Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

„Es bedarf einer emotionalen Bereitschaft, aber auch einer historischen Kenntnis, um die elterlichen Geschichten in den historischen Kontext einordnen und bewerten zu können.“

Interview mit der Zeithistorikerin Margit Reiter

Margit Reiter lehrt und forscht am Institut für Zeitgeschichte an der Universität Wien. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören linker Antisemitismus und Antiamerikanismus in Europa, die Beziehungen zwischen Österreich und Israel, Nationalsozialismus und NS-Nachgeschichte, Generationen- und (Familien)Gedächtnis. Derzeit leitet sie ein Forschungsprojekt, das sich mit Antisemitismus nach der Shoah in Österreich befasst.

Frau Reiter, für Deutschland liegen ja bereits seit längerem Studien über die Tradierung des Nationalsozialismus im Familiengedächtnis vor, man denke etwa an Welzer/Moller/Tschuggnall. Für Österreich fehlte eine solche Untersuchung bislang. Sie legen in Ihrer Studie dar, dass das Familiengedächtnis in Beziehung zu vergangenheitspolitischen Maßnahmen und zu den öffentlichen Geschichtsdiskursen über den Nationalsozialismus steht. Nun ist die Situation in Deutschland eine andere gewesen als in Österreich. Wie wirkt sich die jeweils unterschiedliche vergangenheitspolitische Situation auf die Familiennarrative im Vergleich der beiden Nachfolgestaaten aus?

Mein 2006 erschienenes Buch Die Generation danach war in der Tat die erste umfassende Studie über die Tradierung des Nationalsozialismus in österreichischen Familien und den Umgang der „Kinder der Täter“ mit ihrer belasteten Familiengeschichte. Mir war es dabei wichtig, die individuellen Prägungen und Verarbeitungen in dieser Generation nicht isoliert zu betrachten, sondern in einen vergangenheitspolitischen Kontext einzuordnen. Der Vergleich mit Deutschland bietet sich aufgrund der ähnlich gelagerten historischen Ausgangsposition an. Sowohl Deutschland als auch Österreich waren NS-Tätergesellschaften, die aber nach 1945 mit der NS-Vergangenheit unterschiedlich umgegangen sind. Während Deutschland sich seiner historischen Verantwortung gestellt hat bzw. stellen musste, hat sich Österreich als „erstes Opfer Hitlers“ dargestellt und den Nationalsozialismus externalisiert, d.h. auf „die Deutschen“ verlagert. Diese sogenannte Opferthese, die auch von den Alliierten mitgetragen wurde, war nicht nur auf der staatlichen Ebene wirksam, sondern fand auch auf der individuellen Ebene aufgrund ihrer Entlastungsfunktion großen Anklang. In den österreichischen Familien kursierten vielfältige Opferlegenden, sodass sich letztendlich nahezu alle Österreicher_innen als Opfer fühlen konnten: als Opfer Hitlers, als Opfer des Krieges und als Opfer der Alliierten und der Nachkriegsnot.

Die große Übereinstimmung zwischen den privaten, familiären und den allgemeinen, politischen Narrativen ist eine österreichische Besonderheit und erklärt auch, warum die österreichischen NS-Nachkommen die Opferthese lange mitgetragen und die belastete Familiengeschichte erst sehr spät kritisch hinterfragt haben. Allerdings scheint es gleichzeitig aber auch eine vage Ahnung um die familiären NS-Verstrickungen gegeben zu haben, das hat auch die enorme Resonanz auf mein Buch in der betroffenen Zweiten Generation gezeigt.

In Deutschland werden immer wieder Eckpfeiler wie die 1968er Bewegung oder aber die Erstausstrahlung der US-Fernsehserie Holocaust genannt, die zu einem Wandel im Umgang mit der Vergangenheit geführt hätten. Sie legen dar, dass dies für Österreich nicht oder zumindest nicht im gleichen Maße gelte. Womit begründen Sie dies und welche gesellschaftspolitischen oder kulturellen Ereignisse waren es in Österreich, die Irritationsmomente darstellten und die sich möglicherweise auch auf die Familienerzählungen niederschlugen?

„1968“ war in Österreich bestenfalls eine „heiße Viertelstunde“, in der die Auseinandersetzung mit den NS-Vätern als Täter keine so große Rolle gespielt hat wie vergleichsweise in Deutschland. Trotz aller antifaschistischen Rhetorik der 68er wurde die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit kaum auf der persönlichen Ebene ausgetragen und es wurde kein Bezug zur eigenen Familiengeschichte hergestellt. Auch viele durchaus kritische Nachgeborene – so das Ergebnis meiner Arbeit – haben das tatsächliche Ausmaß der Beteiligung von Österreicher_innen am Nationalsozialismus und an den NS-Verbrechen lange nicht realisiert und den Nationalsozialismus gedanklich externalisiert. Sie haben sich offenbar nicht persönlich betroffen gefühlt. Die 1979 ausgestrahlte TV-Serie Holocaust löste zwar Betroffenheit und Empathie mit den jüdischen NS-Opfern, aber keine grundsätzlichen Debatten aus.

Für viele „Kinder der Täter“ erfolgte die konkrete Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit und ihrer Familiengeschichte erst Mitte der 1980er Jahre im Rahmen der „Waldheim-Affäre“: Die Diskussionen um die Wehrmachtsvergangenheit des Präsidentschaftskandidaten Kurt Waldheim wurden von vielen als wesentliche Zäsur und als Befreiungsschlag erlebt. In Äußerungen des „Mitläufers“ Waldheim, wie z.B. dass er „nur (s)eine Pflicht als Soldat erfüllt“ habe, erkannten viele Nachkommen die Rechtfertigungsversuche und Abwehrmuster ihrer eigenen (Groß-)Eltern wieder. Erstmals wurde der „Pakt des Schweigens“ aufgekündigt und es kam nicht selten zu heftigen familiären Auseinandersetzungen.

Auch die ein Jahrzehnt später einsetzenden Diskussionen über die Verbrechen der Wehrmacht hatten eine ähnlich irritierende Funktion. Die Zerstörung der Legende von der „sauberen Wehrmacht“ führte sowohl in Deutschland als auch in Österreich ins Epizentrum der Gesellschaft, da fast jede Familie in irgendeiner Weise betroffen war. Einerseits haben viele Kinder die „Kriegsgeneration“ reflexartig und pauschal verteidigt („Mein Vater war kein Mörder“), andererseits kam es aber auch zu innerfamiliären Konflikten, da die bisherige Beruhigungsformel: „Mein Vater war ja nur bei der Wehrmacht“ (und somit unschuldig) nicht mehr wirkte. In manchen Fällen führte dies zu konkreten Recherchen der Kinder und Enkelkinder über die familiären NS-Verstrickungen – allerdings oft zu spät, da die eigenen Eltern mittlerweile verstorben waren.

Harald Welzer hat in seiner Studie ein Paradoxon dargelegt: Je mehr Geschichtswissen die Enkelgeneration über den Nationalsozialismus und Holocaust aufweise, desto stärker sei sie geneigt, die eigenen Großeltern auszuklammern und deren Verhalten während des Nationalsozialismus umzudeuten, zu verharmlosen oder zu heroisieren. Wie erklären Sie sich das?

Da gibt es in der Tat paradoxe, gegenläufige Entwicklungen, die unterschiedlich zu erklären sind. So gibt es mittlerweile im wissenschaftlichen Bereich, aber auch in Teilen der Öffentlichkeit und in den Schulen eine überaus differenzierte Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, die zu einem Grundwissen über die NS-Verbrechen und zu einer Ausdifferenzierung der Tätervorstellungen geführt hat. Das heißt, es kursiert nicht nur sehr viel mehr, sondern oft auch ein anderes Wissen über die NS-Zeit als früher. Je mehr man aber über die NS-Verbrechen weiß, umso schneller stellt sich auch die Frage nach der Schuld der eigenen Eltern/Großeltern und umso massiver ist die Abwehr.

Ein wichtiger Faktor ist auch die zeitliche und emotionale Distanz zum Nationalsozialismus und die besondere Position der Enkel im Dreigenerationenmodell. Während die Kinder als unmittelbare Nachkommen der oft autoritären Erziehung der NS-Eltern direkt ausgesetzt waren und davon stark geprägt sind, haben die Enkel ihre Großeltern meist nur mehr als alte, liebenswerte Menschen kennengelernt. Ihnen fällt es daher schwer, sich diese lieben Menschen als mögliche Täter_innen vorzustellen und sie tendieren dazu, die eigenen Großeltern zu idealisieren und mit kritischen Fragen zu verschonen. Vielfach greifen sie die großelterlichen Entlastungsnarrative bereitwillig auf und schreiben sie unkritisch fort bzw. oft sogar auch zu ihren Gunsten um. Andererseits – und das ist mir wichtig – gibt es aber gerade in der Enkelgeneration oft mehr Interesse am Nationalsozialismus und einen offeneren Umgang mit den familiären NS-Verstrickungen. Viele von ihnen fühlen sich aufgrund ihres Alters nicht mehr persönlich verstrickt und angegriffen und können sich gerade deshalb weniger emotional und kritischer mit der Familiengeschichte auseinandersetzen. Das heißt, in diesem Fall hat sich die zeitliche und emotionale Distanz, die größere „Unbefangenheit“ im Umgang mit der NS-Thematik, auch positiv ausgewirkt.

Auffallend ist, dass historisches Faktenwissen über den Nationalsozialismus nicht zwangsläufig dazu führt, dass die Kinder den Eltern konkrete Fragen stellen oder über deren Position im Nationalsozialismus recherchieren würden, selbst wenn die Kinder wissen, dass ihre Eltern überzeugte Nationalsozialisten waren. Ist also selbst bei Menschen, die auf eine von Gewalt und Lieblosigkeit geprägte Kindheit zurückblicken, die Bindung an die Familie so stark, dass sie die Identifikation mit den Eltern nicht mit dem Wissen über etwaige Verbrechen gefährden wollen oder sehen Sie noch andere Erklärungsansätze für die Diskrepanz zwischen Geschichtswissen und Ignoranz gegenüber der eigenen Familiengeschichte?

Hier scheint mir das Funktionieren des Familiengedächtnisses sehr wichtig zu sein: Das Familiengedächtnis ist aufgrund seiner vielen Leerstellen und seiner fragmentarischen Beschaffenheit als eine Art „Puzzle“ zu verstehen, das von den Nachkommen zusammengefügt werden muss. Interessant ist, was von ihnen aufgegriffen wird und was nicht und in welche Gesamterzählung diese Bruchstücke schließlich eingefügt werden. Es hat sich gezeigt, dass sie in der Regel genau jene Bestandteile der familiären Geschichten aufgreifen, die ihnen am plausibelsten erscheinen und zugunsten der Großeltern/Eltern gedeutet werden können, wohingegen andere, unliebsame Bestandteile schlicht „überhört“ werden.

Aufgrund des fragmentarischen Charakters der familiären Erzählungen sind die Nachkommen oft auf Mutmaßungen über die konkreten Taten ihrer (Groß-)Eltern angewiesen, die sich häufig zu diversen Phantasien entwickeln, die sowohl belastend als auch entlastend sein können. Nur in wenigen Fällen werden konkrete Versuche unternommen, der Familiengeschichte nachzuspüren, diese zu rekonstruieren und sich somit Gewissheit über die tatsächliche Verantwortung ihrer Familienangehörigen zu verschaffen. Anstatt dessen quälen sich manche „Kinder der Täter“ mit den Fragen nach einer möglichen Schuld ihrer Väter/Mütter und es kommt zu stellvertretenden Schuldübernahmen. Weitaus häufiger als solche selbstquälerischen Belastungsphantasien ist jedoch das Bedürfnis, die eigenen Väter/Mütter von jeder Schuld zu entlasten – und wie ich in meinen Gesprächen mit „Kindern der Täter“ erfahren konnte, sind sie in ihren Entlastungsstrategien überaus erfinderisch.

Tatsächlich ist die Scheu davor, näher nachzufragen bzw. die elterlichen Erzählungen kritisch zu hinterfragen sehr groß: So genau will man es meist gar nicht wissen. Dieses Nicht-Wissen-Wollen basiert nicht nur auf einem Schonverhalten gegenüber den eigenen Eltern, sondern entspringt auch einem massiven Wunsch nach Selbstschutz, um sich selbst die totale Demontage der elterlichen Identifikationsobjekte zu ersparen. Es bedarf einer emotionalen Bereitschaft, aber auch einer historischen Kenntnis, um die elterlichen Geschichten in den historischen Kontext einordnen und bewerten zu können. Dieses historische Faktenwissen ist – trotz der Allgegenwärtigkeit des Themas Nationalsozialismus – allerdings viel geringer als gemeinhin angenommen wird.

In einem Ausblick erwähnen Sie die dritte und vierte Generation und wägen die Chancen und Risiken der zunehmenden emotionalen Distanz der (Ur-)Enkel zum Nationalsozialismus ab. Wird jedoch über den Eingang von Nationalsozialismus und Holocaust in die Konsumkultur (Stichwort: Schindlers Liste u.a.) nicht so etwas wie eine „Emotionalisierung zweiten Grades“ erzeugt, die eine kritische Auseinandersetzung erschwert? Wie schätzen Sie das ein?

Hier ist zu bedenken, dass sich der Zugang der dritten und vierten Generation (Enkel und Urenkel) zum Nationalsozialismus und zur NS-Familiengeschichte von dem der „Kinder der Täter“ erheblich unterscheidet. Er ist vor allem vom Faktor der zunehmenden zeitlichen Distanz und dem Fehlen einer persönlichen, familiären Betroffenheit im engeren Sinne bestimmt. Diese zeitliche Distanz führt fast zwangsläufig auch zu einer emotionalen Distanz, die sich – wie bereits erwähnt – sowohl positiv als auch negativ auswirken kann. Für die Enkel und Urenkel ist der Nationalsozialismus längst Geschichte, die mit ihrem eigenen emotionalen Bezugssystem wenig zu tun hat und von der sie daher oft nichts mehr wissen wollen. Das zeigt sich in einer oft demonstrativ zur Schau getragenen Gleichgültigkeit gegenüber der NS-Zeit und der Klage einer „Übersättigung“ zum Thema Nationalsozialismus.

Auch das Familiengedächtnis spielt bei der Tradierung von Nationalsozialismus längst nicht mehr die zentrale Rolle, sondern die populärkulturellen Verarbeitungsformen gewinnen zunehmend an Relevanz. Das Bild vom Nationalsozialismus in der jungen Generation ist sehr stark durch Spielfilme und diverse TV-History-Formate geprägt, die zwar mit einem kritischen Habitus operieren, gleichzeitig aber vor allem auf Emotionalisierung und/oder Identifikation abzielen. Der Fokus liegt dabei oft auf dem „Leid der Deutschen“ (Stichwort: Bombenkrieg, Flüchtlinge, Vertriebene…), das Empathie und Verständnis evoziert, allerdings mit der fatalen Konsequenz, dass die Grenzen zwischen den Tätern und Opfern wieder zunehmend verschwimmen. Diese Medialisierung geht einher mit einer ausgeprägten, mittlerweile selbstverständlich gewordenen Gedenkkultur, die einen hohen symbolischen Wert hat, aber aufgrund ihrer stark ritualisierten, oft moralisierenden Form für die jüngere Generation wenig attraktiv erscheint. Ich sehe diese Entwicklung der Emotionalisierung, Trivialisierung und Moralisierung durchaus kritisch, da sie einem differenzierten und kritisch-reflektierten Zugang zum Thema Nationalsozialismus abträglich ist und wenig Erkenntniswert birgt.

Das Interview wurde im April 2015 von Birte Hewera, pädagogische Mitarbeiterin von Yad Vashem, geführt.

Margit Reiters Buch „Die Generation danach. Der Nationalsozialismus im Familiengedächtnis“ erschien 2006 im Studienverlag.

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