Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

Die Jüdinnen und Juden von Libyen

Von Sheryl Ochayon
Übersetzung und Redaktion:
Chani Hinker, Franziska Reiniger, Anna Stocker

Heute leben überhaupt keine Jüdinnen und Juden mehr in Libyen.

Hlafo el-Gawi (Babi) mit seiner Frau Emilya (Jimena).Hlafo el-Gawi (Babi) mit seiner Frau Emilya (Jimena).

Obwohl Libyen seit Tausenden Jahren eine jüdische Gemeinde hatte und die Jüdinnen und Juden dort unter griechischer, römischer, osmanischer, italienischer, britischer und arabischer Herrschaft lebten, gibt es heute keine Spuren mehr von dieser einst so blühenden Gemeinde.
Die moderne libysche Geschichte beginnt im Jahr 1911, als Libyen eine italienische Kolonie wurde. Da Libyen eine italienische Kolonie war und nicht unter die Herrschaft von Vichy-Frankreich kam, unterschied sich das Schicksal der jüdischen Bevölkerung Libyens von dem der Jüdinnen und Juden Algeriens, Marokkos und Tunesiens.
Im frühen 20. Jahrhundert waren die meisten Bewohnerinnen und Bewohner Libyens Muslime, die den europäischen Kolonialismus ablehnten. Unter italienischer Herrschaft ging es der jüdischen Gemeinde relativ gut. 1911 lebten ungefähr 21.000 Jüdinnen und Juden im Land (vier Prozent der Gesamtbevölkerung von 550.000). Obwohl sich die größten jüdischen Gemeinden in Tripoli und Benghazi befanden, lebten auch einige Jüdinnen und Juden in kleineren Städten, Dörfern, Bauernhöfen und sogar in Höhlen inmitten der arabischen und europäischen Bevölkerung.

Vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges lebten 30.387 Jüdinnen und Juden in Libyen.[1]
Die Situation der libyschen Jüdinnen und Juden verschlechterte sich drastisch, als die italienische Regierung im Jahr 1938 diskriminierende Gesetze gegen die eigene jüdische Bevölkerung erließ. Diese Gesetzgebung, die „Maßnahmen zur Verteidigung der italienischen Rasse”, wurde auch in Libyen eingeführt, aber praktisch erst 1940, nach dem Tod des faschistischen Generalgouverneurs von Italienisch-Libyen, Italo Balbo, vollstreckt.

Slat Lekbira Synagoge (Jimena).Slat Lekbira Synagoge (Jimena).

Das neue Gesetz verbat es Jüdinnen und Juden, ihre Kinder in öffentliche oder private italienische Schulen zu schicken. „Mischehen” zwischen „Ariern” und „Nichtariern” wurden illegal. Jüdinnen und Juden wurden vom Staatsdienst und beruflicher Tätigkeit ausgeschlossen. In jüdische Reisepässe wurde der Vermerk „Jüdische Rasse” gestempelt. Trotz dieser Veränderungen machte die jüdische Gemeine in Tripoli mit ihren 44 Synagogen 1941 immer noch 25 Prozent der Bevölkerung der Stadt aus.

Im Herbst 1940 wurden die italienischen Streitkräfte bei dem Versuch, das von Großbritannien kontrollierte Ägypten einzunehmen, vernichtend geschlagen. Der britischen Armee gelang es in einer Gegenoffensive tief nach Libyen vorzustoßen. Von diesem Zeitpunkt an bis zum Januar 1943 blieb Libyen stark umkämpft, wie Benjamin Doron in einem Interview beschreibt.
Die Region Kyrenaika im Osten Libyens und vor allem die Stadt Benghazi spürten die Folgen der ständigen Kämpfe und die wechselnde Vorherrschaft der italienischen, britischen und deutschen Truppen.
Da die italienischen Streitkräfte das jüdische Viertel Tripolis oft für Fliegerabwehrstellungen benutzten, war es massiven alliierten Bombardements ausgesetzt. Bei einem Angriff wurden vier Synagogen zerstört und 30 Jüdinnen und Juden getötet. Bei anderen Angriffen wurde der jüdische Friedhof, auf dem die italienische Armee Teile ihrer Flugabwehr positioniert hatten, beschädigt. Grabsteine wurden daraufhin herausgerissen, um neue Befestigungen zu errichten.[2]

In einer Sukkah sitzend (Jimena).In einer Sukkah sitzend (Jimena).

Jedes Mal, wenn die britische Armee in Libyen landete, wurde sie von den Jüdinnen und Juden begeistert unterstützt, da unter ihrer Kontrolle die diskriminierenden „Rassengesetze” keine Gültigkeit hatten. Wann immer aber die italienischen Streitkräfte Libyen zurückeroberten, wurde die jüdische Bevölkerung für ihre sogenannte „Kollaboration mit dem Feind” hart bestraft. 1942 nutzte die italienische Regierung die Begeisterung, mit der die jüdische Gemeinde die alliierten Soldaten empfangen hatten, als Vorwand, um die Jüdinnen und Juden Libyens für ihren „Verrat“ zu bestrafen. Mussolini beschloss, die libysch-jüdische Gemeinde aufzulösen und die Jüdinnen und Juden zu vertreiben; diese Maßnahme wird „sfollamento” („Evakuierung”) genannt. Das Ausmaß des „sfollamento” der libysch-jüdischen Bevölkerung hing von der Region ab, in der sie lebten. In der Kyrenaika wurden die Jüdinnen und Juden je nach ihrer Staatszugehörigkeit in drei Gruppen eingeteilt:

  • Jüdinnen und Juden mit französischer Staatsbürgerschaft oder solche, die unter dem Schutz Tunesiens standen, wurden in Konzentrationslager nach Algerien oder Tunesien deportiert;
  • Jüdinnen und Juden mit britischer Staatsbürgerschaft wurden zunächst in italienische Transitlager transportiert. Nach der deutschen Besetzung Italiens im Jahr 1943 wurden sie entweder nach Bergen-Belsen in Deutschland oder nach Innsbruck-Reichenau, einem Außenlager von Dachau in Österreich deportiert;
  • Jüdinnen und Juden mit libyscher Staatsbürgerschaft wurden in Konzentrationslager in Tripolitanien deportiert, deren berüchtigstes Jadu (Giado) war.

Die Innenansicht eines jüdischen Hauses (Jimena).Die Innenansicht eines jüdischen Hauses (Jimena).

Für die Jüdinnen und Juden in der Region Tripolitanien war die Situation unterschiedlich. Nur jene mit britischer oder französischer Staatsbürgerschaft wurden zusammen mit den Jüdinnen und Juden aus Kyrenaika nach Jadu gebracht. Die libyschen Jüdinnen und Juden aus diesem Gebiet wurden gezwungen, als Arbeitskräfte für nahe gelegene Arbeitslager, wie zum Beispiel Sidi Azzaz und Buq Buq, zur Verfügung zu stehen.[3] Ungefähr 3.000 libysche Jüdinnen und Juden wurden in diese Lager gebracht, wo sie Straßen und Eisenbahnlinien bauen mussten, die für den Transport von Kriegsmaterial an die Front genutzt werden sollten. Obwohl die Lebensbedingungen in diesen Lagern schlecht waren, erhielten die Insassen regelmäßig Nahrung und wurden medizinisch versorgt.
Jadu, an der Grenze zur Wüste, 235 Kilometer südlich von Tripoli gelegen, war das schlimmste Lager in Libyen. Jadu war ein mit Stacheldraht eingezäuntes, ehemaliges Armeelager. Die Kommandanten waren Italiener und das Wachpersonal bestand aus italienischen und arabischen Polizisten. Bis Juni 1942 hatte Italien etappenweise insgesamt 2.584 Jüdinnen und Juden nach Jadu transportiert. Nur 47 von ihnen besaßen keine libysche Nationalität. Die Lebensbedingungen im Lager waren unmenschlich. Das Lager war überbelegt - Dutzende Familien schliefen auf einer Fläche von vier Quadratmetern, nur durch Bettzeug und Decken voneinander getrennt. Die tägliche Lebensmittelration bestand aus einigen Gramm Reis, Öl, Zucker und Ersatzkaffee. Männer, die älter waren als 18 Jahre, mussten täglich Zwangsarbeit leisten. Wassermangel, Unterernährung, Überbelegung und Schmutz begünstigten die Ausbreitung von Infektionskrankheiten. Die Insassen begruben die Toten außerhalb des Lagers auf einem Hügel, der einst ein antiker jüdischer Friedhof war. Von den fast 2.600 jüdischen Insassen, die nach Jadu gebracht worden waren, starben 562 an Schwäche und Hunger und vor allem an Typhus.[4] Das war die höchste Zahl jüdischer Opfer in einem islamischen Land während des Zweiten Weltkrieges.

Alle zwei Wochen schlugen unsere Unterdrücker in den Synagogen eine Liste mit den Namen der Familien an, die sich auf den Transport vorbereiten sollten. Wir fuhren fünf Tage lang auf Lastwagen. In der Nacht schliefen wir unter freiem Himmel. Insgesamt wurden 2.600 Personen abtransportiert. Ich war damals 18 Jahre alt. Wir mussten zwölf Stunden - ohne Pause - durcharbeiten, den Boden aufhacken und Erde abtransportieren. Es verstand sich von selbst, dass wir mit den mageren Essensrationen, die wir erhielten, und der Knochenarbeit einen langsamen, qualvollen Tod erwarten konnten (genau wie in den Arbeitslagern in Europa). Wir organisierten eine Delegation von Juden, die zum Lagerkommandanten gehen und um größere Portionen bitten sollte. Der Offizier lachte uns aus und sagte: Wir haben euch nicht hierher gebracht, um euch zu ernähren. Wir wollten nur keine Patronen an euch verschwenden. Und jetzt geht wieder an die Arbeit![5]

Im Januar 1943 verließen die Aufseher das Lager. Einige Wochen später trafen britische Soldaten ein, aber viele der Gefangenen konnten wegen ihrer schlechten körperlichen Verfassung nicht transportiert werden. Die ersten Jüdinnen und Juden kehrten im Frühjahr 1943 aus Jadu in ihre Herkunftsorte zurück. Die letzte Gefangenengruppe verließ Jadu im Oktober 1943.

Vivian Varda und ihre Schwester Yvonne.Vivian Varda und ihre Schwester Yvonne.

Von den 2.000 britischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern, die nach Italien deportiert wurden, waren 870 Jüdinnen und Juden. In den italienischen Transitlagern, in die sie zunächst gebracht wurden, wurden sie relativ gut behandelt. Dies änderte sich jedoch mit der deutschen Besetzung Italiens am 8. September 1943. Im Laufe des Jahres 1944 wurden die meisten britischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern nach Bergen-Belsen deportiert. Eine besondere Eigenschaft der Jüdinnen und Juden aus Libyen, die in Konzentrationslager in Europa deportiert wurden, war, dass sie ihre Gruppensolidarität aufrecht erhielten und auch die Kaschrut[6], obwohl dies besonders schwierig war.[7]
Allen libyschen Jüdinnen und Juden, die nach Bergen-Belsen gebracht wurden, gelang es zu überleben.
Tripoli wurde am 23. Januar 1943 von der britischen Armee befreit und Jadu einen Tag später. Nach der Befreiung Libyens wurden die antisemitischen Gesetze widerrufen. Aber die Situation der Jüdinnen und Juden verbesserte sich kaum. Im November 1945 kam es zu einem Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung in Tripoli, welches drei Tage lang dauerte. 120 Jüdinnen und Juden wurden ermordet, Hunderte verwundet und mindestens fünf Synagogen wurden völlig zerstört. Es wurden nicht nur die Synagogen der Stadt zerstört und geplündert, sondern auch hunderte Häuser und Geschäfte.
1948 eskalierte der Antisemitismus abermals, als der Staat Israel gegründet wurde. Dabei wurden zwölf Jüdinnen und Juden getötet und 280 Häuser zerstört. Dieses Mal jedoch verteidigen sich die Jüdinnen und Juden und verhinderten weitere Tote und Verwundete. Um dem Antisemitismus zu entkommen, wanderten von 1948 bis 1951 und speziell nachdem die Einwanderung im Jahre 1949 legal wurde, bis zu 30.972 Jüdinnen und Juden aus Libyen nach Israel ein.[8]
1961 wurde ein Gesetz verabschiedet, welches verfügte, dass die libysche Staatsbürgerschaft nur durch ein spezielles Dokument nachgewiesen werden konnte, welches nahezu allen libyschen Jüdinnen und Juden verweigert wurde.
Bis 1967 verringerte sich die jüdische Bevölkerung auf 7.000. Nach dem Sechs-Tage Krieg begannen die antisemitischen Aufstände von Neuem. Der libysche König und auch die jüdische Leitung drängten die verbliebenen libyschen Jüdinnen und Juden zur Auswanderung. Eine italienische Luftbrücke evakuierte 6.000 Jüdinnen und Juden nach Rom, wodurch sie gezwungen waren, ihre Wohnungen, Geschäfte und Besitztümer zurückzulassen. Als 1969 Muammar al-Gaddafi an die Macht kam, lebten in Libyen noch knapp 100 Jüdinnen und Juden. Seine Regierung beschlagnahmte das gesamte Vermögen der libyschen Jüdinnen und Juden, erklärte alle Schulden an sie für ungültig und verbot jüdische Emigration. Dennoch gelang es einigen Jüdinnen und Juden, aus Libyen zu fliehen. Im Jahr 2004 gab es in Libyen keine Jüdinnen und Juden mehr.[9]

Über Ihre Rückmeldungen würden wir uns freuen, bitte wenden Sie sich diesbezüglich an
germany.education@yadvashem.org.il.



[1] Maurice M. Roumani: The Jews of Libya: Coexistence, Persecution, Resettlement. Eastbourne, 2008. S. 28.
[2] A. a. O. S. 28.
[3] A. a. O. S. 29.
[4] A. a. O. S. 35.
[5] http://jewishrefugees.blogspot.co.il/2007/06/libyan-jewish-experience-in-giado-camp.html (englisch), letzter Zugriff 29. April 2012.
[6] Kaschrut ist das hebräische Wort für die jüdischen Speisevorschriften der Thora.
[7] Roumani, S. 32 f.
[8] http://jimenaexperience.org/libya/about-jimena/past-and-present. (letzter Zugriff 31.12.2012)
http://de.wikipedia.org/wiki/Pogrom_von_Tripolis_1948. (letzter Zugriff 31.12.2012)
[9] Ebda.