Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

Die Verwendung von Zeitzeugnissen im Holocaust-Unterricht

Von Shira Magen
Übersetzung und Redaktion:
Chani Hinker, Franziska Reiniger, Anna Stocker


Sachor - Lernen und Erinnerung

„In der jüdischen Tradition ist das Gebot des Erinnerns absolut. Aber diese Verpflichtung endet nicht mit dem kognitiven Akt des Gedenkens - sie muss mit Sinn und Tat verbunden sein. Wir, denen die Erinnerung in unsere Herzen und auf unser Fleisch gebrannt wurde, versammeln uns heute, um die Fackel der Erinnerung an die nächste Generation zu übergeben. Wir geben auch die fundamentale Lehre des Judentums an euch weiter: Erinnerung muss von ethisch-moralischer Tat begleitet sein. Das muss die Grundlage und der Brennpunkt eurer Energien für die Schaffung einer besseren Welt sein.“[1]

Der Akt des Lernens ist nicht nur ein Akt des Erwerbs von Wissen, sondern auch ein Kompetenzerwerb. Eine Voraussetzung für das Lernen aus der Vergangenheit ist, über sie Bescheid zu wissen. Im Kontext der Shoah[2] ist dies von entscheidender Bedeutung. Wissen ist jedoch kein Wert an sich. Das obige Zitat stammt aus einem Dokument, das von Holocaustüberlebenden verfasst und vom Überlebenden Zvi Gill auf der internationalen Konferenz „Das Erbe der Überlebenden der Shoah“, die im April 2002 in Yad Vashem stattfand, vorgelesen wurde. In ihrer Darstellung drückten Menschen, die die Gräuel der Nazis und ihrer Kollaborateure am eigenen Leib erlebten, ihre Ansichten über die Erinnerung an die Shoah und ihr Vermächtnis für die Menschheit aus.


Die Rolle von Zeitzeugnissen

Eine der Fragen, die Pädagoginnen und Pädagogen, die den Holocaust unterrichten, beschäftigt, ist die Bestimmung der richtigen Methode und der Wahl geeigneter Quellen bei der Vermittlung dieses Themas. Ein großer Anteil des Wissens über ein historisches Ereignis wird über eine Kombination vieler verschiedener Quellen erworben. Die Shoah gehört zu den am meisten dokumentierten historischen Ereignissen.
Offizielle nationalsozialistische Dokumente, offizielle Dokumente der Alliierten und persönliche Dokumente von Jüdinnen und Juden sowie von Nichtjüdinnen und Nichtjuden sind nur einige Quellengruppen, in die Millionen von Dokumenten aus dieser Zeitperiode fallen. Abgesehen von den Dokumenten, die während der Shoah verfasst wurden, sollte man sich auch auf Quellen beziehen, die nach dem Krieg entstanden sind. So beinhalten zum Beispiel die Protokolle von Nazikriegsverbrecherprozessen Zeugenaussagen von Täterinnen und Tätern sowie Überlebenden. Egodokumente (Tagebücher, Briefe, Zeitzeugnisse), die die jüdische Perspektive beschreiben, stellen eine besondere Grundlage dar, mit der den Schülerinnen und Schülern auf authentische Weise das Thema der Shoah und die Verfolgungsgeschichte der einzelnen Menschen nahe gebracht werden kann.

Im Laufe der Zeit beschlossen viele Überlebende mithilfe verschiedener Medien Zeugnis abzulegen. Ihre Zeitzeugenberichte werden zunehmend im Unterricht verwendet.

Die Rolle der Zeugnisse von Überlebenden für das Gedenken an die Shoah und die Vermittlung der Geschichte ist aus zwei Gründen entscheidend:

  1. „Die Erstellung des Ghettos ist selbstverständlich nur eine Übergangsmaßnahme [...] Endziel muss jedenfalls sein, dass wir diese Pestbeule restlos ausbrennen“, sagte Friedrich Uebelhoer, der Regierungspräsident des Bezirkes Kalisz-Lodz, in seinem Befehl zur Errichtung des jüdischen Ghettos in Lodz (19. Dezember 1939).[3]
    Am 19. Juli 1944 begannen die Deutschen mit der Verhaftung der 2.000 Jüdinnen und Juden, die auf den griechischen Inseln Rhodos und Kos lebten. Nachdem sie mehrere Tage interniert waren, wurden die Opfer auf dem Seeweg nach Athen gebracht und von dort mit der Eisenbahn nach Auschwitz-Birkenau transportiert. Während der achttägigen Reise liefen die Schiffe Leros an, um den einzigen jüdischen Bewohner der Insel abzuholen.[4]
    Das sind zwei der vielen Quellen, Beschreibungen und Ereignisse, die zeigen, dass die Nazis die jüdische Bevölkerung nicht als menschliche Wesen betrachteten, sondern als Ungeziefer, das sie endgültig vernichten wollten. Daher setzten sie sich das Ziel, jede Jüdin und jeden Juden zu eliminieren und alle Beweise des Verbrechens zu tilgen. Professor Yehuda Bauer beschreibt dies in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag, 1998 folgendermaßen: Die Shoah (der Holocaust) war „der Plan zur totalen Vernichtung des jüdischen Volkes und der Mord an den Juden, die von den Mördern erreicht werden konnten“.[5] Angesichts dieses Plans ist es eine kraftvolle und bedeutende Tatsache, dass überlebende Jüdinnen und Juden von diesen Ereignissen und von jenen Menschen, die nicht überlebten, erzählen.
  2. Für die Beschäftigung mit dem Holocaust sind Zahlen und Statistiken notwendig. Allerdings sollten diese mit Einzelschicksalen aufgebrochen werden. Dafür ist es entscheidend, dass die menschlichen Erfahrungen der Opfer erzählt werden. Für das Verständnis der Ereignisse während der Shoah ist es zudem wichtig, mehr über die Geschichten von nicht-jüdischen Personen zu erfahren, die Retter, Bystander, Kollaborateure und Täter.

„Zeugnisse“ - Wörterbuchdefinitionen

Wenn man den Begriff „Zeugnis“ im Wörterbuch oder Lexikon nachschlägt, dann findet man verschiedene Definitionen, die sich in drei Hauptkategorien einteilen lassen:

  1. Im Rechtswesen: a) alle schriftlichen und mündlichen Erklärungen in Rechtssachen oder bei Verhandlungen; und b) Beweismittel (Zeugenaussage).
  2. Beglaubigungen, die nicht unbedingt einen rechtlichen Zusammenhang haben: a) eine Erklärung, die eine Tatsache aus erster Hand beglaubigt; und b) Beweis zur Untermauerung einer Tatsache oder einer Behauptung.
  3. Jüdisch-religiöse Bedeutung: a) die Steintafeln mit dem mosaischen Gesetz; und b) die Bundeslade, in der diese Tafeln aufbewahrt waren.

Viele Lehrerinnen und Lehrer verwenden audiovisuelle Zeugnisse oder laden Überlebende ein, die in der Klasse über unmittelbar Erlebtes berichten. Dabei ergeben sich einige Schlüsselfragen: Welche Rolle spielt ein Zeitzeugenbericht im pädagogischen Prozess? Was ist die richtige Haltung gegenüber einem solchen Zeugnis? Kann der Zeitzeugenbericht in einer Geschichtsstunde verwendet werden? Ist der Zeitzeugenbericht die einzige, auf den Holocaust bezogene Aktivität, an der die Schülerinnen und Schüler teilnehmen? Welche Rolle spielen die Schülerinnen und Schüler, wenn sie einen solchen Bericht hören? Ist jedes Zeitzeugnis für jede Klasse geeignet? Wenn nicht, auf welche Kriterien muss bei der Auswahl eines Zeitzeugnisses geachtet werden? Dies sind nur einige der Fragen, mit denen Pädagoginnen und Pädagogen, die den Holocaust unterrichten, konfrontiert sind. Der vorliegende Text bietet Antworten auf einige Fragen und stellt Instrumente zur Verfügung, mit deren Hilfe man sich mit weiteren Fragen befassen kann.

Zielsetzungen für die Verwendung von Zeitzeugnissen im Unterricht
  • Den Opfern das menschliche Antlitz zurückgeben. Die persönlichen Geschichten, die von den Überlebenden der Shoah erzählt werden, zeigen die Jüdinnen und Juden als Menschen und stellen ihre Identität wieder her. So können die Zuhörerinnen und Zuhörer mit ihnen mitfühlen und ihr schreckliches Leid nachvollziehen.
  • Das Unvorstellbare konkreter machen. „Viele Überlebende erinnern sich daran [...], was für ein Vergnügen es den SS-Leuten bereitete, den Häftlingen zynisch vor Augen zu halten: ‚Stellen Sie sich nur vor, Sie kommen in New York an, und die Leute fragen Sie [...] Sie würden den Leuten in Amerika die Wahreit erzählen [...] Und wissen Sie, was dann geschehen würde? [...] Sie würden Ihnen nicht glauben, würden Sie für wahnsinnig halten, vielleicht sogar in eine Irrenanstalt stecken. Wie kann auch nur ein einziger Mensch diese unwahrscheinlich schrecklichen Dinge glauben – wenn er sie nicht selbst erlebt hat?’“[6] Dieses Zitat von Primo Levi verdeutlicht, wie schwierig es ist, das Wesen der Shoah zu begreifen, sowie viele der menschlichen Geschichten, die sich auf sie beziehen. Ein Lernen über die Shoah, das historische Dokumentation mit persönlichen Geschichten von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen kombiniert, hilft dabei, diese Ereignisse konkreter und realer zu machen.
  • Moralische Botschaften vermitteln: Für viele Überlebende ist es wichtig, den nachfolgenden Generationen ihre Geschichte und ihre Lehre aus der Shoah mitzugeben. Viele Überlebende in Israel legen einen hohen Stellenwert darauf, dass es einen jüdischen Staat gibt, denn durch die Vertreibung aus ihren Heimatländern haben sie oftmals das Gefühl, nirgendwo anders sicher zu sein. Sie beschreiben auch die Wichtigkeit, dass man Menschen nicht wegen physischer Merkmale, Religion oder Herkunft ausgrenzt. Viele versuchen, „gute Menschen“ zu sein.[7]
  • Die moralische Verpflichtung fördern, menschliches Leiden wahrzunehmen. Eine Hauptlehre, die durch den Shoah-Unterricht vermittelt werden kann, ist Eigenverantwortung. Dieses Problem kann auch am Beispiel der Themen Täter, Kollaborateure und Bystander diskutiert werden. Überlebende zu treffen und ihre Zeugnisse zu hören, ist eine Möglichkeit, eine andere ist Verpflichtung und Eigenverantwortung zu fördern, wie es Roger Simon ausdrückt: „Angesichts des historischen Berichts und vertieft durch Empathie mit dem Leiden anderer, fordert Erinnerungskultur die Verpflichtung, sich immer für eine gerechte und tolerante Gegenwart einzusetzen, die niemals Menschen ausschließt.“[8]
  • Schülerinnen und Schülern die Besonderheit der Shoah und der Erinnerung daran nahe bringen: „Wenn jemand durch einen Zeitzeugenbericht Zeugnis ablegt, dann legt er immer einer anderen Person gegenüber Zeugnis ab“[9], schreibt Roger Simon und empfiehlt damit das wünschenswerte Resultat für das Hören eines direkten oder eines audiovisuellen Zeitzeugenberichts. Pädagoginnen und Pädagogen, die sich mit der Erinnerung an die Shoah und mit Holocaust-Pädagogik beschäftigen, müssen sich darauf vorbereiten, dass in absehbarer Zeit niemand mehr aus erster Hand über die Shoah berichten kann. Die Vorbereitung auf diese Zeit kann auf verschiedene Weise geschehen. Eine davon ist das Sammeln von audiovisuellen Zeitzeugenberichten. Wenn ein Zeitzeugenbericht im Unterricht verwendet wird, ist es das wünschenswerte Resultat, dass sich die Schülerinnen und Schüler verpflichtet fühlen, die Erinnerung weiterzutragen. Diese Zielsetzung kann auch - wie weiter oben erwähnt - mit dem Begriff der Eigenverantwortung verbunden werden. Die Erinnerung weiterzutragen, ist auch im Zusammenhang mit dem Phänomen der Holocaustleugnung von höchster Wichtigkeit.

Die Verwendung von Zeitzeugnissen im Unterricht - Praktisches

Wahl des Mediums
Die persönliche Stimme des Opfers kann auf verschiedene Weise artikuliert werden: Präsentation des Zeitzeugenberichts im Unterricht durch einen Überlebenden, audiovisueller Zeitzeugenbericht, geschriebene Berichte in Form eines Tagebuchs oder einer Denkschrift. Auch literarische Werke wie Kurzgeschichten, Romane, Gedichte oder Kunstwerke wie Gemälde oder Skulpturen können als eine Art Zeitzeugenbericht betrachtet werden. Wie wählt man die richtige Art von Zeitzeugenbericht? Die folgende Diskussion konzentriert sich auf zwei Aspekte, die bei der Wahl von Zeitzeugenberichten in Betracht gezogen werden können:

  1. Das Alter der Schülerinnen und Schüler: Das Alter ist ein entscheidender Faktor bei der Entscheidung, ob und was über den Holocaust unterrichtet werden soll. Entsprechend der pädagogischen Philosophie von Yad Vashem, können auch jüngere Kinder über den Holocaust lernen, solange der Unterricht richtig durchgeführt wird. Das vorgeschlagene Modell ist eine Spirale. In der ersten Phase werden die Kinder mit Hilfe einer Geschichte über eine einzelne Person in die grundlegenden Begriffe der Shoah eingeführt. Das sind die Hauptprinzipien, die die Holocaust-Pädagogik in dieser Altersgruppe leiten:
    1. Verwenden Sie die Geschichte einer einzelnen Person.
    2. Wählen Sie eine Geschichte mit optimistischen Aspekten: der Protagonist hat überlebt, Handlungen der Nächstenliebe wurden ausgeführt. Das vermeidet, dass die Kinder einer Horrorgeschichte ausgesetzt werden und demonstriert die Existenz positiver menschlicher Werte neben den unvermeidlichen, schrecklichen Aspekten der Geschichte.
    3. Die Kinder sollten ständig von einer Lehrperson, zu der sie bereits eine längere und positive Beziehung aufgebaut haben, begleitet werden.

    In dieser Art von Diskussion untersuchen Kinder und die Lehrperson grundlegende Aspekte der sich verändernden Realität einer Person, vorzugsweise eines Kindes, z. B. eines Mädchens, das gezwungen ist, in ein Ghetto umzuziehen: Was nimmt es mit? Wie sieht sein Leben im Ghetto aus? Wie fühlt sich das Mädchen, als es einen gelben Stern tragen muss? Was bedeutet es, im Ghetto aufzuwachsen?

    Die nächste Phase - für ältere Kinder - löst eine breitere Diskussion aus, bei der eine Familie im Mittelpunkt steht. Die Bekanntschaft mit einer Familie bezieht weitere Charaktere ein, zusätzliche Schicksalsbeispiele und leitet die Aufmerksamkeit auf Beziehungen zwischen Menschen und Gruppen. Eine Diskussion auf Familienebene ist wichtig, denn dabei handelt es sich um das soziale Umfeld, mit dem alle Schülerinnen und Schüler vertraut sind und auf das sie sich beziehen können. In dieser Phase können die Kinder auch dazu ermutigt werden, nicht nur die Perspektive der Opfer, sondern auch jene der Retter anzusprechen.

    Wenn Kinder in die Pubertät kommen, beginnen sie, ihre persönliche Identität, die soziale und nationale Identität und die menschlichen Werte zu festigen. Daher können sie sich in dieser dritten Phase auf einen weiteren sozialen Kreis - eine Gemeinde in ihrer Gesamtheit – Bezug nehmen. Da ihre kognitive und emotionelle Wahrnehmung gereift ist, können sich Heranwachsende mit komplexen psychologischen Fragen beschäftigen, die über jene, die das Opfer betreffen, hinausgehen. Sie können sich jetzt mit den Dilemmata der Retterinnen und Retter befassen, dem Problem der Bystander und schließlich auch der Täterinnen und Täter.

    Zusammenfassend kann man sagen, dass das Thema Shoah graduell aufgebaut werden sollte, auf eine Art und Weise, die mit der emotionellen Phase und der kognitiven Entwicklung der Schülerinnen und Schüler korrespondiert.

    Die Auswahl des Zeitzeugnisses sollte auch durch die folgenden Schlüsselkriterien geleitet werden:

    Zeugnisse für Schülerinnen und Schüler der Grund- und Mittelschule: Wenn Sie als Lehrerin und Lehrer daran interessiert sind, eine Zeitzeugin oder einen Zeitzeugen einzuladen, sollten Sie die Einladung erst nach einem Vorbereitungsgespräch mit der oder dem Überlebenden aussprechen. Bei diesem Treffen sollten Sie erklären, dass die Geschichte so erzählt werden muss, dass die Schülerinnen und Schüler kein sekundäres Trauma[10] erleiden. Schülerinnen und Schüler der Grund- und Mittelstufe sollten keine Person treffen, zu deren Geschichte schreckliche Beschreibungen des Lebens und Sterbens in den Lagern gehören. Eine Überlebende oder ein Überlebender, die oder der den Krieg in einem Versteck verbrachte, ist hier eine bessere Wahl.

    Zeitzeugenberichte für Schülerinnen und Schüler höherer Schulstufen: In den höheren Schulstufen sind die Schülerinnen und Schüler darauf vorbereitet, sich mit schwierigeren Geschichten zu befassen. Daher können mit älteren Schülerinnen und Schüler auch persönliche Materialien von Personen, die nicht überlebt haben, verwendet werden. Es liegt jedoch immer noch in der Verantwortung der Lehrerin oder des Lehrers, vorher die Geschichte zu prüfen und die Wahl der Zeitzeugenberichte angemessen zu treffen, damit sie den kognitiven und emotionellen Möglichkeiten Schülerinnen und Schüler angepasst sind.

  2. Lokaler Kontext: Holocaustpädagoginnen und –pädagogen stehen oft vor der Frage, worauf sie sich in der kurzen Zeit, die zur Verfügung steht, konzentrieren sollen. Sollen sie ein allgemeines Bild des Holocaust in Europa präsentieren oder Ereignisse, die im eigenen Land stattfanden, in den Mittelpunkt stellen? Idealerweise sollte zwischen diesen beiden Polen ein Gleichgewicht hergestellt werden. Um ein historisches Verständnis des Holocaust zu vermitteln, sollten die Lehrpersonen Wissen über den breiteren Kontext der Tragödie zur Verfügung stellen, dabei aber die besonderen lokalen Aspekte nicht übersehen. Bei der Auswahl der Zeitzeugenberichte ist es daher von äußerster Wichtigkeit zu versuchen, einen lokalen Bericht zu präsentieren und ihn in den korrekten historischen Zusammenhang einzuordnen.

Noch ein Hinweis: Zu der Frage von direkten Zeitzeugenberichten versus aufgezeichneten, ist eine direkte Begegnung mit einer Überlebenden oder einem Überlebenden der Shoah meistens vorzuziehen, da sie den zusätzlichen Wert eines direkten Kontakts und persönlichen Austauschs hat.


Vorbereitung

Einige allgemeine Prinzipien zur Vorbereitung sind wichtig:
Zu den wichtigsten Schritten gehört es, den historischen Kontext einzubeziehen. Der Zeitzeugenbericht einer oder eines Überlebenden ist Mikrogeschichte, die Geschichte einer Person, die von einem besonderen und subjektiven Standpunkt aus erzählt wird. Obwohl die Erzählung an sich kraftvoll sein kann, bekommt sie ihre volle Bedeutung - vor allem im pädagogischen Sinn - erst, wenn sie in einen spezifischen Zusammenhang gestellt wird. Es ist notwendig, nach dem universalen Aspekt des Holocaust zu fragen. Eine solche Diskussion kann aber nur dann sinnvoll stattfinden, wenn sie in einem Verständnis der historischen Realität wurzelt. Die Lehrerin oder der Lehrer hat daher die Verpflichtung, den Schülerinnen und Schülern vor der Begegnung mit der Überlebenden oder dem Überlebenden, einen ausreichenden historischen Zusammenhang zur Verfügung zu stellen. Zum historischen Kontext gehören auch wichtige Begriffe für das Verständnis des Zeitzeugenberichts, wie zum Beispiel Ghetto, Zwangsarbeit, Transport, Konzentrationslager, Vernichtungslager, Razzia etc. Wenn den Schülerinnen und Schülern diese Begriffe nicht vertraut sind, werden sie die Geschichte nur teilweise verstehen. Wenn eine direkte Begegnung mit einer Überlebenden oder einem Überlebenden vorbereitet wird, muss zwischen den drei Mitwirkenden bei dem Treffen - Lehrperson, Überlebende/Überlebender, Schülerin/Schüler - eine besondere Vorarbeit geleistet werden:[11]

Lehrperson und Überlebende/Überlebender:

  • Die Lehrperson sollte die Überlebenden vor einem Zeitzeugengespräch in der Schule kennenlernen, auch um die gegenseitigen Erwartungen abzuklären.
  • Die Geschichte der Überlebenden sollte bekannt sein.
  • Der Fokus sollte nicht nur auf dem Leben während der Shoah liegen, sondern auch auf dem Leben davor und danach.
  • Es sollten Fragen vorbereitet werden, die den Überlebenden gestellt werden können.

Lehrperson und Schülerinnen und Schüler:

  • Den Schülerinnen und Schülern sollten einige grundlegende Informationen über die Überlebenden und ihre Geschichten zur Verfügung gestellt werden.
  • Die Lehrperson kann auf wichtige Orte und Begriffe hinweisen und sie in den historischen Zusammenhang stellen, der den Schülerinnen und Schülern bereits nahegebracht wurde.
  • Die Schülerinnen und Schülern sollten aufgefordert werden, Fragen zu stellen.


Vorschläge für Vorbereitungsaktivitäten

Was kann erwartet werden und was nicht? Es ist wichtig, dass die Lehrperson die Erwartungen der Schülerinnen und Schüler vor dem Zeitzeugengespräch prüft. „Wir sind weder Historiker noch Philosophen, sondern Zeugen“, sagte Primo Levi, als er seine Erfahrungen als Zeitzeuge diskutierte.[12] Im pädagogischen Prozess sollten Zeugnisse nicht die Primärquelle des historischen Wissens und Verständnisses sein. Da die meisten Überlebenden keine Historikerinnen und Historiker sind, sollten die Lehrenden sie bitten, persönliche Geschichten zu erzählen, die als Ergänzung zu den historischen Details fungieren, die die Schülerinnen und Schüler aus anderen Primär- und Sekundärquellen erhalten.


Herausforderungen

Wenn die Arbeit mit Zeitzeugnissen sinnvoll sein soll, dann sollten sich die Lehrerin oder der Lehrer und in gewissen Fällen auch die Schülerinnen und Schüler der besonderen Charakteristiken bewusst sein, die sich auf diese Wissensquelle beziehen.

  • „Die menschliche Erinnerung ist ein wunderbares, aber unzuverlässiges Instrument. Das ist eine abgedroschene Wahrheit, die nicht nur den Psychologen, sondern auch jedem bekannt ist, der sein Augenmerk auf das Verhalten seiner Umgebung oder auf sein eigenes gerichtet hat.“[13] Damit erwähnt Primo Levi eine der Hauptgrenzen der Zeitzeugenberichte von Überlebenden. Niemals werden zwei Menschen, die eine Erfahrung teilen, sich auf dieselbe Weise daran erinnern. Das menschliche Gedächtnis wird von verschiedenen Elementen, die es bilden, beeinflusst. Anschauungen, persönliche Eigenschaften, Lebenserfahrungen, späteres Wissen, Verdrängung und Beeinträchtigungen des Gedächtnisses im Laufe der Zeit sind nur einige der Elemente, die die Art unserer Erinnerungsbildung beeinflussen. Diskrepanzen zwischen einem Zeugnis kurz nach einem Ereignis und einem anderen Jahre später, kommen häufig auch bei demselben Zeitzeugen vor. Ungenauigkeiten bzw. Unrichtigkeiten bei Daten und Details sind ebenso ein integraler Bestandteil des Mediums Zeitzeugenbericht. Die Lehrerin oder der Lehrer sollte sich dessen bewusst sein. Es ist außerdem ihre oder seine Aufgabe, auf die Fragen der Schülerinnen und Schüler über diese Themen vorbereitet zu sein oder eine Diskussion über das Thema Erinnerung und Zeitzeugenberichte zu beginnen.
  • Der Holocaust war die systematische Vernichtung aus ideologischen Gründen von ungefähr sechs Millionen Jüdinnen und Juden während des Zweiten Weltkrieges. Natürlich erzählen die Überlebenden Geschichten über ihre persönlichen Erfahrungen. Sie sind die Geschichten der Lebenden und nicht die der Toten. Daher muss man sorgfältig darauf achten, eine voreingenommene Sicht der Geschehnisse zu vermeiden. Eine solche Voreingenommenheit kann zum Beispiel in einer Diskussion über Auschwitz-Birkenau auftauchen. Das Lager Birkenau, welches anfangs für sowjetische Kriegsgefangene errichtet wurde, bekam mit der Zeit einen anderen Hauptzweck: die Ermordung von Jüdinnen und Juden. Gleichzeitig wurde es jedoch auch als Zwangsarbeitslager betrieben, das Tausende jüdische und nicht-jüdische Häftlinge ausbeutete. Züge transportierten Tag für Tag Tausende Jüdinnen und Juden in das Lager. Die meisten von ihnen wurden sofort in die Gaskammern geschickt. Das Todesurteil für die zur Arbeit ausgewählten Minderheit war nur aufgeschoben. Letzten Endes starb die überwiegende Mehrheit von ihnen an Erschöpfung und Hunger oder wurden schließlich in die Gaskammern geschickt. Wer die Zeitzeugenberichte ehemaliger Häftlinge in Auschwitz hört, läuft Gefahr sich auf einen Bericht über „das Leben im Lager“ zu fokussieren und zu vergessen, dass Auschwitz-Birkenau in erster Linie ein Todeslager war und dass jene, die überlebten, und die Geschichte erzählen, nur ein kleiner Rest jener sind, die dorthin gebracht wurden.

Schlussgedanken

Diese Anleitung stellte einige Definitionen des Begriffes „Zeugnisse“ vor und bildete drei Bedeutungskategorien. Berichte von Holocaust-Überlebendentragen etwas zu all diesen Kategorien bei. Einige Holocaustüberlebende legten vor Gericht Zeugnis ab und stellten damit „direkte Beweismittel“ für die Verhandlungen gegen Nazikriegsverbrecher zur Verfügung. In den vergangenen 20 Jahren sagten einige von ihnen mehrfach aus, um gegen das Phänomen der Holocaustleugnung anzukämpfen.
Wenn sie im allgemeinen Kontext der Erinnerung und im spezifischeren Zusammenhang mit der Pädagogik abgelegt werden, haben Zeugnisse eine andere Zielsetzung, wie oben erklärt: nämlich die Bestätigung von schwierig zu erfassenden Ereignissen. Schließlich legen viele Überlebende Zeugnis ab, um eine moralische Botschaft zu vermitteln. Dadurch stellen sie eine Verbindung zur dritten Definition des Begriffes „Zeugnis“ her.

Über Ihre Rückmeldungen würden wir uns freuen, bitte wenden Sie sich diesbezüglich an
germany.education@yadvashem.org.il.



[1] Bemerkungen von Zvi Gill (in hebräischer Sprache) in seiner Schlussbotschaft bei der Konferenz über das Erbe der Überlebenden der Shoah, die im April 2002 in Yad Vashem stattgefunden hat. Die Ansprache wurde ins Englische übersetzt in: Our Living Legacy, Yad Vashem 2007, S. 7.
[2] „Shoah” ist ein Synonym für „Holocaust“. Shoah kommt aus dem Hebräischen und bedeutet „Katastrophe”. Die Shoah war die „Vernichtungsstrategie gegenüber den sogenannten Andersartigen, der Plan zur totalen Vernichtung des jüdischen Volkes und der Mord an den Juden, die von den Mördern erreicht werden konnten” so Prof. Dr. Yehuda Bauer 1998 in seiner Rede im Deutschen Bundestag. http://www.bundestag.de/kulturundgeschichte/geschichte/gastredner/bauer/rede.html
[3] Dieses Zitat von Friedrich Uebelhoer wurde zitert nach: Willi Jasper: Wozu noch Welt? In: Die Zeit 29/1995. Siehe auch: http://www.zeit.de/1995/29/Wozu_noch_Welt_/komplettansicht.
[4] Dr. David Silberklang und Irena Steinfeldt: Bis auf den letzten Juden – Bis auf den letzten Namen. In: Yad Vashem Journal, Jerusalem, 2. Ausgabe, 2004.
[5] http://www.bundestag.de/kulturundgeschichte/geschichte/gastredner/bauer/rede.html
[6] Primo Levi: Die Untergegangenen und die Geretteten. Deutscher Taschenbuchverlag München 1993, S. 7 (Übersetzung von Moshe Kahn).
[7] http://www.yadvashem.org/yv/de/education/newsletter/06/news_yadvashem_dotan.asp
[8] Roger Simon: The Contribution of Holocaust Audio-Visual Testimony to Remembrance, Learning and Hope. In: Cahier International sur le Témoignage Audiovisuel 1 (1998), S. 144.
[9] A. A. O., S. 147.
[10] Baum, N., Rotter, B. & Reidler, E.: Building resilience for holocaust educators. Prism, 1:1,S. 81, 2009.
[11] Die folgende Diskussion wurde durch den hebräischen Artikel „Überlebende des Holocaust treffen Schüler“ inspiriert. http://www.yadvashem.org/yv/he/education/lesson_plans/survivors.asp
[12] Primo Levi: Die Untergegangenen und die Geretteten. Deutscher Taschenbuchverlag München 1993, S. 156 (Übersetzung von Moshe Kahn).
[13] Ibid., S. 19 (Übersetzung von Moshe Kahn).