Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

Interview mit Liz Elsby


Das Interview mit Liz Elsby wurde von Kilian Nussbaum geführt.


Kilian: Kannst du uns etwas über deine persönliche Beziehung zum Thema Holocaust erzählen?
Liz: Mein eigener Bezug ist, dass meine Großeltern väterlicherseits im Jahr 1915 in die Vereinigten Staaten zogen. Den Rest ihrer Familien ließen sie zurück in Weißrussland und Lettland. Die ganze Familie, die in Europa blieb, die Großeltern meines Vaters eingeschlossen, wurde im Holocaust umgebracht. Die Familie meiner Mutter stammt aus Ungarn. Sie kamen alle zusammen nach Amerika in den 1890er Jahren und so geschah nichts mit dieser Seite meiner Familie. Ich bin also eine gebürtige Amerikanerin. Nach Israel kam ich 1984, als ich 20 Jahre alt war. 1984 kam ich als Zionistin nach Israel, besuchte die Kunsthochschule Bezalel und diente in der Armee. Ich interessierte mich schon immer sehr für den Holocaust. Ich arbeitete als freiberufliche Künstlerin, Designerin und Illustratorin. 2006 begann ich meine Arbeit bei Yad Vashem, was eine großartige Möglichkeit für mich ist. Ich kann nun den Holocaust lehren und mich gleichzeitig künstlerisch mit ihm auseinandersetzen.

Kilian: Warst du schon einmal in Europa?
Liz: Ja. Ich reiste eine Woche durch Polen und nahm außerdem an einem zweiwöchigen Seminar im Auschwitz-Birkenau State Museum teil. 1992 besuchte ich einer Kunstausstellung "New Art From Israel" in Norddeutschland und in Frankfurt war ich auf der Buchmesse.

Kilian: Wer hatte die Idee für den Stundenentwurf „5 Gedichte 5 Bilder“ und wie wurde das Projekt realisiert?
Liz: Es war Jacky Metzger, der auch in Yad Vashem arbeitet. Jacky fragte mich, weil ich als Grafikdesignerin bei Yad Vashem arbeite, ob ich nicht einige passende Fotos finden könne. Da fragte ich ihn: „Warum soll ich Bilder finden? Ich kann doch selber Bilder malen, die direkt zu den Gedichten passen". Das hielt er für eine gute Idee und so kamen wir überein.

Kilian: Wie viel Zeit nimmt das Malen eines Bildes in Anspruch?
Liz: Normalerweise zwei bis drei Stunden.
Bevor ich male, dauert es für gewöhnlich ein paar Tage um mir Gedanken zu machen, worauf es hinauslaufen soll. Ich wollte eine satte, ergiebige Farbart und -technik finden, welche den Bildern eine besondere Atmosphäre verleihen. So dachte ich nach und als ich dann schließlich ans Werk ging, dauerte es gar nicht mehr so lange.

Kilian: Hast du dich nur von den Gedichten inspirieren lassen oder hat dich dein Wissen über die Hintergründe der Autoren ebenso beeinflusst?
Liz: Oh, ich denke es waren eher die Gedichte. Ich arbeitete basierend auf den Wörtern und den Gefühlen, die die Gedichte in mir erweckten. Ich würde sagen, dass mein Wissen über den historischen Kontext an sich noch eine Rolle gespielt hat.

Kilian: Das leitet über zu meiner nächsten Frage: Hilft Zeichnen dir dabei, deine Gefühle zum Holocaust zu verarbeiten?
Liz: Malen und Zeichnen. Wenn ich male oder mit Grafiken arbeite, beschäftige ich mich mit ihnen. Mir kommt es oft so vor, als würde mir etwas anvertraut werden. Ich habe große Freiheiten in Yad Vashem mit Fotos zu arbeiten und ich muss sie benutzen! Sie inspirieren mich sehr, aber ich muss verantwortungsbewusst mit ihnen umgehen. Ich mag es nicht, sie farbig zu machen und sie zu sehr zu manipulieren, aber es gibt mir auch die Möglichkeit, mich selbst auszudrücken. Zum Beispiel benutze ich sie in Powerpoints. Ich benutze originale Fotos, umrahme sie und gebe ihnen einen Hintergrund. Weil ich das Privileg habe, mit solchen Bildern arbeiten zu dürfen, möchte ich sie nutzen um ihnen ein wenig Leben zurückzugeben. Ich finde sie im Archiv meistens in schwarz-weiß. Ich habe für alle Bilder für diesen StundenentwurfWasserfarben, Öl und Zucker benutzt.

Kilian: Zucker?
Liz: Ja, ich machte jedes Bild sehr nass und streute Zucker auf sie. Daraus entsteht dieser Effekt, den ich sehr interessant finde.
Zuerst mache ich das und dann zeiche ich die Figuren drumherum. Das ist das eine. Zum anderen benütze ich Öl, was auch für sehr intreressante Effekte sorgt. Für mich sind die Augen besonders wichtig. Wenn ich Holocaust-Zeichnungen mache, zeichne ich oft die Augen so als wären sie leer. Augen sind so ausdrucksstark. Wenn man den inneren Teil wegnimmt, haben sie etwas packendes, tief bewegendes. Darum arbeite ich so viel mit den Augen.
Auf dem Bild zu Pavel Friedmans Gedicht wollte ich, dass der Schmetterling heraussticht. Ich nahm Papier und riss die Form eines Schmetterlings heraus und klebte ihn auf das Bild. Für den Rest benutzte ich unter anderem Farbstifte. Das ging ziemlich schnell. Es ist nicht die Art Kunst über die man sich im voraus viele Gedanken macht. Sie kommt vom Herz, nicht vom Kopf.

Kilian: Was sehen wir auf den Bildern, was symbolisieren sie?
Liz: Ich wollte einen sehr impressionistischen Blick auf das Ghetto. Alles sollte dunkel sein, so wie ein Kind im Dunkeln sieht, kein grün in der Nacht. Und dann dieser Schmetterling, der quasi ausbricht und fast aus dem Bild flüchtet. Wenn der Schmetterling erst mal aus dem Bild heraus ist, wird nur noch diese Dunkelheit sein. Kennst du Uri Orlev? Er ist einer der großen israelischen Autoren und er war auch im Warschauer Ghetto. Er schrieb "Die Insel in der Vogelstraße". Als ich noch eine Studentin an der Kunsthochschule Bezalel in Jerusalem war, durften wir sein Buch illustrieren. Ich hielt schwarz-weiß Illustrationen für angebracht. Als ich fertig war, war ich sehr stolz und pinnte sie an die Wand. Uri Orlev sah sie und war gar nicht zufrieden. Ich fragte ihn "Warum? Was ist falsch an ihnen?". Er sagte: "Das sind schwarz-weiß Bilder. Ich aber sehe den Holocaust farbig". Seit dem versuche ich meine Bilder farblich zu gestalten. Original Fotos selber coloriere ich hingegen nie.
Das Bild zu dem Gedicht von Niemöller kann man auf dem Bildschirm besser sehen. Ich mag es meine Bilder zu scannen. Dann haben sie oft eine ganz andere Dimension. Das Scannen macht sie sehr rein und das Licht wird lebendiger.
Für dieses Bild habe ich versucht mich in die Lage des Sprechers zu versetzten und zu fühlen, was er wohl fühlen mochte, als er diese Gruppe von Menschen mit ihren dunklen Gesichtern hinter sich hatte. "Als sie mich holten..", so erlebe ich die Worte, sie kommen um mich zu holen mit ihren Knüppeln, so sehe ich diese Worte.
Das Gedicht von Paul Celan war das schwierigste Gedicht für mich, weil dieses Bild, das Paul Celan mit seinen Wörtern beschreibt, sehr schwierig ist. Celan ist schwer zu verstehen. Er ist schwer zu verstehen. Man muss sich richtig bemühen, um zu verstehen, was er meint.
Mit dem Gedicht von Sh'ma will der Autor diejenigen erreichen, die den Holocaust nicht selber erlebt haben. Es ist ein Aufruf Zeuge zu sein. Ich malte diese Figur, die eine andere dazu drängt nach vorne zu sehen. Es ist diese Geste, die uns dazu auffordert zu sehen. Die Augen sind in der Mitte leer. Wir werden immer diese Menschen hinter uns haben, die uns auf den Holocaust hinweisen. Primo Levi redet über die Tatsache, dass wir sehen, erkennen und erinnern müssen.

Kilian: Wenn ich richtig verstehe, sind die Personen im Hintergrund Holocaust-Überlebene?
Liz: Eher die Toten. Sie sind mit uns, auch wenn sie nicht wirklich da sind. Ihr Erbe ist etwas, das uns immer erinnern lassen wird. Kinder fassen einem manchmal ins Gesicht und sagen: "Guck da!". Das ist das, was Primo Levi meiner Meinung nach mit dem Gedicht sagen will.

Kilian: Also symbolisiert die vordere Person unsere Generationen?
Liz: Richtig. Aber ich glaube, Primo Levi will auch diejenigen ansprechen, die Mitläufer waren oder die, die nichts gegen den Holocaust unternahmen. Aber mein Bild soll eher zeigen, dass auf unseren Schultern eine Verantwortung liegt, die wir in die Zukunft tragen müssen, wenn es bald keine Holocaustüberlebenden mehr geben wird.
In Bezug auf das Bild zu Dan Pagis habe ich eine Mutter, eine Art Madonna gezeichnet. Ich malte ihre Arme, als würden sie das Kind nicht richtig halten. Sie versucht, etwas zu halten, was sie nicht halten kann. Das ist einer der Schrecken des Holocaust: Eltern konnten ihre Kinder nicht beschützen. In ein paar Minuten wird ihr das Kind weggenommen. Es guckt in eine andere Richtung, aber die Mutter schaut zu uns. Mutter und Kind werden nicht überleben. Jetzt stehen wir an der Stelle der Verantwortlichen und sie sieht uns bittend an. Die Arme halten nicht richtig fest. So wie nichts die beiden zusammenhalten kann und nichts diesen Schrecken stoppen kann. Das ist die Tragödie. Das Bild zieht auf gewissen Weise einen Vergleich mit dem Symbol der Jungfrau Maria, die den lachenden Jesus sicher im Arm hält. Hier sehen wir das Gegenteil, die jüdische Maria, deren Kind nicht überleben wird.

Kilian: Vielen Dank!


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