellenz Präsident Ramiz Alia,
Ich wurde 1936 in Jugoslawien in eine jüdische Familie geboren. 1941 wurden wir in einem Konzentrationslager in Priština eingesperrt und 1942 zusammen mit vielen anderen jüdisch-jugoslawischen Familien nach Albanien deportiert, wo wir auf verschiedene Orte aufgeteilt wurden. Unsere Familie kam zunächst nach Kavajë und zog später nach Tiranë. Als Italien 1943 kapitulierte und deutsche Truppen Albanien besetzten, wurde es für die jüdischen Flüchtlinge immer gefährlicher. Einige wurden gefasst und in Vernichtungslager deportiert, aus denen niemand lebend zurückkehrte. Aber die meisten wurden von den Albanern gerettet. In diesen dunklen Tagen, als Gefahr und Tod überall lauerten, hat das kleine und stolze Volk der Albaner seine Größe bewiesen! Ohne Aufhebens zu machen und ohne Forderung nach einer Gegenleistung haben die Albaner die grundlegende Pflicht der Menschlichkeit befolgt und das Leben der jüdischen Flüchtlinge geschützt. Jede jüdische Familie hat Aufnahme bei einer albanischen Familie gefunden und unter Einsatz ihres eigenen Lebens haben diese ihre Gäste beschützt. Das war mehr als Gastfreundschaft – das war das größte Opfer und die Hingabe zur Pflicht! (…)
Vor drei Jahren – und ich kann nicht sagen, warum dies nicht früher geschah – habe ich unsere albanischen Retter Refik und seine Eltern Fatima und Vesel Veseli für den Ehrentitel ‚Gerechte unter den Völkern’ von Yad Vashem vorgeschlagen. (…) Refik Veseli und seine Eltern Fatima und Vesel Veseli sind die ersten Albaner, die mit diesem Ehrentitel ausgezeichnet werden, der höchsten Auszeichnung! Ich glaube, dass es sehr viele Albaner gibt, deren Namen ich nicht kenne, die sicher dieselbe Ehre und Auszeichnung verdient haben. Aber ich sehe in Refik Veseli, dem Retter unserer Familie, einen geeigneten Vertreter für all diese Albaner, die ihr Leben riskiert haben, um während des Krieges Juden zu retten. (…)
Ich schreibe Ihnen persönlich, Herr Präsident, der albanischen Regierung und dem Außenministerium, Refik und Drita Veseli zu erlauben, diese Reise nach Israel anzutreten.
Mein ältester Sohn und meine Tochter werden diesen Sommer heiraten, der eine im Juli, die andere im August. Es wäre eine wunderbare Gelegenheit, Drita und Refik zu ermöglichen, auch an der Hochzeit unserer Kinder teilzunehmen und den offiziellen Besuch mit dem familiären Glück zu verbinden! (…)
In großer Dankbarkeit verbleibe ich, höflichst, Ihr
Gavra Mandil“
[26]


1990 erhielten Refik Veseli und seine Eltern die Auszeichnung als „Gerechte unter den Völkern“. Auch den beiden jüngeren Brüdern Refik Veselis wurde diese Auszeichnung gewährt und zwar im Jahr 2004. Zu diesem Zeitpunkt war Refik Veseli bereits gestorben. Während die Menschlichkeit der Familie Veseli in Israel auf höchste Anerkennung stieß, veränderte sich die Sichtweise auf diese Rettung in Albanien drastisch. Dies wird dem folgenden Brief von Bujar Veseli (Veselaj), Refik Veselis Sohn, an Nomi und Gavra Mandil vom 10. Juni 2005 deutlich:

„Liebe Nomi und Gavra,
Ich hoffe, dass es der gesamten Familie Mandil gut geht. Die Schwierigkeit, dass wir kein Englisch können, hat uns davon abgehalten, mit euch in Kontakt zu bleiben, aber ich hoffe, dass wir von nun an wieder mehr Gelegenheit zum Austausch haben werden.
Am Holocaust-Gedenktag in Albanien wurden einige Fernsehberichte über das jüdische Leben und die Rettung von Juden in Albanien gezeigt. Ich bin auch eingeladen worden, darüber zu sprechen, wie wir eure Familie gerettet haben. (…) Einige Tage nach der Ausstrahlung erreichten uns Drohungen von islamistischen Gruppen. Wie ihr wisst, sind zwei Drittel der Bevölkerung in Albanien Muslime. Ich bin auch Muslim, aber nun hasse ich diese Rebellen mehr als alles andere. Ich verfluche mich selbst, in diesen Berichten gezeigt worden zu sein.
Als erstes habe ich nur Telefonanrufe bekommen, in denen gesagt wurde, ich solle meine Sachen packen und nach Israel gehen. Das erste, was ich dachte, war, dass vielleicht ein Freund einen Witz mit mir macht, aber ich habe mich geirrt.
Die Drohungen gegen mich und meine Familie gingen weiter und wir wurden aufgefordert, das Land so schnell wie möglich zu verlassen. Wenn sie mit mir am Telefon sprachen, sprachen sie mich noch nicht einmal mit meinem Namen an. Sie nannten mich nur ‚Verräter des Islams’.
Das Schlimmste war, als sie vor der Schule meines Sohnes mit einem schwarzen Auto mit abgedunkelten Scheiben vorfuhren und ihn zu sich riefen. Glücklicherweise sagen die Regeln der Schule, die er besucht, dass die Schüler nur mit Erlaubnis der Eltern das Schulgelände verlassen dürfen (meine beiden Kinder gingen auf eine Privatschule).
Eines Nachts, als wir gerade zu Abend aßen, wurde ein Stein in unser Küchenfenster geworfen und die Scheibe zerstört.
Nach dieser Nacht haben wir wieder Drohanrufe bekommen und das einzige, was wir tun konnten, war im Keller zu schlafen. (…)
Sie wollten kein Geld. Sie wollten nur, dass wir verschwinden und aus unserem eigenen Land fliehen. Das ist der Grund, warum wir unsere Heimat verlassen haben und die schwierige Reise zusammen mit Mutter Drita, Anila, Nensi und Sidrit angetreten haben. Ihr wisst selbst, wie schwer es ist, in ein anderes Land zu gehen.
(…)
Viele Umarmungen und Küsse,
Sidrit, Nensi, Anila, Bujar
Herzliche Grüße von Mama Drita“
[27]

2005 musste der Sohn von Refik und Drita Veseli, Bujar, mit seiner Familie vor fundamentalistischen Islamisten in die USA fliehen. 2007 stellte er den Antrag auf politisches Asyl in den USA.[28]

Diskussionsthemen für Lerngruppen:

  • „Gerechte unter den Völkern“ in Yad Vashem
  • Beziehung zwischen Retterinnen und Rettern und Geretteten nach 1945
  • Antisemitismus und Erinnerung an den Holocaust

Über Ihre Rückmeldungen würden wir uns freuen, bitte wenden Sie sich diesbezüglich an
germany.education@yadvashem.org.il.


[1] http://www.yadvashem.org/yv/de/exhibitions/besa/introduction.asp
[2] http://www.yadvashem.org/yv/de/education/newsletter/06/article_hartmann.asp
[3] Zeitzeugenaussage von Gavra Mandil, Archiv Yad Vashem 03.11543, Band Nr. VT-2652, S. 2f (Übersetzung aus dem Hebräischen).
[4] Geschichtsalbum Gavra Mandil und Refik Veseli. In: Ebbrecht, Tobias / Hartmann, Deborah / Mkayton, Noa: Was geht mich die Geschichte an? Den Holocaust im 21. Jahrhundert unterrichten. Yad Vashem, Jerusalem, 2012, ohne Seitenangabe.
[5] Aus der Zeitzeugenaussage Gavra Mandil (Geschichtsalbum Gavra Mandil und Refik Veseli). In: Ebbrecht, Tobias / Hartmann, Deborah / Mkayton, Noa: Was geht mich die Geschichte an? Den Holocaust im 21. Jahrhundert unterrichten. Yad Vashem, Jerusalem, 2012, ohne Seitenangabe.
[6] Geschichtsalbum Gavra Mandil und Refik Veseli. In: Ebbrecht, Tobias / Hartmann, Deborah / Mkayton, Noa: Was geht mich die Geschichte an? Den Holocaust im 21. Jahrhundert unterrichten. Yad Vashem, Jerusalem, 2012, ohne Seitenangabe.
[7] Aus der Zeitzeugenaussage Gavra Mandil (Geschichtsalbum Gavra Mandil und Refik Veseli). In: Ebbrecht, Tobias / Hartmann, Deborah / Mkayton, Noa: Was geht mich die Geschichte an? Den Holocaust im 21. Jahrhundert unterrichten. Yad Vashem, Jerusalem, 2012, ohne Seitenangabe.
[8] Geschichtsalbum Gavra Mandil und Refik Veseli. In: Ebbrecht, Tobias / Hartmann, Deborah / Mkayton, Noa: Was geht mich die Geschichte an? Den Holocaust im 21. Jahrhundert unterrichten. Yad Vashem, Jerusalem, 2012, ohne Seitenangabe.
[9] Ibid.
[10] Aus der Zeitzeugenaussage Gavra Mandil (Geschichtsalbum Gavra Mandil und Refik Veseli). In: Ebbrecht, Tobias / Hartmann, Deborah / Mkayton, Noa: Was geht mich die Geschichte an? Den Holocaust im 21. Jahrhundert unterrichten. Yad Vashem, Jerusalem, 2012, ohne Seitenangabe.
[11] Ibid.
[12] Geschichtsalbum Gavra Mandil und Refik Veseli. In: Ebbrecht, Tobias / Hartmann, Deborah / Mkayton, Noa: Was geht mich die Geschichte an? Den Holocaust im 21. Jahrhundert unterrichten. Yad Vashem, Jerusalem, 2012, ohne Seitenangabe.
[13] Aus der Zeitzeugenaussage Gavra Mandil (Geschichtsalbum Gavra Mandil und Refik Veseli). In: Ebbrecht, Tobias / Hartmann, Deborah / Mkayton, Noa: Was geht mich die Geschichte an? Den Holocaust im 21. Jahrhundert unterrichten. Yad Vashem, Jerusalem, 2012, ohne Seitenangabe.
[14] Drita Veseli (Geschichtsalbum Gavra Mandil und Refik Veseli). In: Ebbrecht, Tobias / Hartmann, Deborah / Mkayton, Noa: Was geht mich die Geschichte an? Den Holocaust im 21. Jahrhundert unterrichten. Yad Vashem, Jerusalem, 2012, ohne Seitenangabe.
[15] Geschichtsalbum Gavra Mandil und Refik Veseli. In: Ebbrecht, Tobias / Hartmann, Deborah / Mkayton, Noa: Was geht mich die Geschichte an? Den Holocaust im 21. Jahrhundert unterrichten. Yad Vashem, Jerusalem, 2012, ohne Seitenangabe.
[16] Zit. nach: http://www.haaretz.com/weekend/week-s-end/an-engine-for-homegrown-creativity-1.391263 (Zugriff am 17.10.2012) (Übersetzung aus dem Englischen). (Geschichtsalbum Gavra Mandil und Refik Veseli). In: Ebbrecht, Tobias / Hartmann, Deborah / Mkayton, Noa: Was geht mich die Geschichte an? Den Holocaust im 21. Jahrhundert unterrichten. Yad Vashem, Jerusalem, 2012, ohne Seitenangabe.
[17] Aus der Zeitzeugenaussage Gavra Mandil (Geschichtsalbum Gavra Mandil und Refik Veseli). In: Ebbrecht, Tobias / Hartmann, Deborah / Mkayton, Noa: Was geht mich die Geschichte an? Den Holocaust im 21. Jahrhundert unterrichten. Yad Vashem, Jerusalem, 2012, ohne Seitenangabe.
[18] Ibid.
[19] Zabar: Eigentlich der Name einer stacheligen Kaktuspflanze, die in heißen und trockenen Ländern gedeiht. Als Zabar (Plural: Zabarim) wurden aber auch Israelis bezeichnet, die bereits im Land Israel geboren wurden, weshalb sich die Neueinwanderer oftmals von ihnen ausgeschlossen fühlten.
[20] Masal tov: hebr. Glückwunsch!
[21] Zofim: Jüdische zionistische Jugendbewegung, die 1919 im damaligen Britischen Mandatsgebiet Palästina gegründet wurde.
[22] Aus der Zeitzeugenaussage Gavra Mandil (Geschichtsalbum Gavra Mandil und Refik Veseli). In: Ebbrecht, Tobias / Hartmann, Deborah / Mkayton, Noa: Was geht mich die Geschichte an? Den Holocaust im 21. Jahrhundert unterrichten. Yad Vashem, Jerusalem, 2012, ohne Seitenangabe.
[23] Ibid.
[24] Ibid.
[25] Gavra Mandil (Geschichtsalbum Gavra Mandil und Refik Veseli). In: Ebbrecht, Tobias / Hartmann, Deborah / Mkayton, Noa: Was geht mich die Geschichte an? Den Holocaust im 21. Jahrhundert unterrichten. Yad Vashem, Jerusalem, 2012, ohne Seitenangabe.
[26] Ibid.
[27] Bujar Veseli (Geschichtsalbum Gavra Mandil und Refik Veseli). In: Ebbrecht, Tobias / Hartmann, Deborah / Mkayton, Noa: Was geht mich die Geschichte an? Den Holocaust im 21. Jahrhundert unterrichten. Yad Vashem, Jerusalem, 2012, ohne Seitenangabe.
[28] Geschichtsalbum Gavra Mandil und Refik Veseli. In: Ebbrecht, Tobias / Hartmann, Deborah / Mkayton, Noa: Was geht mich die Geschichte an? Den Holocaust im 21. Jahrhundert unterrichten. Yad Vashem, Jerusalem, 2012, ohne Seitenangabe.