Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

Zur Erinnerung an ihre Gesichter

Eine Anleitung für Lehrerinnen und Lehrer zur Verwendung von Fotos aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg und der Shoah

Von Liz Elsby
Übersetzung: Chani Hinker

Zielgruppe: Schülerinnen und Schüler ab 12 bis 18 Jahren.



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Didaktische Zielsetzungen

„Zur Erinnerung an ihre Gesichter” ist eine Möglichkeit für Lehrerinnen und Lehrer, das Thema der Shoah einzuführen. Pädagoginnen und Pädagogen haben die Möglichkeit, in diesen Materialien nützliche Quellen für eine weniger drastische Einführung in die Shoah zu finden, die für Schülerinnen und Schüler ab dem zwölften Lebensjahr bis zur letzten Schulstufe geeignet ist. Yad Vashem vertritt die Ansicht, dass die Lernenden durch das Betrachten dieser menschlichen Gesichter zu verstehen beginnen, dass die Gräuel der Shoah Menschen angetan wurden - und nicht Nummern. So bezaubernd manche Bilder auch sein mögen, so darf doch das Schicksal der abgebildeten Personen, von denen die meisten in der Shoah - die Mehrheit in Auschwitz-Birkenau - ermordet wurden, nicht vergessen werden.

Einführung und Erläuterung

Oft wird die Shoah[1] mit Bildern von Massenmorden verbunden, wie beispielsweise die Nachkriegsfotos aus Bergen-Belsen und Buchenwald - starke, brutale Schwarz-Weiß-Fotos, die von entsetzten amerikanischen oder britischen Soldaten bei der Befreiung der Konzentrationslager aufgenommen wurden. Die Betrachterinnen und Betrachter der Bilder sehen anonyme Leichenberge, mit seltsam abgespreizten, skelettartigen Armen und Beinen, die am Rande von Massengräbern aufgehäuft sind. Die Konfrontation mit diesen schrecklichen Bildern macht es schwer, sich vorzustellen, dass diese nackten, verwahrlosten Körper einmal menschliche Wesen waren.

Sechs Millionen Menschen kamen nicht als Opfer auf die Welt, sondern wurden für ein ausgefülltes Leben und eine Zukunft geboren. Sie erfreuten sich an ihren Kindern, beobachteten Sonnenuntergänge, tanzten auf Hochzeiten, waren Mitglieder in Sportvereinen, nahmen Sonnenbäder am Strand, waren aktiv in Jugendbewegungen, schufen Kunstwerke und komponierten Musik, arbeiteten schwer und hatten ihre Zukunftshoffnungen und Träume. All das wurde ihnen gewaltsam entrissen; die nationalsozialistische Ideologie verurteilte sie zum Tod, einfach weil sie Jüdinnen und Juden waren.

Im Fotoarchiv der Gedenkstätte Yad Vashem liegen Hunderte Fotos von Jüdinnen und Juden, die in ihrem Alltagsleben aufgenommen wurden, lange bevor es einen Plan gab, das jüdische Volk zu vernichten. Dies sind Fotos von Menschen - jetzt zeitlos und unvergänglich - die innehielten, um einen besonderen Augenblick für die Nachwelt festzuhalten: ein geliebtes Kind, ein glückliches Familientreffen, die hoffnungsvollen Gesichter eines frischvermählten Paares. Niemand auf den Fotos hätte sich das grauenhafte Schicksal, das ihn oder sie erwartete, vorstellen können. Keiner konnte wissen, dass diese Aufnahmen das letzte, manchmal einzige Zeugnis ihres erfüllten Lebens bleiben würden - oft der einzige Beweis, dass diese Menschen einmal tatsächlich existierten.

Tragischerweise konnte nicht jedes Gesicht auf den Fotos identifiziert werden. Jene, die sie kannten und liebten, jene, die sie fotografierten, wurden oft gemeinsam mit den Abgebildeten ermordet. Die Quellenangaben machten es den Forscherinnen und Forschern in Yad Vashem unmöglich, die Namen aller Opfer zu rekonstruieren.

Durch die Präsentation einiger Gesichter hinter den Statistiken der in Auschwitz Ermordeten, sollen diese Menschen greifbarer gemacht werden. Bevor sie von den Nationalsozialisten ermordet und von den Historikern in trockene Statistiken verwandelt wurden, waren sie Menschen. Wenn die Betrachtenden all das verstehen können, dann sind sie dem Verständnis dafür, was in der Shoah verloren wurde, einen Schritt näher gekommen.

Diskussion in der Klasse

Nach dem Betrachten der Fotos können verschiedene Punkte diskutiert werden. Im Folgenden finden Sie einige Fragen, die dazu verwendet werden können, die Schülerinnen und Schüler bei der Diskussion des jüdischen Lebens im Europa der Vorkriegszeit und der Ereignisse der Shoah zu unterstützen.

  1. Wann wurden diese Fotos aufgenommen? Was auf den Fotos deutet auf den Ort hin, an dem die Fotos aufgenommen wurden? Lassen sich Vermutungen zur Person des Fotografen und seiner Motivation anstellen?
  2. Die Bilder wurden vor der Shoah aufgenommen. Diskutieren Sie mit der Klasse die Bedeutung dieser Tatsache.
  3. Sehen Sie sich die verschiedenen Mienen und Körperhaltungen der abgebildeten Personen an. Was offenbaren sie über diese Menschen?
  4. Fordern Sie die Schülerinnen und Schüler auf, die Kinder und Babys auf den Bildern zu betrachten. Wie ähnlich sind sie heutigen Kindern? Wie unterscheiden sie sich? Inwiefern ähneln bzw. unterscheiden sich diese Fotos von den Fotos, die heute Jugendliche aus ihrer Kinderzeit aufbewahren?
  5. Einige der ausgewählten Bilder zeigen Menschen, die nicht identifiziert werden konnten. In den Archiven von Yad Vashem liegen Hunderte ähnliche Fotos, bei denen die darauf abgebildeten Personen unbekannt sind. Nach dem Krieg wurden in den Konzentrationslagern ganze Familienalben gefunden, bei denen nichts über die Eigentümerin oder den Eigentümer oder die darin enthaltenen Personen bekannt ist. Diskutieren Sie mit den Schülerinnen und Schülern die Bedeutung von Fotos unbekannter Menschen.
  6. Warum ist es so wichtig, Fotos von Menschen vor der Shoah zu betrachten, bevor sie zu Opfern wurden? Was sagt das über die Opfer aus? Und über die Täterinnen und Täter? Inwiefern kann die Beschäftigung mit dem Leben der Opfer vor dem Einsetzen der Verfolgung unsere Perspektive auf die Opfer der Shoah beeinflussen?

Zusätzliche Aktivitäten

Die Verwendung der Fotos als „Sprungbrett” kann die Schülerinnen und Schüler zu zwei zusätzlichen Aktivitäten führen:

  1. Die Lernenden können für jede genannte Person das Gedenkblatt (falls vorhanden) auf der Internetseite von Yad Vashem suchen. Dabei können sie in einigen Fällen Informationen über die Person erfahren, die über das Foto und den Namen hinausgehen: wer waren die Brüder, Schwestern, Großeltern, Ehefrauen, Ehemänner, usw.
  2. Die Schülerinnen und Schüler können das umfangreiche Fotoarchiv auf der Yad Vashem Internetseite mit dem Stichwort „prewar” (Vorkriegszeit) durchsuchen und die Fotos anderer Jüdinnen und Juden vor der Shoah erforschen. Fotos von Jugendgruppen, Schulfotos, Familien beim Picknick, usw. Jede Schülerin und jeder Schüler kann ein Bild auswählen, das sie oder ihn anspricht, dazu zusätzliche Informationen zu recherchieren, und entweder darüber schreiben oder es der Klasse zur Diskussion vorstellen.

[1] „Shoah” ist ein Synonym für „Holocaust“. Shoah kommt aus dem Hebräischen und bedeutet „Katastrophe”. Die Shoah war die „Vernichtungsstrategie gegenüber den sogenannten Andersartigen, der Plan zur totalen Vernichtung des jüdischen Volkes und der Mord an den Juden, die von den Mördern erreicht werden konnten”. So formulierte es Prof. Dr. Yehuda Bauer während einer Rede vor dem Deutschen Bundestag.
http://www.bundestag.de/kulturundgeschichte/geschichte/gastredner/bauer/rede.html