Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

„Was wird unser Vermächtnis sein?“
„Kristallnacht“: Der 9. November 1938 – seine Vorgeschichte und die Folgen

Zeremonie

Idee und Redaktion: Dr. Susanne Urban
Zielgruppen u.a.: Schüler der Klassenstufen 9-13, gleichaltrige Jugendliche in der außerschulischen Bildung, kirchliche Jugendgruppen
Dauer: 30 Minuten

An die Pädagogen
Einleitung in das Konzept

Es wird empfohlen, die Zeremonie erst im Anschluss an eine Unterrichtseinheit zum Thema Nationalsozialismus/Judenverfolgung zu veranstalten. Wenn zwischen Auseinandersetzung mit dem Thema und der Zeremonie auf Grund der Lehrplanstruktur einige Wochen oder Monate liegen, ist dies nicht problematisch.

Eine inhaltliche Vorbereitung ist z.B. unter Einbeziehung der pädagogischen Einheit „Doch die Geschichte endete anders…“ möglich. Es handelt sich hierbei um Arbeitsmaterialien (Plakatserie und Begleitbuch) zum Novemberpogrom 1938 („Kristallnacht“), herausgegeben durch die Internationale Schule für Holocaust-Studien/Europa-Abteilung (Yad Vashem, 2005).

Grundgedanke der Zeremonie
Die oft als „Kristallnacht“ bezeichneten Ausschreitungen gegen Juden, ihre Geschäfte, Büros und Wohnungen und nicht zuletzt gegen die Synagogen und Betstuben in Deutschland und Österreich im November 1938 bedeuteten eine offene und zugleich öffentliche Brutalisierung der antijüdischen Politik der Nationalsozialisten. Die Zerstörung jüdischer Einrichtungen, die vielen Hundert verwüsteten Geschäfte, die Demütigung, aber auch die spontane Ermordung von Juden sowie die Verschleppung von knapp 30.000 männlichen Juden in Konzentrationslager waren für die noch im „Deutschen Reich“ lebenden Juden ein Schock. Auch jene Juden, die bis dahin allen innenpolitischen Entwicklungen zum Trotz noch an ein irgendwie geartetes Leben in Deutschland geglaubt hatten, forcierten nun die Auswanderung.
In der deutschen Geschichte und im historischen Bewusstsein der Deutschen ist der 9. November vielfältig besetzt – von der Ausrufung der Weimarer Republik 1918, dem nationalsozialistischen Marsch auf die Feldherrenhalle in München 1923 über die Novemberpogrome – die so genannte „Kristallnacht“ – 1938 bis hin zum Fall der Mauer der DDR 1989. In Umfragen und Erfahrungsberichten hat sich gezeigt, dass der 9. November noch immer ein zentraleres Datum für Gedenkveranstaltungen, die Erinnerung an die Vorgeschichte des Holocaust und den Mord an den Juden ist als der nationale deutsche Gedenktag am 27. Januar.
Unabhängig von dem Datum im November und damit verbundener Erinnerungszeremonien wird auf die Ereignisse des Pogroms 1938 oftmals ein besonderes Schlaglicht geworfen, wenn während des Unterrichts die Einheit zum Nationalsozialismus und der Judenverfolgung auf der Agenda steht. Dies liegt daran, dass über den Novemberpogrom wie kaum über ein anderes Ereignis der Judenverfolgung bis zu den Deportationen ein konkreter regionaler Bezug hergestellt werden kann, der den Schülern verdeutlicht, dass die Judenverfolgung auch vor Ort, in der Umgebung ihrer eigenen Lebenswelt stattfand. Spuren dieser Tage der Zerstörung und Verfolgung sind zumeist sichtbar – u.a. Gedenksteine für niedergebrannte Synagogen oder Häuser, die einst als Synagogen dienten.
Um den Unterricht zu gestalten, liegen viele Publikationen vor, in denen die Vorgeschichte und Abläufe – die Systematik – der Novemberpogrome detailliert vorgestellt werden. Der Schwerpunkt liegt dabei jedoch oft nicht auf den Erfahrungen der jüdischen Opfer. In Yad Vashem werden vor allem die jüdische Binnensicht und damit ein Gefühl für das jüdische Leben vor und während des Holocaust vermittelt.
Ausgehend von dem pädagogischen Modell der Internationalen Schule für Holocaust-Studien in Yad Vashem/Israel wurde auch die Ihnen vorliegende Zeremonie erarbeitet. Der vollständige Text des pädagogischen Konzepts ist in deutscher Sprache abzurufen unter: www.yadvashem.org

Organisatorischer Rahmen der Zeremonie

Mögliche Räumlichkeiten und Orte
a) Klassenraum oder Schulaula.
b) Versammlung an einem Gedenkstein an der Stelle einer während des Pogroms zerstörten Synagoge oder an einem Denkmal zur Erinnerung an die vertriebenen und ermordeten Juden im eigenen Ort oder der eigenen Region.

Aufgaben der Schüler
Die Klasse oder Gruppe, die die Organisation der Zeremonie übernimmt, befasst sich mit den Materialien und wird die Zeremonie aktiv gestalten.
Sie teilen sich die Aufgabe des Vorlesens und der Präsentation der Materialien. Auch braucht es jemanden, der die anderen Teilnehmenden dazu ermuntert, sich im Anschluss an die Zeremonie ebenfalls aktiv zu beteiligen, beispielsweise durch das gemeinsame Anzünden von Kerzen oder das Niederlegen von Steinen zur Erinnerung an die Toten.
Anleitungen zur Gestaltung der Zeremonie sind in Form der zwischen den einzelnen Blättern vorhandenen Einschübe unter dem Titel „Liebe Jugendliche!“ vorhanden.

Struktur der Zeremonie

A) Eröffnung der Zeremonie
B) Jüdisches Leben in Deutschland 1933 bis 1938
C) Der Novemberpogrom 1938 – „Kristallnacht“ im Deutschen Reich
D) Wie erinnern wir uns heute, wenn wir an die „Kristallnacht“ des Jahres 1938 denken?
E) Abschluss

Liebe Jugendliche!

Ihr möchtet mit einer Zeremonie an die Geschehnisse um den 9. November 1938 – die „Kristallnacht“ – erinnern.
Dafür haben wir euch Texte und weiterführende Ideen zusammengestellt.

Überlegt euch zunächst, wo ihr eine solche Zeremonie abhalten möchtet.

  1. In eurer Schule – in einem Klassenraum oder der Aula
  2. An einem Denkmal zur Erinnerung an die zerstörte Synagoge in eurer Stadt oder Gemeinde.
  3. An einem Denkmal zur Erinnerung an die vertriebenen und getöteten Juden eurer Stadt oder eurer Gemeinde.

Je nach Entscheidung könnt ihr nun anfangen, die Zeremonie zu organisieren.
Tipp: Gebt, egal wo ihr die Zeremonie abhalten werdet, das Datum in eurer Schule oder sogar der örtlichen Presse bekannt. Bittet eure Lehrer, euch dabei zu helfen. Das sorgt für Aufmerksamkeit!

Zu 1. Bereitet den Raum, in dem die Zeremonie stattfinden wird, vor. Mit Dekoration und vielleicht auch der Möglichkeit, Musik abzuspielen.

Zu 2./3. Schaut euch vor der Zeremonie das Denkmal an, besprecht, ob ihr gegebenenfalls ein Mikrofon und einen Verstärker benötigt oder ob ihr auch ohne diese Hilfen zu hören seid, wenn sich Menschen dazustellen und zuhören möchten.

Bereitet euch nun mit Hilfe der Texte und Fotos auf die Zeremonie vor, verteilt die Texte – entscheidet, wer welchen Text liest. Übt das Vorlesen gemeinsam, sagt euch untereinander, wer wo besser betonen sollte, wo man Pausen machen muss usw.
Umfangreiche Texte könnt ihr auch zu zweit lesen.
Die Quellenangaben unter den Zitaten braucht ihr nicht mitlesen, die sind nur mit abgedruckt, damit ihr wisst, wo wir die herhaben und wo ihr mehr zum Thema finden könnt.

Die Fotos für das vorletzte Kapitel der Zeremonie könnt ihr entweder ausdrucken und scannen oder auf Folien kopieren, um sie im Schulraum oder der Aula an die Wand zu projizieren.
Oder ihr könnt sie auf ein größeres Format groß kopieren, um sie für die Zeremonie im Freien zu verwenden.

A) Eröffnung

Am 9. und 10. November 1938 brannten überall in Deutschland, Österreich und dem annektierten Sudetenland Synagogen.
Die „Kristallnacht“ hatte begonnen und wurde von den Nazis als „spontane Reaktion“ auf das Attentat auf Ernst vom Rath in der deutschen Botschaft in Paris bezeichnet.
Der Attentäter von Paris hieß Herschel Grynszpan und war Jude. Seine Familie war zusammen mit weiteren knapp 17.000 polnischen Juden Ende Oktober 1938 aus Deutschland ausgewiesen worden. Der 19-jährige Herschel war angesichts der Situation seiner Familie verzweifelt und hatte deshalb das Attentat verübt.
Für die Nazis war der Anschlag willkommener Grund für ein bereits länger geplantes Pogrom.

Der damals 11-jährige Josef Linser hatte während der „Kristallnacht“ schreckliche Angst
„Es herrschte eine Atmosphäre des Terrors, ich rannte nach Hause und ging nicht mehr vor die Tür. … Die Polizei kam und verhaftete Juden – ich weiß nicht, ob sie im Besitz von Listen waren oder nicht. Mehrere Angehörige meiner Familie wurden abgeholt, darunter mein Onkel und mein Vetter. Sie wurden später in Dachau eingesperrt.“

[Yad Vashem Archiv 03.8966 (Original hebräisch).]

Wir möchten an die Ereignisse der „Kristallnacht“ erinnern.
Wir werden die jüdischen Zeitzeugen sprechen lassen und an ihr Schicksal erinnern.

B) Jüdisches Leben in Deutschland 1933 bis 1938

Was war in den Jahren 1933 bis 1938 geschehen?
Die NSDAP hatte unmittelbar nach der Machtübernahme am 30. Januar 1933 mit der Verhaftung politischer Regimegegner und ihrer Internierung in Konzentrationslagern begonnen.
Auch dem Hass gegen Juden ließen die Nazis freien Lauf.
Am 1. April 1933 riefen die Nazis zum Boykott gegen jüdische Geschäfte auf. Später kam es zu vielen Zwangsverkäufen jüdischer Geschäfte an Deutsche – zumeist weit unter Wert. Das nannte sich „Arisierung“.
Am 15. September 1935 wurden die antijüdischen „Nürnberger Gesetze“ erlassen. Juden wurde immer mehr verboten. In öffentlichen Parkanlagen gab es sogar spezielle Bänke „Nur für Juden“. Insgesamt wurden im „Dritten Reich“ rund 2.000 antijüdische Gesetze und Verordnungen verabschiedet.
Viele Juden versuchten aus Deutschland zu fliehen. Von den 550.000 in Deutschland lebenden Juden konnten bis Ende 1939 ungefähr 165.000 auswandern.

Wir denken heute vor allem an die vielen jüdischen Kinder und Jugendliche, deren Welt sich von einem Tag auf den anderen geändert hatte. Ihre nichtjüdischen Klassenkameraden wandten sich ab von ihnen. Zuhause fanden sie verzweifelte Eltern vor. Sicherheit gab es nicht mehr.

Jüdische Stimmen

Lucille Eichengreen, 1925 geboren, über ihre Schulzeit
„Nach 1933 veränderte sich die Stimmung. Es gab Beschränkungen und hässliche Zwischenfälle. Wenn wir zur Schule gingen, schlugen Kinder auf uns ein. Kinder schrieen uns hinterher und machten gemeine Bemerkungen. Wir bekamen gesagt, wir sollten uns in der Straßenbahn unauffällig verhalten. … Es war schwierig, unter solchen Umständen zu lernen. … Meine Noten waren nicht gerade die besten und meine Eltern heuerten einen Nachhilfelehrer für Mathematik, Englisch, Grammatik an und es ging ein wenig bergauf, aber ich war kein sorgloses, glückliches Kind mehr. Ich habe viel geweint, ich hatte viele Albträume und es war keine gute Kindheit. Meine Eltern versuchten ihr Möglichstes – es gab keinen Grund zu glauben, dass nicht alles da war, aber die Atmosphäre von außen war so übermächtig, dass es nicht vorbeiging. Diese Stimmung war immer da. … Die Nachbarn hörten auf mit uns zu sprechen und die Kinder rannten uns hinterher.“

[Lucille Eichengreen, Yad Vashem Archiv, 03/9556]

Marta Appel über die Schulzeit ihrer zwei Töchter
„Zum Muttertag hatten die Schüler im Chor Lieder eingeübt, denn dieser Tag wurde jedes Jahr mit einem großen Schulfest gefeiert. Am Tag vor dem Fest mussten meine Töchter zur Musiklehrerin kommen. ‚Ihr müsst am Schulfest teilnehmen, aber mitsingen dürft ihr natürlich nicht, da ihr nicht arisch seid.’ Die Kinder protestierten mit Tränen in den Augen. ... Anscheinend wollte die Lehrerin die Gefühle der Kinder nicht verstehen. So sagte sie nur kurz und von oben herab: ‚Ich weiß, dass ihr auch eine Mutter habt, aber sie ist ja nur eine jüdische Mutter.’“

[Marta Appel, in: Monika Richarz (Hrsg.), Jüdisches Leben in Deutschland, Bd.3, Selbstzeugnisse zur Sozialgeschichte 1918-1945, Stuttgart 1982, S. 439.]

Aus der Jugendbeilage des Israelitischen Familienblattes, 23. April 1936
In der Zeitung wurde jüdischen Kindern die Frage gestellt: „Was möchtest du einmal werden?“
Der 9-jährige Gerd Lewy aus Berlin antwortete:
„Ich möchte einmal Koch werden. Ich bin interessiert an allen hauswirtschaftlichen Dingen, vor allem aber am Kochen. Ich habe schon oft und ganz alleine Salzkartoffeln und Bratkartoffeln gemacht. Vielleicht werde ich eines Tages ein Koch auf einem Ozeanriesen sein, der nach Amerika oder nach Palästina fährt. Mein kleiner Bruder sagt, er will dann Kellner werden und wir werden zusammen ein Restaurant eröffnen. Mein Bruder heißt Axel und ist sechs Jahre.“

C) Der Novemberpogrom 1938 – „Kristallnacht“ im Deutschen Reich

Am 9. und 10. November kam es zu einem organisierten Pogrom gegen die Juden in Deutschland.
Während der Ausschreitungen wurden rund 1.000 Synagogen im Gebiet des Deutschen Reichs in Brand gesetzt oder zerstört und etwa 7.000 jüdische Geschäfte und kleine Läden demoliert.
Hunderte Privatwohnungen wurden verwüstet oder beschädigt.
Die zerschlagenen Scheiben und die mit Glassplittern übersäten Straßen gaben den Ausschreitungen wohl den Namen „Kristallnacht“.
Der Novemberpogrom 1938 geschah vor den Augen der deutschen Bevölkerung.
Nach offiziellen Angaben wurden während des Pogroms 91 Juden getötet, viele weitere Juden starben in den folgenden Wochen oder verübten Selbstmord.
Fast 30.000 jüdische Männer und männliche Jugendliche wurden für Wochen oder Monate in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen verschleppt. Hunderte kamen nicht mehr frei, sondern starben dort.
Die Ereignisse im November machten deutlich: Juden waren in Deutschland nicht mehr erwünscht.
Alle noch bestehenden jüdischen Organisationen und Einrichtungen wurden aufgelöst. Jüdische Kinder wurden von öffentlichen Schulen gewiesen.
So ging es immer weiter. 1940 wurden die ersten Juden aus dem „Deutschen Reich“ verschleppt. Der Holocaust hatte begonnen.

Liebe Jugendliche!

An dieser Stelle wäre es schön, wenn ihr einen kleinen Ergänzungstext verlesen könntet, der an die Ereignisse bei euch im Ort erinnert.
Euer Lehrer weiß bestimmt, ob es eine jüdische Gemeinde in eurer Stadt gegeben oder wo eine Synagoge gestanden hat, wie viele Juden früher in der Stadt oder Gemeinde gelebt haben, wie viele auswandern konnten und wie viele im Holocaust umkamen.

Lest dann z.B. einen Text in der folgenden Art vor:

Tipp: Auch bei uns in der Stadt/im Ort gab es damals Juden. Hier könnt ihr die Zahl der Juden nennen. Sie wurden, wie alle anderen Juden in Deutschland auch, ausgegrenzt, isoliert und verfolgt. Ihre Läden wurden ihnen weggenommen und sie lebten in Angst. XX Juden konnten bis 1938 auswandern, aber zum Zeitpunkt der „Kristallnacht“ lebten immer noch XX Juden in unserer Stadt/im Ort. Die traurige Bilanz: XX Juden aus unserer Stadt/unserem Ort wurden während des Holocaust getötet.

Zeitzeugen

Erinnerung von Hillel Schechter aus Leipzig
„Ich wusste nicht genau, was geschehen war und fuhr auf meinem Rad zur Schule. Ich war fast dort, als ich einen anderen Juden traf, der mich fragte: ‚Was tust du hier draußen auf der Straße?’ Ich antwortete, ich sei auf dem Weg zur Schule. Er fragte: ‚Weißt du nicht, was los ist? … Fahr bloß nach Hause. Es gibt ein Pogrom gegen uns Juden!’ Glücklicherweise war ich nicht weit weg von Zuhause und es gelang mir, unversehrt zurückzukehren. Ich sah währenddessen aber alles, was geschah. … Das übliche Bild waren schreiende SA- und SS-Männer, darunter auch solche in Zivil. … Sie stürmten ein Haus nach dem anderen. Sie wussten, dass dieses Viertel von vielen Juden bewohnt wurde. … Zuhause angekommen, saß ich hinter der Gardine, schaute heraus, hörte Schreie und sah, wie sie Juden schlugen und sie herumschubsten. Sie hatten Listen aller Juden und brachten sie in die Konzentrationslager. Alle meine Onkel wurden nach Buchenwald gebracht. Die Nazis gingen in jedes Haus, warfen die Möbel aus den Fenstern, schlugen die Menschen. Eine Gruppe kam auch in unser Haus. Meine Mutter versteckte mich in einem Schrank. Sie hatte Angst, ich würde geschlagen werden. … Nachdem sie an unserer Wohnung angekommen waren, begannen sie die Eingangstür aufzustemmen. … Was uns rettete, war eine Familie über uns, mit drei Söhnen – die sich der SA in den Weg gestellt hatten. So rief der SA-Mann über uns um Unterstützung und das hat uns gerettet. Die Jungen über uns wurden schließlich nach langem Kampf verhaftet. Sie waren schrecklich zugerichtet worden … Wir blieben drei Tage in unserer Wohnung. Wir trauten uns nicht, Licht anzumachen. Wir verhängten die Fenster. Wir wussten nicht, was werden würde. … Ich begann dann eine Umschulung zum Schmied, um mich auf die Auswanderung vorzubereiten, gleich ob nach Palästina oder in ein anderes Land. … Auch verwendete ich viel Zeit darauf, meinen Eltern bei der Vorbereitung der Auswanderung zu helfen. … Das Jahr 1939 kam, ich war 16 Jahre. … Im März 1939 mussten wir unsere Wohnung räumen. Wir mussten einen Raum zusammen bewohnen. … Ich verließ Leipzig Richtung London Ende Juli 1939 mit einem Kindertransport. … Der Abschied von meinen Eltern und meiner Schwester war sehr schwer. Wir hatten das Gefühl, uns nie wiederzusehen. … Soweit ich weiß, ist meine ganze Familie im Holocaust umgekommen. Mein Vater starb irgendwann 1940 im KZ Sachsenhausen. Meine Schwester und meine Mutter wurden im Mai 1942 von Leipzig in das Vernichtungslager Belzec deportiert. … Sie alle verschwanden."

[Hillel Shechter, Yad Vashem Archiv 03.9059 (Original englisch).]

Erinnerung von Benjamin Sommer aus Mannheim
„Dann kam die ‚Kristallnacht’. … Niemand wusste was Genaues. … Wir wussten von dem Attentat. .. Wir wussten, sie würden sich rächen, wir wussten, sie würden irgendetwas tun, aber dass es annähernd so etwas geben würde wie die ‚Kristallnacht’, hatte man sich in seinen schlimmsten Träumen nicht vorstellen können. Es war schrecklich. … Die Situation veränderte sich von einem Moment zum Nächsten. … Unten, in unserem Haus, zerschlugen sie alle Schaufenster. … Morgens schloss sich jeder in seinem Haus ein. … Es war schrecklich. … Am nächsten Morgen brachen sie unsere Wohnungstür auf. Sie haben nicht einmal die Klingel benutzt. Sie griffen sich meinen Vater. Sie warfen ihn einfach die Treppe hinunter. Die nichtjüdischen Nachbarn hörten Schreie und öffneten ihre Türen. Dann machten sie sie schnell wieder zu. Es gab nichts, was wir tun konnten. Sie brachten meinen Vater nach Dachau und wir blieben alleine zurück. … Es gab keine Nachrichten von ihm und wir standen fürchterliche Ängste aus. … Als sie damit begannen, Leute wieder freizulassen, erfuhren wir, dass die, die nach Mannheim zurückkehrten, gegen 5 Uhr morgens am Bahnhof ankamen. Meine Mutter und meine Schwester standen jede Nacht auf. … Ich stand am Fenster und es geschah nichts – nicht um 5, nicht um 6, nicht um 7. … Und dann, nach einigen Monaten, kehrte mein Vater doch noch zurück. Er war ein gebrochener Mann. … Uns Kindern erzählte er nichts. Er sprach mit meiner Mutter, aber wir wussten nicht, was er ihr erzählte.“

[Benjamin Sommer, Yad Vashem Archiv VD 1366 (Original englisch).]

Rettet die Kinder!
In der Londoner Zeitung „Jewish Chronicle” erschienen am 23. Dezember 1938 Anzeigen verzweifelter jüdischer Eltern aus Deutschland und Österreich, die eine Bleibe für ihre Kinder suchten.
„Bitte helfen Sie mir, zwei Kinder aus Berlin herauszubringen. Junge und Mädchen, 10 Jahre, gute Familie”
„Welche Familie würde zwei Wiener Mädchen, 10 und 14 Jahre , ein neues Zuhause geben? Sie sind sehr gut erzogen und sprechen Englisch und Französisch. Fotos und Referenzen senden wir Ihnen gerne zu.“

Liebe Jugendliche!

Für den letzten Teil der Zeremonie – Teil D –, in dem ihr Texte mit Biografien verlest, wäre es schön, wenn ihr dazu Bilder zeigen würdet. Wir haben euch dazu einige im Anhang vorbereitet, aus denen ihr eines aussuchen könnt.

  • Während einer Zeremonie in der Schule könnt ihr dieses Bild an die Wand projizieren, über einen Computer oder über einen Overheadprojektor.
  • Während einer Zeremonie im Freien könnt ihr das Bild an einer Schnur über das Denkmal oder den Platz spannen oder als Poster hochhalten.

Tipp: Euer Lehrer weiß bestimmt, ob es Fotos der früheren jüdischen Gemeinde eurer Stadt/eures Ortes gibt und wo ihr diese findet. Lasst euch helfen!
Dann nehmt ein Foto aus eurer Region oder nehmt dieses zusätzlich, um den regionalen Bezug herzustellen.

D) An was erinnern wir uns heute, wenn wir an die „Kristallnacht“ des Jahres 1938 denken?

Wir fragen uns:
Wie haben Josef Linser, Lucille Eichengreen und die anderen, die nach dem Holocaust über ihre Erlebnisse berichtet haben, überlebt? Was haben sie erlitten?
Das können wir sicher herausfinden.

Aber wir wissen nicht: Hat Gerd Lewy aus Berlin jemals Koch werden können und zusammen mit seinem kleinen Bruder ein Restaurant eröffnet, in dem er seine Bratkartoffeln servieren durfte?

Auf der Website von Yad Vashem, Israels zentraler Holocaust-Gedenkstätte, sind mehr als drei Millionen Namen der Opfer des Holocaust abzurufen.
Aus dieser zentralen Datenbank haben wir einige „Gedenkblätter“ mit Namen von Juden herausgesucht, die während und nach dem Pogrom gestorben sind. Diese Gedenkblätter werden von überlebenden Familienmitgliedern und Freunden zur Erinnerung an die Opfer des Holocaust ausgefüllt.

Liebe Jugendliche!

Unsere Idee, aus den Gedenkblättern für die ermordeten Juden Lebensläufe zusammenzustellen, könnt ihr auch ganz allein in die Hand nehmen.
Dazu könnt ihr auf der Website von Yad Vashem nach Personen suchen, die aus eurem Ort oder der näheren Umgebung stammten. Die Website ist in englischer Sprache, aber ihr findet euch entweder selbst zurecht oder bittet jemanden um Hilfe.

Die Suche nach den Gedenkblättern funktioniert folgendermaßen:

  • Geht auf die Website: www.yadvashem.org.il
  • Klickt dort auf: The Central Database of Shoah Victims’ Names
  • Klickt dort auf: To search the Database or submit names: Click here
  • Dort seht ihr folgende Suchmaske:
Search for Victims' Names:
Family/Maiden Name:
First Name:
Location:

Gebt in diese Suchmaske ein, was euch bekannt ist, zum Beispiel den Namen des Ortes, den ihr sucht.
Ä, Ü und Ü bitte als ae, oe und ue schreiben!
Dann bekommt ihr Informationen und könnt euch die Gedenkblätter selbst zusammenstellen und ausdrucken. Manche sind in Hebräisch, dann gibt es aber eine Übersetzung ins Englische („Details“ anklicken). Viele sind in Englisch, viele auch in deutscher Sprache ausgefüllt.

Wie erinnern wir uns heute, wenn wir an die „Kristallnacht“ des Jahres 1938 denken?

Wir erinnern an

Louise Beer, am 04. August 1848 in Prossnitz (damals Mähren) als Louise Lasus geboren. Gemeinsam mit ihrem Mann, Eduard Beer, hatte sie sechs Kinder. Sie lebten in der Porzellangasse 6 in Wien. Während der „Kristallnacht“ 1938 wurde die 90-jährige Witwe aus ihrer Wohnung vertrieben und fand im Jüdischen Krankenhaus in Wien Unterkunft. Dort starb sie im Dezember 1938, wie ihre Großnichte Hanna auf dem Gedenkblatt angab, „an gebrochenem Herzen“. Die Großnichte Hanna lebt in Haifa in Israel.

Hermann Fuld, geboren in Usingen, wohnte in Weiden in der Oberpfalz. Er war Inhaber eines Geschäfts. Er starb um den 12. November 1938 im KZ Dachau. Seine Frau hieß Julia. Das Gedenkblatt wurde von Hermann Fulds Sohn Harry, der in den USA lebt, ausgefüllt. Er hat keine genaueren Erinnerungen an seinen Vater.

Alfred Altmann, geboren am 05. August 1878 in Grünberg, war verheiratet mit Gertrud Herzberg und lebte mit seiner Familie in Breslau. Im November 1938 verhaftet und in das KZ Buchenwald verschleppt, starb er dort noch im gleichen Monat. Er war 60 Jahre alt. Das Gedenkblatt hat sein Sohn Peter, der in den USA lebt, ausgefüllt.

Fritz Erwin Baumann, geboren am 09. Juli 1901 in Kassel, war verheiratet mit Erika Martin und wohnte in Frankfurt am Main. Er war Buchhändler. Am 12. Dezember 1938 starb er im KZ Buchenwald. Er war 37 Jahre alt. Das Gedenkblatt hat sein Neffe Andreas M. Goldner aus den USA ausgefüllt.

Josephine Roberg, am 18. März 1882, in Lemförde geboren, war mit Leopold Baer verheiratet. Sie lebten in Bassum. Nach der Verhaftung ihres Mannes und der Zerstörung ihrer Wohnung während der „Kristallnacht“ 1938 hat sie Selbstmord verübt. Sie war 56 Jahre alt. Das Gedenkblatt hat eine Verwandte ausgefüllt, die heute in Israel lebt.

Nathan Fröhlich, am 14. Juli 1883 in Ulrichstein geboren, wohnhaft in Stuttgart, war Inhaber eines Schuhladens. Er hatte mit seiner Frau Elise, geborene Raphael, drei Kinder. Am 12. Dezember 1938 starb er im KZ Dachau. Das Gedenkblatt hat sein Sohn Hans – heute: Henry – ausgefüllt, der in den USA lebt.

Wir erinnern uns an Menschen, Schicksale und Namen.
Wir erinnern daran, was Antisemitismus und Hass gegen andere Menschen anrichten können.

E) Abschlusszeremonie

Liebe Jugendliche!

Wir haben uns gedacht, dass ein Gedicht oder ein poetischer Aufruf am Ende der Zeremonie passend wären. Dadurch erhält die Veranstaltung einen angemessenen Abschluss.
Nachfolgend findet ihr einige Vorschläge, aus denen ihr einen oder, wenn es euch gefällt und ihr die Zeit dafür von vornherein einplant, auch zwei Texte auswählen könnt.
Anschließend braucht ihr aus eurer Gruppe jemanden, der den oder die Texte vorträgt. Das ist eine gute Aufgabe für Mitschüler, die gerne auch schwierige Texte vorlesen.

Der Text stammt von dem 1928 im rumänischen Sighet geborenen Elie Wiesel, der noch ein Jugendlicher war, als er 1944 aus Rumänien nach Auschwitz verschleppt wurde. Er war nicht viel älter als ihr oder in eurem Alter, als er im KZ Buchenwald befreit wurde. Seine Familie war komplett ausgelöscht worden. Er ist Schriftsteller geworden und hat 1986 den Nobelpreis erhalten.

Elie Wiesel

Was soll man mit dieser Erinnerung machen?
Wer wird für uns zeugen?
Was wird mit unserem Vermächtnis geschehen? …
Was geschieht in der Welt momentan? …
Es herrscht Gewalt. …
Oft fühlen wir Überlebenden uns melancholisch und schwach und der Verzweiflung nahe,
Nicht allein wegen der Vergangenheit, sondern auch wegen der Gegenwart. ...
Was wird unser Vermächtnis sein? ...
Selbst in Auschwitz war es Juden, war es jüdischen Frauen und Männern möglich,
Mut, Leidenschaft und Großzügigkeit zu zeigen.
Ein Stück Brot, ein wenig Zuspruch,
Ein Gebet am Schabbat.
Oder ein Lächeln. ...
Nach dem Krieg hätten die Überlebenden …
Rache oder Egoismus wählen können. ...
Stattdessen wählten sie die Hoffnung und suchten neue Würde. …
Unser Vermächtnis ist auch, dass wir aufbegehren,
Wenn Menschen ungerecht behandelt werden. ...
In anderen Worten: Bringt den Hungrigen Nahrung,
Den Heimatlosen baut ein Zuhause
Und bringt den Hoffnungslosen Hoffnung. ...
Irgendetwas geht schief in dieser Welt,
Und unser Vermächtnis ist noch nicht angenommen worden.

[Elie Wiesel während einer Konferenz in Yad Vashem im April 2002.]

Das Gedicht stammt von einem namentlich nicht bekannten Autor.
Es wurde bereits während des Holocaust geschrieben.

Das jüdische Stetl

Und einst
Gab es dort einen Garten
Und ein Kind
Und einen Baum.
Und einst
Gab es dort einen Vater
Und eine Mutter
Und einen Hund.
Und einst war dort ein Haus
Und eine Schwester
Und eine Großmutter.
Und einst
Gab es dort Leben.

[Anonymer Poet, in: Safira Rappoport, Yesterdays and then Tomorrows, Yad Vashem, Jerusalem, S. 186]

Das Gedicht stammt von Pavel Friedman, der 1942, als er das Gedicht schrieb, erst 17 Jahre war. Der Text wurde zusammen mit anderen Gedichten und Bildern von Kindern und Jugendlichen in einem Versteck im Ghetto Theresienstadt gefunden und ist heute im Jüdischen Museum in Prag verwahrt.
Pavel Friedman wurde von Theresienstadt nach Auschwitz verschleppt, wo er am 29. September 1944 starb.

Der Schmetterling

Der letzte, der allerletzte,
so kräftig, hell, gelb schimmernd.
Als würden sich die Tränen der Sonne
Auf einem weißen Stein niederlassen.
So ein tiefes, tiefes Gelb
Erhebt sich ganz leicht nach oben.
Es verschwand weil, so glaube ich, weil
Es der Welt einen Abschiedskuss geben wollte.
Seit sieben Wochen habe ich hier gelebt.
Eingepfercht im Ghetto.
Aber ich habe hier meine Freunde gefunden.
Der Löwenzahn verlangt nach mir
Und die weißen Kerzen der Kastanien im Hof.
Aber ich habe niemals einen zweiten Schmetterling gesehen.
Dieser Schmetterling war der letzte seiner Art.
Schmetterlinge leben nicht hier,
im Ghetto.

[Pavel Friedman, in: Safira Rappoport Safira, Yesterdays and tomorrows, Yad Vashem, Jerusalem, S. 198]

Abfahrt 1940

Meine Mutter wollte ihre Mutter nicht verlassen.
Ihre Schwester konnte nicht weggehen und die Mutter mit der Schwester allein lassen.
Mein Vater konnte nicht weggehen und seine Frau mit ihrer Mutter zurücklassen.
Am Tag, nachdem die Synagoge in Brand gesetzt worden war
Suchte mein Vater alles zusammen, was er besaß und gab es uns.
Werkzeug, Uhren, Ringe, ihr wisst schon, alles, was er besaß.
Er gab es meinem Bruder und mir.
Ohne sein Werkzeug aber ist ein Uhrmacher nichts.
„Ich brauche es nicht mehr – ihr seid jung. Eines Tages
werdet ihr davon Gebrauch machen können.“
Meine Mutter lächelte. „Es ist nicht so schlimm, sorgt euch nicht.
Vielleicht schon morgen werden wir alle Zug fahren können
Ohne dafür ein Ticket lösen zu müssen.“
Meine Mutter nahm ein Foto mit meinem Vater im Kaftan
Und ihr selbst im Schabbatkleid
Und sie legte es in meinen Schuh, so dass sie für immer mit mir gehen würden.
Dann verabschiedete sie mich mit einem Kuss.

[Aus dem Bericht von Henry Lenga, Pedagogic and Resource Center, Yad Vashem]

Legt nun Blumen oder Steine an und auf das Denkmal, an dem ihr euch versammelt habt.

Tipp: Juden legen kleine Steine auf die Gräber ihrer Toten.
Dafür gibt es verschiedene Erklärungen:
Sie sind Symbole für den Ursprung der Juden als Nomaden und ihrer Wanderung von Ägypten nach Israel. Die Toten wurden damals wegen der wilden Tiere mit Steinen bedeckt. Jeder Vorbeiziehende legte zum weiteren Schutz einen Stein auf das Grab.
Blumen werden im Judentum traditionellerweise nicht auf ein Grab gelegt, um die Ruhe der Toten nicht zu stören. Außerdem gehören Blumen zum Bereich des Lebens und nicht zum Tod. Ein Stein aber wird dem Boden entnommen, in dem der Tote beerdigt wurde. Man stellt eine enge Beziehung zu dem Toten her und wenn der Stein einmal vom Grab wieder herunterfallen sollte, so wird er von dem Boden wieder aufgenommen. Das ist sozusagen ein ewiger Kreislauf.

Zündet jeder eine Kerze an und lasst die Kerzen dann vor dem Denkmal zurück.
Beschriftet die Kerzen mit Namen getöteter Juden aus eurem Ort oder Nachbarorten.
Beschriftet die Steine mit Namen getöteter Juden aus eurem Ort oder Nachbarorten.

Wenn ihr in einem Klassenraum oder der Aula eine solche Zeremonie vorbereitet, könnt ihr vor der Zeremonie vielleicht in der Schule ein kleines Denkmal für die jüdischen Opfer eurer Region oder Stadt gestalten, an dem ihr am Ende Blumen, Steine und Kerzen ablegen könnt.


Beratung: Dr. Noa Mkayton
Danksagung
Wir danken der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart für die freundliche Abdruckgenehmigung des Zitats aus den Erinnerungen von Marta Appel, in: Monika Richarz (Hrsg.), Jüdisches Leben in Deutschland. Band 3: Selbstzeugnisse zur Sozialgeschichte 1918-1945, ©1982, Deutsche Verlags-Anstalt GmbH, Stuttgart.
Wir danken dem Leo-Baeck-Institut in New York, das die Erinnerungen von Martha Appel verwahrt, für die freundlich gewährte Nutzung ebenfalls sehr.
Hinweis an die Rechteinhaber von Texten
Bei etwaigen offenen Rechtsansprüchen bitten wir um Kontaktaufnahme mit Yad Vashem, um diese umgehend regeln zu können.