Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

„Politik und Pädagogik waren bisher nicht in der Lage, das Problem richtig zu verstehen oder pädagogische Konzepte zu entwickeln, um diese Gruppen zu erreichen.“

Interview mit Ahmad Mansour

Das Interview wurde von Romina Wiegemann geführt.

Diplompsychologe Ahmad MansourDiplompsychologe Ahmad Mansour

Ahmad Mansour (38) stammt aus Israel und ist in der arabischen Stadt Tira aufgewachsen. Sein Studium der Psychologie, Philosophie und Soziologie hat er an der Universität Tel Aviv absolviert. Seit über zehn Jahren lebt und arbeitet Ahmed Mansour in Berlin. Neben seiner Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Zentrum für demokratische Kultur arbeitet der gefragte Referent im Rahmen verschiedener Sozialprojekte gegen Radikalismus mit muslimischen Jugendlichen und Erwachsenen zusammen. Hervorzuheben ist seine Tätigkeit als Gruppenleiter bei HEROES. Das Projekt richtet sich an deutsche Jugendliche aus ehrenkulturell geprägten Milieus und hat zum Ziel, Gleichberechtigung und Selbstbestimmung zu fördern. Für sein Engagement erhielt Ahmad Mansour im vergangenen Jahr den Ramer Award for Courage in the Defense of Democracy des American Jewish Committee und den Moses Mendelsohn Preis der Stadt Berlin

Herr Mansour, wir haben in Europa einen Sommer hinter uns der, parallel zur kriegerischen Auseinandersetzung zwischen der Hamas und Israel, von einer massiven Welle antisemitischer Ausschreitungen und Agitation gekennzeichnet war. Wenn junge Muslime im Jahr 2014 in Berlin über den Kurfürstendamm marschieren, um „Hamas, Hamas, alle Juden ins Gas“ zu skandieren, was ist da, erst einmal salopp gefragt, schiefgelaufen?

Das Problem hat nicht erst im Sommer 2014 angefangen. Innerhalb der muslimischen Gesellschaft existiert Antisemitismus seit vielen Jahren. Bislang haben die muslimischen Vereine keinerlei Motivation gezeigt, diesem Problem zu begegnen. Zum Teil haben manche Moscheen und Vereine bestimmte antisemitische Haltungen sogar verstärkt. Unter Jugendlichen mit muslimischem, türkischem und arabischem Hintergrund sind Verschwörungstheorien, „Jude“ als Schimpfwort oder die Annahme, dass Juden ein von Gott verfluchtes Volk darstellen, seit Jahren sehr verbreitet. Politik und Pädagogik waren bisher nicht in der Lage, das Problem richtig zu verstehen oder pädagogische Konzepte zu entwickeln, um diese Gruppen zu erreichen.

Die Wochenzeitschrift „Die Zeit“ hat im Jahr 2010 400 Menschen mit deutschtürkischem Hintergrund befragen lassen. Fast 68 Prozent der Befragten räumen ein, »eher wenig« oder »fast nichts« über den Holocaust zu wissen. Gleichzeitig sagen 43 Prozent, die intensive Beschäftigung der Deutschen mit ihrer Geschichte sei ein Zeichen „von Schwäche“. Wie interpretieren Sie diese Erkenntnisse und Zahlen?

Die pädagogischen Konzepte, die uns in Deutschland zur Verfügung stehen, sind sehr auf die deutsche Perspektive fokussiert. Sie können muslimische Jugendliche emotional nicht erreichen, und daher fragen sich diese Jugendlichen oft, was der Holocaust überhaupt mit ihnen zu tun hat. Die antisemitischen Einstellungen dieser Gruppe haben sehr viel mit dem Nahostkonflikt, Verschwörungstheorien und islamistischen Inhalten zu tun. Es ist sehr wichtig, Konzepte zu entwickeln, um auch diese Jugendlichen emotional anzusprechen. Der Nahostkonflikt muss differenziert als Lerngegestand in der Schule vermittelt werden. Wenn das nicht geschieht, werden bestimmte Aspekte des Nahostkonflikts von radikalen Kräften weitergegeben und dies geschieht dann nicht auf differenzierte Art und Weise.

Sie sind in Israel aufgewachsen, haben dort die Schule besucht und an der Universität Tel Aviv studiert. Wie sind Sie dem Thema Shoah dort begegnet?

Ja, ich habe in Tel Aviv studiert und bin sehr dankbar dafür. Das Thema Shoah ist nicht nur in Israel wichtig. Denn bei der Beschäftigung mit der Shoah geht es vor allem um Menschlichkeit! Leider habe ich mich während meiner Schulzeit, aufgrund von radikalen Einstellungen, die ich damals vertreten habe, nicht emotional mit dem Thema Shoah auseinandergesetzt. Das kam erst später, an der Uni, als ich Menschen kennenlernen durfte, die persönlich betroffen waren. Durch diese Begegnungen und durch die Lektüre von Büchern über die Shoah habe ich mich intensiv mit dem Thema beschäftigt.

Was muss der deutsche Geschichtsunterricht leisten, um muslimische Jugendliche in den Holocaust-Diskurs einzubeziehen? Ist es sinnvoll, die Rolle der Herkunftsländer zur Zeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung in Europa stärker in den Fokus zu rücken? Schließlich fanden in den meisten islamischen Ländern - anders als in Europa - keine gezielten Ermordungen von Jüdinnen und Juden oder Deportationen in Todeslager statt.

Wir müssen einen biografischen Ansatz wählen. Diese Jugendlichen gehören zu Europa. Sie sind Produkte dieser Gesellschaft. Lehrer müssen das Thema Holocaust weiterhin ausführlich bearbeiten, sie müssen aber auch dazu in der Lage sein, diese Jugendlichen mit einzubeziehen. Auch der Nahostkonflikt, sogenannte Verschwörungstheorien sowie die Rolle der Religion müssen unbedingt angesprochen werden.

Oft versuchen die Lehrkräfte aber gerade diese Themen zu vermeiden, um den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern nicht in die Klassen zu tragen. Auch gegenwärtiger Antisemitismus wird aus Angst vor Reaktionen der Eltern und Schülerinnen und Schülern ausgespart. Was kann man dagegen tun?

Ja, das stimmt. Lehrer haben aber nicht nur Angst. Sie wissen oft einfach nicht wie sie diese Aspekte im Klassenraum ansprechen sollen! Wieviele Lehrkräfte wissen denn überhaupt, was in der Region eigentlich los ist, und wieviele kennen sich tatsächlich mit dem Konflikt oder Israel bezogenem Antisemitismus aus? Der Holocaust muss weiterhin Bestandteil der pädagogischen Auseinandersetzung sein. Gleichzeitig müssen wir uns überlegen, wie wir Jugendliche besser erreichen können. Wieviele dieser Jugendlichen fahren nach Auschwitz? Kaum jemand. Wieso eigentlich?

Vielen Dank für das Interview!

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